Sie wissen, dass ich nicht gerade eine glückliche Jugend gehabt habe: unschön, frühreif, von nachdenklicher Gemütsart, die alles viel zu schwer nahm und mich in den Augen der Menschen, welche Kinder als lebendige Spielsachen betrachten, nicht eben liebenswürdig erscheinen ließ. Und so verschloss ich mich früh in mir selbst und gelangte halb zu einer vorzeitigen, altklugen Resignation, in der ich mich endlich fast behaglich fühlte, zumal ich wohl bemerkte, dass ich dadurch über gewisse Täuschungen und kindische Leiden hinausgehoben wurde, die der ganz naiven, in den Tag hineinlachenden Jugend nicht erspart bleiben.

Ich war fünfzehn Jahre und eben eingesegnet worden, als ein alter Oheim meiner Mutter starb und ihr ein Landhaus vermachte, von dem wir bisher viel hatten reden hören, ohne es je zu betreten. Der alte Herr hatte dort ganz zurückgezogen die letzten Jahre seines Lebens zugebracht; es war seine Marotte gewesen, aus diesem kahlen Stück Land etwas zu machen, was er als seine eigenste Schöpfung, einen Triumph der Kunst über die Natur betrachten durfte. Doch immer noch war ihm sein Park nicht ansehnlich genug erschienen, im Garten fehlte es immer noch an dem und jenem, womit er die Freunde, die ihn wegen seines Eigensinns verspottet hatten, überraschen wollte, und so überraschte ihn endlich der Tod, ehe er das seit Jahren verheißene Fest der Einweihung hatte veranstalten können. Seine Nächsten betraten den großen Gartensaal erst, als der Sarg des Besitzers unter den schönsten Gewächsen des Treibhauses darin aufgebahrt war.

Nach der Beerdigung, die auf dem ärmlichen Kirchhof des nahen Dorfes stattfand, blieben nur meine Eltern und ich in den verödeten Räumen zurück. Es war zu Ende April, die Witterung noch nicht zu einem längeren Landaufenthalt verlockend. Sie wollten nur von dem ererbten Gut Besitz ergreifen und für ein späteres Wiederkommen allerlei Anordnungen treffen.

Als ich zum ersten Mal allein durch den Garten schlenderte, den nach allen Seiten hohe Heckenwände gegen das umliegende flache und unbewaldete Land abgrenzten, bemerkte ich an einer Stelle, wo die Sträucher noch kein Laub angesetzt hatten, ein hohes Stacket, das unseren Grund und Boden gegen jedes Eindringen von außen schützte. Ich trat ohne sonderliche Neugier näher und spähte durch die schlanken Stämmchen, aus denen der Zaun zusammengefügt war, auf das nachbarliche Gebiet hinaus. Es gehörte, wie ich wusste, einem Handelsgärtner, der sich klugerweise hier angesiedelt hatte, weil die Lage neben dem herrschaftlichen Besitztum allerlei Vorteile, besonders in wasserarmen Sommern, versprach. Denn der Onkel war ein guter Mann gewesen und hatte von seinem Überfluss gern seinen Nebenmenschen zugutekommen lassen.

Der lange, schmale Streifen Landes, in Gemüsebeete abgeteilt und hie und da mit Fluchtbäumen bepflanzt, sah in dieser Jahreszeit durstig genug aus, und das Häuschen vollends, das am Ende des Grundstückes unter einem schweren grauen Strohdach fast in den Erdboden zu versinken schien, machte den Eindruck großer Verwahrlosung. Ich wollte mich darum schon wieder abwenden, als eine Mädchengestalt, die eifrig mit dem Umgraben eines Beetes beschäftigt war, auf einmal sich aufrichtete und den Kopf nach mir umwandte. Unter dem zerrissenen, durch manchen Regenguss unförmlich gewordenen Strohhut sahen mich zwei Augen an, die bei dem ersten Blick eine sonderbare Gewalt über mich ausübten.

Das übrige Gesicht konnte ich bei meiner Kurzsichtigkeit nicht sogleich unterscheiden. Ich sah aber, dass die junge Gärtnerin aufs Armseligste gekleidet war. Trotz des rauen Aprilwindes trug sie nur ein ärmelloses Leibchen und einen gestickten rotwollenen Unterrock, der nur eben über die Knie reichte, die nackten Füße steckten in Pantinen — Sie kennen diesen Ausdruck für die groben Lederschuhe mit Holzsohlen, die bei uns in der Mark getragen werden, — ihre Arme waren bis über die Ellbogen bloß. Und doch war Etwas in der schlanken, rüstigen Gestalt, was mich fesselte und zu einem freundlichen Nicken bewog.

Dieses Nicken wurde nicht erwidert; aber da in dem dunklen Gesicht plötzlich etwas schimmerte wie eine Reihe blanker Zähne, merkte ich, dass das Mädchen mich nicht mit feindseligen Augen betrachtete. Einsam und müßig, wie ich war, fühlte ich die größte Lust, mit meiner jungen Nachbarin nähere Bekanntschaft zu machen. Ich winkte ihr daher herablassend zu, dass sie an den Zaun herankommen möchte, worauf sie sich mit dem bloßen Arm den Schweiß von der Stirn wischte, so dass der Hut ihr in den Nacken fiel; darauf warf sie einen forschenden Blick nach dem Häuschen zurück und kam behutsam mit ihren schweren Schuhen zwischen den frisch bepflanzten Beeten zu mir herangestapft.

Nun konnte ich sie genauer betrachten und fand sie weit hübscher, als ich aus der Ferne geglaubt, Ihre Farbe war auffallend braun, Haar und Augenbrauen kohlschwarz, aber die funkelnden kleinen Augen von einem ganz hellen Grau, und das Weiße um den Augenstern hatte einen bläulichen Glanz, Ihr Obergesicht mit der schlanken geraden Nase war vollkommen schön, nur die untere Hälfte, wenn sie lachte, verdarb den Eindruck trotz der schönen Zähne, da der Mund dann einen breiten, wilden und sinnlichen Zug bekam, der sofort verschwand, wenn sie im Trotz oder Unwillen die Lippen zusammenpresste.

Du bist die Tochter des Gärtners? fragte ich.

Sie nickte, indem sie, beide Hände auf den Spaten gestemmt, mir gegenüber stand und mich ruhig vom Kopf bis zu den Füßen musterte.