Und ich schwelge dann in wüsten Raumphantasien. Ich bin ein assyrischer König, mit himmelstürmender Tiara und grellen, lichtgewobenen Brokatkleidern; auf dem Sensenwagen schwebe ich dahin über der europäischen Misere mit einer Macht und grandiosen Herrlichkeit, die einst die Sklaven auf ihr Angesicht in Staub und Kot geworfen hat.

Ja: ich liebe die babylonische, schweigsame Majestät, wo die Worte teuer und kostbar waren, weil sie einen schauerlichen Geburtsakt kosteten.

Ja: ich liebe die titanische, naive Gewalt des Machtbewusstseins, die die Götter verhöhnt, die über Menschen herrscht und all Getier, die das Meer peitschen ließ und in unbekannte Länder Fesseln mit sich führte.

Ja: ich liebe den Wahnsinnstrotz, den granitharten, drachenzahngeborenen Stolz des biblischen Menschen, der dem grausamen Gotte höhnend mit dröhnendem Lachen sein erstes Satan-Jehovah zuruft und einen Felsen aus der Erde reißt, um ihn gegen den Himmel zu werfen, gegen die eherne Stirn des furchtbaren Mörders, der seine selbsterschaffene Brut geißelt für die Sünden, die er selbst ihr eingeimpft hat.

Und ich fühle, wie mir die Pupille das Auge überflutet, wie mein Körper sich reckt, wie die Brust mit doppelter Lungenkapazität sich dehnt und die furchtbare, heilige Mitrasstille sich auf mein Antlitz legt.

Und dann kommt der gigantische Augenblick, wo ich Sensationen empfinde mit einer Fläche von tausend Quadratmetern, wogegen diese paar Kubikzentimeter Blut, mit denen ich Sauerstoff absorbiere, eine lächerliche Kleinigkeit sind, — wo ich die Wiedergeburt aller Völker und Kulturen in mir seine, — wo ich mit unaussprechlicher Liebe das kindliche Konglomerat von grellsten Farben auf einem ägyptischen Friese und die höchste technische Farbenvollkommenheit irgendeines Franzosen genieße, — wo mir das lächerliche Tam-tam eines Negerliedes neben der kompliziertesten Chopinschen Sonate als gleicher Genuss gilt, — wo sich alle meine Sinne durchdringen wie in einer Xenophanischen Gottheit oder wie in einer Molluske, die nur mit einem Organe alle Sinneseindrücke aufnimmt.

Und wenn der Raum entweicht, — wenn alles um mich einstürzt, wie Wellen in ein Loch, das ein Kind mit einem Steine in die Wasseroberfläche einschlägt, — — wenn die Herrschaft über meine Muskeln aufhört und ich Haut– und Muskelsinn verliere und nicht mehr weiß, ob ich da bin, — wenn tausend Jahre in mir rückwärtsfluten und ich auf Augenblicke meine nackte Individualität, mein sterbendes Geschlecht zurückgewinne, dass ich in das Ursein sinke, mich als Uratom begreife, der sich selber begatten will, und den Puls des Allseins sich in meine Adern gießen fühle: dann empfinde ich ein namenloses, tiefes, unendliches Glück, weit und tief wie die Atmosphäre, die sich über die Welt gelagert hat Ich begreife sehr gut, dass es das Ende ist.

Ich weiß, dass es Desintegrationen der Empfindungen, schwere Muskel– und Innervationsstörungen sind. Aber was geht das alles Mich an!

Ich will untergehen.

Und wenn auch meine Empfindungssphäre sich völlig von meinem Willen emanzipierte, wenn meine Seelenzustände nur zur Hälfte gedeihen, — eine wirre Menge von Gedanken, ein zerfasertes Netz von Gefühlen, jeder motorischen Energie von Grund aus bar: so genieße ich dafür in Mir das wunderbare, mikrokosmische Bild einer titanischen Weltanschauung! —