Dann kam der Freitag heran, am Sonnabend früh sollten wir reisen. Ich hatte es nicht durchzusetzen vermocht, dass man noch bis zum Montag blieb. Freilich wagte ich nicht zu sagen, was für ein Glück ich gerade von dem Sonntag erwartete. Als ich spät am Abend in den Garten entwischen konnte und sie am Zaun stehen sah, fühlte ich ein solches Herzweh, dass ich zuerst kein Wort hervorbringen konnte. Auch sie war einsilbig. Sie reichte mir durch die Lücke des Stackets etwas in ein Papier Eingewickeltes, das sie mit einem Zwirnsfaden umwunden hatte. Dabei lachte sie leise. Es ist von meinem Haar, sagte sie. Du hast es haben wollen. In der Stadt wirst du es wegwerfen. Was hast du auch daran?

Ich griff begierig darnach. Ich selbst gab ihr ein weißes seidenes Tüchlein, das ich gegen den rauen Wind umzubinden pflegte und das ihr in die Augen gestochen hatte. Ich sah, wie sie sich darüber freute. Nur schade, sagte sie, dass ich es unter dem Hemd tragen muß; denn wenn die Frau es sähe, würde es Lärm geben. Also reist ihr wirklich morgen früh? Ich kann dir nicht einmal Lebewohl zuwinken; ich muss schon um fünf ins nächste Dorf, um Setzlinge zu holen, die der Vater dort gekauft hat. Also müssen wir schon heute Abschied nehmen.

Bei diesen Worten sah sie sich forschend nach der Hütte um, die ganz dunkel und lautlos am Ende des Gartens lag, und plötzlich klomm sie gelenkig wie eine Katze an dem Zaun empor und schwang sich drüben zu mir hinab, dass ich fast erschrak, als sie plötzlich mich mit ihren nackten Armen umfasste und herzlich auf die Lippen küsste. Vergiss mich nicht, Goldene! sagte sie. Ich weiß, du wirst es nicht tun, du bist gut. Und ich wünsche dir — nein, ich wünsche dir nichts. Jeder weiß allein am besten, was er sich wünschen soll. Und komme wieder, wenn der Wald erst grün ist und unsere Rosen blühen. Bis dahin werde ich’s wohl noch aushalten.

Wieder drückte sie mich so fest an sich, dass ich kein Wort erwidern konnte. Dann schwang sie sich ebenso behende über das Stacket zurück, nur dass ihr Röckchen hängenblieb und einen langen Schlitz bekam. Darüber hörte ich sie noch lachen, dann flog sie davon wie ein Pfeil, und ich stand noch eine ganze Weile, das Päckchen mit den Haaren in der Hand, ordentlich sentimental; ich glaube gar, ich habe verweinte Augen gehabt, als ich ins Haus zurückkehrte.

Doch merkte niemand, dass mir etwas Absonderliches begegnet war, und auch in den nächsten Monaten, die ich in der Stadt zubrachte, hütete ich mein Geheimnis so sorgfältig wie das einer verbotenen Liebe. Ich verglich im Stillen meine übrigen sogenannten Freundinnen mit diesem armen Mädchen und fand, dass sie alle von ihr in Schatten gestellt wurden. Was waren alle anerzogenen konventionellen Liebenswürdigkeiten, alle Tugenden und Talente unserer Treibhauskultur gegen den frischen Duft und Hauch dieser wildaufgewachsenen Feldblume? Ich hatte oft eine so heftige Sehnsucht nach meiner geliebten Schwarzen, dass ich Tag und Nacht von ihr träumte, oft so lebhaft, als hörte ich ihr Lachen dicht an meinem Ohr und fühlte den Druck ihrer warmen Lippen auf den meinen.

Das einzige Linderungsmittel, wenn man entbehrt, was man liebt: sich schwarz auf weiß sein Herz auszuschütten, war mir auch versagt. Einmal, gleich in der ersten Woche hatte ich ihr geschrieben. Es dauerte eine Weile, bis die Antwort kam, über deren Anblick ich mich unsinnig freute, trotz des groben Papiers, der unbeholfenen Schrift und einer seltsamen Orthographie. Doch war jedes Wort ihr so ganz ähnlich, klar und fest, und dazwischen allerlei lustige Einfälle, auch die Versicherung, dass sie oft an mich denke und mir sehr gut sei, so dass ich überglücklich war und den Brief in das Kästchen verschloss, wo ich meine kleinen Schmucksachen verwahrte. Zum Schluß aber hatte sie mich leider gebeten, ihr nicht mehr zu schreiben; es mache Aufsehen, wenn sie einen Brief bekomme, und „die Frau” habe diesen ersten durchaus zu lesen verlangt, was sie aber um keinen Preis zugegeben hätte. Sie möge immerhin glauben, der Brief komme von einem heimlichen Schatz; es sei auch gar nicht so weit davon, da ihre „Goldene” ihn geschrieben habe.

