Ich sagte es ihr endlich, dass ich sie bewunderte. Sie hörte mir eine Weile zu, scheinbar zerstreut, und beschäftigte sich angelegentlich damit, kleine Kiesel, mit denen der Uferweg bestreut war, mit der Spitze ihres Schuhes ins Wasser zu schleudern. Dann sagte sie auf einmal ganz ruhig:
Meinst du wirklich, dass es mir so schlecht geht? Ich bin lange daran gewöhnt, und Anderen geht es nicht besser, und viele Andere haben nicht einmal Haare auf den Zähnen, dass sie sich wehren können, wenn’s zu arg wird. Wenn mich die Frau nicht lieb hat, ist’s ihr eigener Schade. Ich liebe sie auch nicht, damit sind wir fertig. Wenn ich irgendwo in einem anderen Hause dienen müßt’, wär’ ich vielleicht noch schlechter daran, und hier hab’ ich doch Vater, der ’s gut mit mir meint. Ich weiß nicht, wie es dir geht, Goldene; aber wenn du auch reich bist und eine gute Mutter hast, du wirst auch nicht immer vergnügt sein. Jeder hat seinen Packen zu tragen.
Ich errötete, da ich daran dachte, wie viel heimliche Nöte ich mit meinem ungebärdigen Herzen und grübelnden Verstande zu bestehen hatte, und wie viel Kummer es mir machte, dass ich mir häßlich vorkam. So antwortete ich ihr ausweichend, ob es ihr denn nicht weh tue, dass sie ihre Mutter nicht lieben könne? Gott habe doch geboten, dass man Vater und Mutter lieben und ehren solle. Ob sie denn nicht an Gott und sein Wort glaube?
Gewiss tue sie das, erwiderte sie ganz treuherzig. Aber Gott selbst könne nicht aus schwarz weiß machen, und wenn es damit seine Richtigkeit hatte, dass man seine Feinde lieben solle, müßte von Rechts wegen Gott auch den Teufel lieben. Dabei lachte sie wieder, weil ihr eigener Einfall ihr spaßhaft vorkam. Gleich darauf wurde sie wieder ganz ernst.
Siehst du, Goldene, sagte sie, ich bin nicht so dumm wie jede erste beste Bauerndirne, vielleicht weil ich immer allein lebe und, seit ich aus der Schule gekommen bin, gar keinen Umgang mit meinen Kameradinnen mehr gehabt habe. Ich fühle ganz bestimmt, dass ich noch einmal recht glücklich werden kann, wenn ich nur will, wenn ich mich nur nicht unterkriegen lasse. Jeder Mensch kann es, außer ein kranker und schlechter; und dass man arm ist, steht dem Glück nicht im Wege, solange man den Kopf oben behält. Und das will ich, solange ich lebe. Also brauchst du mich gar nicht zu bedauern, und ich beneide dich auch gar nicht, weder um deine goldene Kette, noch um deine schönen Kleider und alles was du hast. Ich find’ auch in meinen alten Fetzen ein Glück, wie ich’s brauche, und Einen, der es mir verschafft, und vielleicht noch früher als du. Aber nun bin ich ausgeruht, nun wollen wir ein bißchen herumstreifen.
Sie sprang auf und zog mich am Arm sich nach. Dann gingen wir, uns an der Hand fassend, durch den ganzen Park und zum Hinterpförtchen hinaus über Feld und Wiesen, die mir heute zum erstenmal gar nicht so kahl und gottverlassen vorkamen wie bisher. Noch heute kann ich mich in die Gefühle zurückträumen, von denen damals mein Herz bis zum Überfließen erfüllt war. Es war die erste leidenschaftliche Empfindung meiner Seele. Was wusst’ ich von diesem Mädchen, mit dem ich kaum eine Stunde zusammen gewesen war? Gerade nur genug, um den Eindruck ihres Wesens im Großen und Ganzen zu empfangen; der aber genügte, um mich ihr ganz zu eigen zu machen. Ich hatte nie eine ähnliche Natur kennengelernt, keine von so festem, großem Zuschnitt, so nachdenklich und so unbekümmert, so heiter und energisch zugleich. Ich selbst kam mir mit meiner städtischen Bildung, meinen Künsten und Wissenschaften höchst gering und unwert neben ihr vor und fühlte, dass ich nur durch eine grenzenlose Hingebung mich zu ihr emporheben konnte.
Als ich ihr ein paar Worte sagte, die ihr diese meine Stimmung unbeholfen genug verrieten, lachte sie, blieb mitten auf einer frühlingsbunten Wiese stehen und sagte: Du bist nicht recht klug. muss man sich den Kopf darüber zerbrechen, warum man sich gern hat? Was sollte ich dann erst machen, wenn ich darüber nachdenken wollte, was du an der armen Schwarzen findest, dass du so rasch mit ihr gut Freund geworden bist? — Und plötzlich nahm sie meinen Kopf zwischen ihre breiten kräftigen Hände und küßte mich zweimal auf den Mund. Eine liebliche Wärme durchströmte mich, wie ich sie nie vorher empfunden. Dann ließ sie mich los und lachte wieder, aber ich sah, dass sie dabei rot wurde, und dann bückte sie sich nach den Wiesenblumen, von denen sie mir einen kleinen Strauß pflückte. Gesprochen wurde an jenem Tage nicht mehr viel zwischen uns. Mir war ganz feierlich zumute, wie wenn ich fühlte, dass ich einen Bund fürs Leben geschlossen hätte; und auch sie war in allerlei ernsthafte Gedanken vertieft.
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In den nächsten Tagen konnten wir uns nur verstohlen sehen. Ich ging oft in den Garten und spähte durch den Zaun, wo ich sie denn auch immer fleißig graben und pflanzen sah, aber nicht mehr als ein Kopfnicken von ihr erhielt. Zweimal glückte es mir, nach der Teestunde noch hinauszuschleichen, und richtig fand ich sie an dem Zaun meiner harrend, was mich sehr glücklich machte. Wir standen dann ein Viertelstündchen wie Pyramus und Thisbe beisammen und tauschten in atemloser Hast allerlei Gedanken und Gefühle aus. Sie war, obwohl es kaum anderthalb Stunden Weges waren, nur vier– oder fünfmal in der Stadt gewesen, wo die Mutter auf den Montags– und Donnerstagsmärkten den Verkauf ihrer Blumen und Gemüse besorgte. Seit sie herangewachsen, versagte man ihr diese kurzen Freuden. „Die Frau” meine, es könne mir schaden, sagte sie mit einem verächtlichen Achselzucken. Desto begieriger war sie, von mir zu hören, wie es dort zugehe, wie man in den prachtvollen großen Häusern lebe, was ich in der langen Winterszeit anfange. Sie selbst sitze dann in der dumpfigen Stube, stricke und nähe und höre die Frau brummen und schelten. — Das macht mir so wenig, wie dem Müller das Brausen der Mühlenflügel. — Auch zu lesen habe sie große Lust. Aber außer der Bibel und ein paar Bänden einer illustrierten Zeitschrift hätten sie keine Bücher.
Das nächste Mal brachte ich ihr aus meinem kleinen Vorrat mit, was ich gerade hatte. Ich glaube, sie hat wenig Geschmack daran gefunden, soviel ich mir auf meine kluge Auswahl zugutetat. Wenigstens war von Büchern zwischen uns nie mehr die Rede.