Erst ein bißchen sitzen, sagte sie. Ich habe mich den ganzen Vormittag abrackern müssen.
Das gemeine Wort gab mir einen kleinen Stoß. Ich war immer an ein sehr wohlerzogenes Deutsch gewöhnt worden. Auch späterhin hatte ich noch dann und wann einen leichten Schrecken zu überstehen, wenn sie einen groben Ausdruck brauchte. Es fiel mir umso mehr auf, da sie im Übrigen ihre Worte so geschickt und treffend zu setzen wusste, gar nicht wie die anderen Landkinder dieser Gegend. Das kam daher, dass ihr Vater, ehe er das Gärtnergewerbe ergriff, Schreiber bei einem kleinen Gericht gewesen war und sich einige Bildung angeeignet hatte.
Wir setzten uns nun auf die Bank unter die Florastatue, und anfangs wollte keine rechte Unterhaltung aufkommen. Wir musterten uns beide stillschweigend, sie gefiel mir immer mehr, ich hätte gern ihre braune Hand gefasst oder ihr Gesicht gestreichelt, doch hielt mich eine beklommene Schüchternheit zurück. Auch sie war viel weniger dreist als vorgestern hinter dem Zaun. Ihre feierliche Kleidung schien ihr einen gewissen Zwang aufzuerlegen. Sie sah lange eine goldene Kette an, die ich um den Hals trug und an der ein goldenes Kreuzchen hing mit einem roten Stein. Endlich wagte sie, das Kreuzchen anzufassen.
Ich möchte dir’s gern schenken, Jakobine, sagte ich: aber ich hab’ es von einer Patin zur Konfirmation bekommen.
Was sollte ich auch damit? erwiderte sie mit einem kurzen Auflachen und zog ihre Hand hastig zurück. Es ist viel zu schön für eine Dorfmagd. Aber weißt du was? Du musst mich nicht Jakobine nennen. Nenne mich lieber „Schwarze” wie mein Vater, das höre ich am liebsten. Und dich will ich „Goldene” nennen.
Ich habe aber kein goldgelbes Haar.
Das tut nichts. Aber du selbst bist wie von Gold.
Und du? Wovon bist du denn, wenn ich von Gold bin?
Ich? Ich bin von Kupfer. Am Herd, wenn ich alle Tage dienen muß, werde ich ganz schwarz und rußig. Aber man braucht mich nur ein bißchen zu scheuern und zu putzen, so werde ich blitzblank und kann mich selbst neben dem rarsten Gold sehen lassen.
Sie lachte wieder vor sich hin, ihr Lachen bezauberte mich förmlich. dass sie lustig sein konnte, da es ihr doch so kläglich ging, staunte ich als ein Zeichen eines großen und heroischen Gemütes an.