Nun verging die nächste Zeit freilich langsam genug für meine Ungeduld; endlich aber, zu Anfang des September, kam der Tag des Wiedersehens, und als unser Wagen vor dem Landhaus hielt, sah ich unter der herbeigelaufenen Dorfbevölkerung auch das rote Kopftuch meiner Freundin, das sich aber sofort wieder zurückzog, nachdem wir nur einen zärtlichen Augenwink miteinander getauscht hatten. Erst am dunklen Abend fanden wir uns zusammen, diesmal nicht durch den Zaun getrennt, sondern auf der Bank am Weiher. Ich hatte so viel für sie auf dem Herzen, dass ich sie kaum zu Worte kommen ließ. Sie ließ mich reden, lachte nur dann und wann und sagte, ich sei nicht recht klug, dass ich so viel Wesens von ihr mache. Sie selbst hatte in ihrem eintönigen Tagewerk nicht viel erlebt, nicht einmal die Bücher angesehen, die ich ihr zurückgelassen. Auch die vielen kleinen Geschenke, die ich ihr mitgebracht, nahm sie kühler an, als ich mir vorgestellt, da ich sie alle sorgfältig daraus berechnet hatte, dass sie sie brauchen und hübsch finden konnte. Sie war überhaupt, obwohl herzlich und sogar zärtlich zu mir, doch ein wenig verändert: noch gewachsen über den Sommer und voller geworden, und auch in ihrer Stimmung ernsthafter und sozusagen gereifter als damals. Als ich es ihr sagte, wollte sie nichts davon wissen. Ich hatte aber feine Ohren und hörte sie ein paarmal einen Seufzer unterdrücken, was mir genug zu denken gab.

Als ich am Abend zu Bette ging und die gute Frau Sengebusch mir in mein Schlafzimmer leuchtete, fragte ich sie so ganz obenhin, wie es denn bei unseren Nachbarsleuten stehe, ob die Gärtnersfrau ihrer Tochter noch immer das Leben sauer mache und ob keine Aussicht sei, dass das arme Mädchen einen Mann bekomme, der sie aus dieser Sklaverei erlöse. — Daran sei weniger zu denken als je, sagte die Alte. Es gehe mit den Martinschen eher zurück als vorwärts; der Mann habe sich beim Pfropfen eines Baumes in die Hand geschnitten, und die Wunde sei bösartig geworden, so dass er noch immer nicht recht sein Geschäft betreiben könne. Darum würde er die Tochter nicht hergeben, auch wenn einer um sie freien wollte. Zum Glück sei gerade in der schlimmsten Zeit, wie der Doktor davon sprach, man werde am Ende die Hand abnehmen müssen, eine Hilfe gekommen, ein junger Bursch aus dem Thüringischen, eine Art Strolch und Tagedieb, der auf den Dörfern herumgestreunt und auf einer großen Ziehharmonika gespielt habe. Der habe auch vor dem Gärtnerhaus zu musizieren angefangen, und da sei die Martinsche herausgekommen und habe ihn weggescholten: er solle lieber ehrliche Arbeit tun, als wie ein Zigeuner herumlungern. Da habe der Bursch gelacht und gesagt: er möchte wohl arbeiten, wenn er nur wüsste, was und wo. Der Mann aber, wie er das gehört, sei herausgeschlichen in seinem Fieber und habe gesagt: wenn das sein Ernst sei, Arbeit wolle er ihm wohl anweisen. Da sei der halbe Garten noch umzurajohlen und die neuen Pflanzungen zu machen für das Sommergemüse, und wenn er auch kein gelernter Gärtner sei, nur anstellig und fleißig, werde er sich schon einarbeiten. Dagegen habe die Frau sich erst sehr ungebärdig gestellt wegen des Tagelohns und gesagt, das faule Ding, die Jakobe, werde es schon allein zwingen. Der Mann aber sei diesmal fest geblieben, und seitdem hätten sie den Hannickel, wie der Thüringer genannt werde, als ihren Gehilfen, und er lasse sich recht ordentlich an, und wenn Feierabend sei, spiele er ganz munter seine lustigen Lieder und Tänze, und alle im Dorf möchten ihn gut leiden.

Und die Jakobe? fragte ich.

O, die ist ein braves Mädchen, die sieht gar nicht nach ihm hin, die arbeitet jetzt für zwei, als ob sie zeigen wollte, dass der hergelaufene fremde Geselle eigentlich doch überflüssig sei. Und dann hält auch die Mutter sie noch schärfer im Auge, und der Hannickel geht jeden Abend ins Dorf in seine Schlafstelle, und niemand kann ihm was nachsagen.