Sie war während dieser eifrigen Rede zu ihrem Lehnstuhl gewankt und ließ sich nun erschöpft in demselben nieder. Immer noch begriff ich nicht, was in diesem Buch es gewesen sein möchte, das sie so gewaltsam aus ihrem Gleichgewicht gerissen hatte.
Sie mögen Recht haben, sagte ich. Es ist eine Unsitte, schwere psychologische Fragen — und gibt es überhaupt leichte? — in einer kurzen Stunde vor wenig oder gar nicht vorbereiteten Zuhörern abzuhandeln. Aber hat nicht alle und jede Erziehung dieselbe unmögliche Aufgabe zu lösen? Und löst sie am Ende doch, indem sie mit unverstandenen Worten, die sich nur allmählich aufhellen, immer engere Kreise um dunkle Begriffe zieht, bis hier und da, wie im Mittelpunkt eines Brennspiegels, ein Funken aufleuchtet? Sagen Sie mir nur, wo das ungemischte Publikum zu finden wäre, vor welchem der Denker, ohne sich herabzuwürdigen, seine letzten Erkenntnisse ausbreiten könnte? Etwa in den Hörsälen der Universitäten, wo eine grüne Jugend zu seinen Füßen sitzt, die, während er spricht, an die nächste Mensur oder den gestrigen Kneipabend denkt?
Sie antwortete nicht sogleich. Sie hatte den kleinen Kopf in die Hand gestützt und schien meine letzten Worte überhört zu haben.
Plötzlich blickte sie auf, sah mich mit ihren dunklen Augen durchdringend an und sagte:
Was halten denn Sie von der Freundschaft? Sind Sie auch der Meinung Ihres Philosophen, das Gefühl, das wir so nennen, wurzle in dem Geselligkeitstriebe, in jenem Instinkt, der Bienen und Ameisen und Vogelschwärme zusammenführt und die Menschen dazu treibt, Vereine zu stiften und Staaten zu gründen? Und wie denken Sie über den Ausspruch des großen Aristoteles: nur unter Guten sei Freundschaft möglich? Sie mögen mich nun im Stillen eine hochmütige alte Närrin schelten — ich behaupte dennoch: wenn Ihre Philosophen nichts Klügeres von der Freundschaft zu sagen wissen, so sprechen sie wie Blinde von den Farben. Ich wenigstens — ich habe so wenig Geselligkeitstrieb, dass, wenn es auf mich angekommen wäre, die Menschen noch heut in lauter einzelnen Hütten über die ganze Erde zerstreut wohnten, und gleichwohl und eben darum glaube ich besser als die Meisten, denen ihre sogenannten Freundschaften eben nur zu dem übrigen Komfort des Lebens gehören, zu wissen, was Freundschaft sei. Gerade diejenigen, die von allgemeiner Menschenliebe überfließen und in den Ruf einstimmen: Seid umschlungen, Millionen! haben die geringste Anlage, das schwächste Bedürfnis nach dem, was ich allein dieses hohen Namens würdig finde. Ein sogenannter Menschenfreund — er mag sehr respektabel sein, vielleicht weit edler, sittlicher, wohltätiger, als der Freund eines Einzigen. Aber man sollte verschiedene Dinge nicht mit demselben Namen bezeichnen, Freundschaft nicht mit Nächstenliebe oder Humanität verwechseln. Sie schweigen? Sie sind nicht meiner Meinung? Ober meinen Sie, dass eine kleine alte Frau nicht mitsprechen dürfe, wo der große alte Aristoteles gesprochen hat?
Durchaus nicht, verehrte Freundin! erwiderte ich. Ich glaube nicht daran, dass irgendein Denker irgendeinen Gedanken je zu Ende gedacht habe, so dass die späteren, wenn sie ihr eigenes Leben erleben und neue Blicke in die Welt tun, nichts davon– und dazuzudenken hätten. Was aber jenes aristotelische Wort betrifft, von dem ich im Augenblick nicht weiß, in welchem Zusammenhang es steht, so begreife ich nicht, was Sie so lebhaft dagegen aufbringt. Auch ich glaube in diesem Punkt einige Erfahrung zu haben und bin ganz Ihrer Meinung, dass es töricht ist, Freundschaft aus der allgemeinen menschlichen Bedürftigkeit, dem Trieb nach Anlehnung und Verbrüderung herzuleiten. Gerade dass man Einen unter Tausenden sich zum Freunde wählt —
Wählt! — unterbrach sie mich wieder. Wie Sie dies Wort nur brauchen können, wo es sich um eine Naturmacht handelt, die alles Wollen und Wahlen ausschließt! Man kann allenfalls einen Beruf wählen, eine Konfession, eine Gattin — obwohl auch in all diesen Fällen, wenn es immer mit rechten Dingen dabei zuginge, nur von einem Müssen die Rede sein sollte. Hier aber können Zweckmäßigkeitsgründe den Ausschlag geben. Und freilich — aus eben solchen Gründen „Wählen” die meisten Menschen auch ihre Freunde, wegen dieser oder jener nützlichen oder angenehmen Eigenschaften, deren Mitgenuss ihnen durch eine vertraute Verbindung gesichert wird. Mir aber erscheint eine Freundschaft, die aus solchen Quellen entspringt, so wenig als die echte und rechte, wie ich das Wort Liebe entweihen möchte, wo es sich um eine Wahl aus irgendwelchen Rücksichten handelt, und seien