Ich sah, wie sie überlegte. Ich muss den ganzen Tag arbeiten, sagte sie, und jetzt erst fiel mir auf, welch eine raue Stimme sie hatte. Wenn ich zu früh Feierabend machte, kriegt’ ich es mit der Mutter. Sie ist immer froh, wenn sie mich beim Vater verklagen kann, weil der mich — lieber hat als sie. Und er fürchtet sich vor ihr und läßt sich’s nicht merken, dass er mir gern was Besseres gönnte. Ja, du — du hast’s gut! Aber laß die Zeit nur vergehen; eines Tages —
Sie vollendete den Satz nicht, sondern hob den Spaten mit ihrem kräftigen braunen Arm und schleuderte ihn weit von sich. In diesem Augenblick hörte ich eine Weiberstimme vom Hause her rufen: Jakobe! Wo steckst du denn? Bist du schon fertig? — Ich sah nur undeutlich ein kleines Weibchen, das aus der Tür des Gärtnerhauses getreten war und heftig mit den Armen durch die Luft fuhr. Hörst du wohl? sagte das Mädchen, nicht einmal die paar Augenblicke gönnt sie mir. Aber übermorgen ist Sonntag — da komme ich nachmittags zu dir in den Baumgarten (sie meinte den Park) — da, wo die weiße Figur an dem Teiche steht. Aber du — du wirst bis dahin die Schwarze längst vergessen haben.
Ich beteuerte ihr, dass ich getreulich auf sie warten würde, und sah noch, wie ein Lächeln über ihr Gesicht flog, das ihr vollends mein Herz gewann. Dann nickte sie mir flüchtig zu, ging ihren Spaten aufzuheben und kehrte langsam zu ihrer Arbeit zurück, ohne der Mutter, die noch eine Weile fortkeifte, ein einziges Wort zu erwidern.
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Es wunderte mich selbst, dass diese neue Bekanntschaft mir so wichtig war und dass ich dem Sonntagnachmittag in so ungeduldiger Auslegung entgegensah. Zu Hause sagte ich Niemand von meinem Begegnen mit der schwarzen Jakobe. Nur mit ganz gleichgültiger Miene erkundigte ich mich bei der alten Hausverwalterin nach den Gärtnersleuten. Seit vier Jahren lebten sie auf ihrem Grundstück, wollten aber nicht recht gedeihen. Die Frau sei um einige Jahre älter als der Mann und verbittere ihm das Leben mit ganz grundloser Eifersucht; ja sogar die eigene Tochter misshandle sie, weil sie es nicht ertragen könne, dass dies einzige Kind des Vaters Liebling sei. Das Mädchen wachse wild auf und müsse den Knecht ersetzen, da es keiner auf die Länge in der elenden Wirtschaft bei der schlimmen Frau aushalte. Es sei Schade um die schwarze Jakobe; wenn Etwas an sie gewandt würde, könne eine ganz brave und gescheite Frau aus ihr werden. So aber sei sie zu stolz, mit irgendjemand umzugehen, da sie sich ihres armseligen Aufzuges schäme.
Dies alles bestärkte mich nur in meiner Teilnahme für die junge Nachbarin. Als der Sonntag kam, huschte ich gleich nach dem Essen, wo ich sonst Klavier zu spielen pflegte, aus dem Hause und lief mit einem Herzklopfen, als handle sich’s um ein viel bedenklicheres Stelldichein, in den einsamen Park hinein nach der Stelle am Weiher, wo eine zopfige Flora unter einer Traueresche stand und eine steinerne Bank, die der Lieblingssitz des toten Oheims gewesen war.
Ich entsinne mich noch deutlich, wie gekränkt ich mich fühlte, als ich mich dort ganz allein fand und eine gute Stunde allein bleiben musste. Es schien mir fast meiner unwürdig, dass ich auf das Bauernkind warten sollte, bis es ihm beliebe, sich einzufinden. War es nicht schon fast zu viel der Herablassung, dass ich überhaupt mich so pünktlich eingefunden, statt mich ein wenig kostbar zu machen? Ich nahm mir vor, ziemlich kühl zu tun, wenn sie endlich käme. Aber kaum hörte ich ihren festen, raschen Schritt durch den Laubgang herankommen, so waren alle meine hoffärtigen Vorsätze wie weggeweht, und ich ging ihr mit ungeheuchelter Freude, dass sie endlich doch Wort gehalten, entgegen.
Sie hatte ein wenig Toilette gemacht für diesen Besuch, so gut der arme Narr eben konnte. Statt des Strohhutes hatte sie ein rotes Tuch über ihre schwarzen Flechten geknüpft, das in zwei Zipfeln über den Nacken herabfiel. Das schwarze Wollkleidchen, das von keiner kunstfertigen Hand zugeschnitten war, reichte ihr bis an die Knöchel und stand ihr nicht so gut wie ihr verwahrloster Arbeitsanzug. Überdies trug sie statt der Pantinen derbe Lederschuhe, und ich glaube sogar Stümpfe. Doch bemerkte ich trotz alledem erst heute, dass sie sehr schön gewachsen war und über ihr Alter entwickelt.
Sie lachte, als sie sah, wie ich sie betrachtete. Das Kleid wird mir schon zu kurz und zu eng, sagte sie. Ich hab’ es schon vorm Jahr bekommen, zu meiner Einsegnung, das heißt, ich habe mir’s selbst, so gut ich konnte, zurechtschneiden müssen aus einem alten Rock der Frau Sengebusch (so hieß die Haushälterin des Großonkels). Die Frau (sie meinte ihre Mutter) behauptete, mein Sonntagskleid sei gut genug; ich erklärte ihr aber, ich ginge ohne schwarzes Kleid nicht zur Einsegnung; da erbarmte sich die gute Alte und schenkte mir dies, und ich habe vier Nächte aufgesessen, bis ich mir’s zurecht gemacht hatte. Der Herr Baron schenkte mir ein Goldstück und ein Gesangbuch. Hiernach bin ich so schnell gewachsen, nun sprenge ich alle Augenblicke eine Naht.
Du bist ganz hübsch so, Jakobine, sagte ich. Komm, wir wollen ein wenig spazieren gehen.