In meinen Erinnerungen dominiert noch immer die schlanke, schmächtige Frau mit dem Carlo-Dolci-Gesicht, in deren Züge Jahrhunderte von Verfeinerung und auserlesenster Zuchtwahl ein unauslöschliches Stigma geprägt hatten.

Sie liebte niemals den Vater; sie heiratete ihn nur deshalb, um bei ihren Standesgenossen nicht dienen zu müssen. Unter endloser Qual hatte sie gelernt, sich seiner Lust hinzugeben; unter tiefstem sinnlichem Ekel, unter der mächtigsten Empörung ihrer blutenden Seele, der nach Rache schreienden Physis wurde Ich geschaffen.

Von Anfang an Schmutz — und Schmutz — und Schmutz.

So weit sich meine Erinnerungen strecken, empfand ich mich immer als etwas Unkoordiniertes, Widerspruchvolles, Zusammengewürfeltes, das mein Wollen paralysierte und mein Denken durch impotente, aber immerwährende Impulse in steter Reizbarkeit erhielt.

Immer hatte ich etwas an mir, das nicht die geringste Affinität zu anderem in mir besaß. Die heterogensten Elemente lagen als Gemenge nebeneinander, ohne Verbindungen stiften zu können; kleine feindliche Teufel standen sich gegenüber, um sich bei jeder Gelegenheit mit blutigem Hohn zu beschimpfen.

Die Mutter war das große geologische Agens, das die entstehenden Formationen meiner Seele verschob, kantete, auflöste, abnorme Verbindungen bildete und mit ihrem Geiste den ersten giftigen Bildungskeim in die frische Krume legte.

Und dieser Bildungskeim, der zu einem Seuchenherde wurde, aus dem die kranken Sumpfblumen meiner Lebensäußerungen sprossen, das war ja jene unbefriedigte geschlechtliche Sehnsucht; das war ihr eigener abgründiger Zwiespalt zwischen der Gebärmutter und der Seele; — das war, dass ihr Geschlecht von der Seele als etwas Schmutziges weggestoßen werden musste, weil es einem ungeliebten Manne zum Werkzeug diente.

Ihre Seele sah sich in den Kot getreten, mit brutaler Kraft vergewaltigt, und sie schwang sich empor mit wildem Elan nach etwas grenzenlos Innigem, Reinem, Verklärtem, Geschlechtslosem.

Das Geschlechtslose in ihr erzeugte das Geschlechtslose außer ihr, ein Etwas, um das sich alle ihre Gefühle wie um einen kosmischen Kernpunkt gruppierten, in Wärme gerieten, ewig wechselten, in ewigem Fluss verharrten.

Und wenn wohl auch allmählich die Leidenschaft und Wärme ihrer Sehnsucht matter wurde und das große Weh, das diese Sehnsucht belebte, sich verlor, so blieb doch immer etwas, dessen Herkunft sie nicht mehr sagen konnte, das den Zusammenhang mit ihrem früheren Leben eingebüßt hatte, — gleich einer abgeschliffenen, kurrenten Metapher, deren rätselhafte Genesis niemand mehr entwirren kann.