sie der edelsten Art. Solche Bündnisse können sehr segensreich werden; die Macht der Gewohnheit und der Dankbarkeit für vieles Gute und Schöne kann sie mit der Zeit mehr und mehr adeln: immerhin bleibt in ihnen ein Erdenrest kühler und kluger Überlegung, im besten Falle die Früchte wahrer Hochachtung und sittlicher Würdigung. Was sich aber in Wahrheit Liebe und Freundschaft nennen darf, muss auf einem Grunde wurzeln, der mit dem Verstande nichts gemein hat, auf einem dunklen, unerforschlichen und unergründlichen Zuge der Natur; nur der ist so stark, dass er, wie es in der Bibel heißt, stärker ist als der Tod und die Pforten der Hölle. Solange ich einen Menschen nur liebenswürdig finde in dem üblichen Sinne des Wortes, darf ich noch nicht sagen, dass ich ihn liebe. Solange ich an einem anderen nur eine Reihe trefflicher Gaben und Tugenden bemerke, darf ich mir nicht anmaßen, sein Freund zu sein. Er selbst, sein verhülltes undurchdringliches Wesen, seine Persönlichkeit mit all ihren Rätseln, Schwächen und Stärken muss mich anziehen, bis ich mich nicht mehr dagegen wehren kann und nach schrankenloser Hingebung verlange. Und so ist im Grunde Liebe und Freundschaft ein– und dasselbe, nicht etwa durch einen höheren oder geringeren Grad von Leidenschaftlichkeit unterschieden, so dass Freundschaft eine zahmere Liebe wäre, die allenfalls auch eine Teilung des geliebten Gegenstandes ertrüge, sondern nur darin liegt der Unterschied, dass Liebe nach einer Hingabe mit Leib und Seele trachtet, Freundschaft nur unter gleichen Geschlechtern besteht. Im Übrigen ist sie ganz so eigensinnig und unzurechnungsfähig beim Ergreifen ihres Gegenstandes, wie die verliebte Liebe selbst, ebenso ausschließlich, so eifersüchtig, so völlig unbekümmert, ob ihr Gegenstand gut oder böse sei. Nur dass im letzteren Falle Freundschaft ebenso sehr wie Liebe, die sich an einen Unwürdigen gefesselt fühlt, zu einem traurigen Verhängnis wird, wovon freilich die schönen Seelen, die bei der „Wahl” ihrer Freunde auf einen guten Charakter und reine Sitten sehen, nicht die leiseste Ahnung haben!
Sie schwieg hierauf wieder eine ganze Weile. Es war so still im Zimmer, dass ich die Atemzüge vernehmen konnte, die sich nach dem gewaltsamen Ausbruch ihres Inneren nur langsam beruhigten. Keinen Augenblick war ich im Zweifel darüber, dass diese im Munde einer Frau doppelt seltsam klingende schroffe Doktrin einer eigenen schweren Lebenserfahrung entsprungen sei. Da ich aber sah, wie tief die Erinnerung sie aufregte, wagte ich nicht weiter zu forschen. Und obwohl es mir auf der Zunge schwebte zu sagen, dies alles sei nur insofern wahr, als man etwa auch die Art und Eigenheit einer Pflanze in ihrer höchsten Blüte finde, während sie doch auch auf allen Stufen ihrer Entwicklung schon dieselbe Pflanze sei, hütete ich mich doch, die wundersame Stimmung, in die meine alte Freundin versunken war, mit klügelnden Einwürfen zu stören. Sie aber, als hatte sie in meine verschwiegenen Gedanken hineingehorcht, sagte auf einmal mit ganz veränderter Stimme, sanft und heiter, wie nach einem überstandenen Sturm:
Sie haben Recht, wenn Sie sich wundern, dass ich so alt geworden bin und noch immer alles auf die Spitze treibe. Man hat mir das schon in meinen jüngsten Jahren vorgeworfen und mich getröstet, mit der Zeit werde sich’s geben. Die Zeit hat auch mir Vieles gebracht und genommen — über gewisse Axiome meines Herzens hat sie keine Gewalt gehabt. Noch heut, wenn ich an die einzige Freundin meines Lebens zurückdenke, — was werden Sie sagen, lieber Freund, wenn ich Ihnen gestehe, dass ich von allen Menschen, die der Tod mir genommen, keinen einzigen lieber auferweckte als dieses ewig unvergessene und unverschmerzte Wesen, das gar kein Ausbund trefflicher Eigenschaften war und mir viel Herzeleid gemacht hat? Werden Sie nicht an mir selbst irre werden, wenn Sie hören, dass die, die ich am leidenschaftlichsten geliebt und betrauert habe, eine schlechte Tochter war, eine schlechte Mutter, eine bestrafte Diebin, eine zügellose Landstreicherin, ja etwas Schlimmeres, — das Schlimmste, was ein Weib werden kann und was ihr von ihrem eigenen Geschlecht am bittersten verdacht zu werden pflegt? Setzen Sie sich dort auf den Stuhl meiner Camilla. Sie müssen diese Geschichte hören; wenn Sie Ihnen missfällt, nehmen Sie es hin als Buße dafür, dass Sie mir eine Abhandlung über die Freundschaft empfohlen haben, in der von all diesen Abgründen des Menschenherzens auch nicht das leiseste Wort zu lesen ist.
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