Mein Malraum wurde mir zur Hölle; unstet, rastlos lief ich hin und her und litt, litt, wie nur einer leiden kann, der mit seiner ganzen Seele, seiner ganzen Kunst in einem Weibe wurzelt, das ihn nicht mehr liebt.
Ja, ich hatte es lange gemerkt; ich wusste es, ich brauchte keine Beweise. Ich fühlte es in mir, in ihr; ich sah’s in ihren Blicken, ich las es von ihrer kleinsten Bewegung ab. Ich sah in ihrer Seele so klar, wie in einem Wasser, wenn die ersten Tinten der Abenddämmerung sich durch den Sonnenhimmel gießen.
Ich wusste es schon, als der erste Gedanke an ihn in ihrer Seele Keime schlug. Ich verfolgte von Minute zu Minute, wie es wuchs; sah, wie sie sich das erstemal begehrlich ansahn, wie sie ihn umfing mit ihren Blicken, wie er mit den Augen einer Königsschlange sie zu bannen wüsste und sie an sich zog und mit sich schleppte, dass sie gehen musste.
Und immer sah ich jenes blutige Purpurrot der Sonne und jenen verblutenden Himmel, ganz so wie ich ihn einmal als Kind gesehen. Von Anfang an war diese längst verblichene Erinnerung in mir wach geworden, dominierte in meinem Gehirn, beherrschte mein Denken, trieb und zwang meinen Willen, und immer zwang sie ihn in eine einzige Richtung hin: in das Verbrechen.
Wie seh ich deutlich den großen Hof meines Vaters, sehe die Scheune mit dem großen Storchnest auf dem Giebel und das Storchenweibchen, das den halben Sommer durch dort saß und brütete. Und auf der Wiese hinter der Scheune, an dem großen, dicht mit Schilf und Binsen bewachsenen Teich, schritt das Männchen stundenlang mit gravitätischem Stolz einher und suchte nach Fröschen und Würmern. Ich seh ihn, wie er unbeweglich, starr auf einem Beine steht, bis unser Kindergeschrei ihn aufscheucht und er langsam und in weiten Kreisen sich zum Neste schwingt. Aber plötzlich war er verschwunden. Jemand hatte ihn zufällig angeschossen; im benachbarten Dorfe wurde er aufgefunden und von einem Bauern in Pflege genommen. Nicht lange, da erschien ein neuer Storch und kreiste um das Nest des kranken Männchens; nach einigem Zögern ließ das Weibchen ihn herein und lebte jetzt mit diesem. Und jetzt erinnere ich mich so deutlich, wie wenn der ganze Vorgang gestern geschehen wäre:
Eines Tages saß ich auf dem Hofe vor dem Brunnen und spielte. Plötzlich höre ich ein seltsam lautes Geklapper in der Luft. Es ist der alte Storch, der mit gesträubten Flügeln auf das Nest zustößt. Er ist schon fast am Dache, da schwingt er sich von Neuem in die Höhe, als wollte er die Lage erst recht klar überblicken. Auf dem Neste entstand nun eine unbeschreibliche Bewegung. Ein kurzes, ängstliches Geklapper, unruhiges Hin– und Herlaufen, dann wurde es still; der Liebhaber spannte die Flügel aus, streckte mit weit vorgerecktem Halse den Schnabel in die Luft, sprang zwei– dreimal in die Höhe, als ob er Mut fassen wollte, und erhob sich zur Wehr. Im selben Augenblick stürzte der alte Storch auf ihn los. Beide Vögel fingen mit bestialischer Wut zu kämpfen an. Sie hieben mit den roten Schnäbeln auf einander los, schlugen mit den Flügeln um sich, fielen herunter, wälzten sich am Boden; sie stiegen wieder hoch, ihr Gefieder färbte sich mit Blut. Federn flogen in der Luft herum, immer wüster tobte die Raserei. Bis der alte Storch mit einem furchtbaren Schlage plötzlich seinem Rivalen einen Flügel zerbrach. Der lahme Vogel schwankte einen Augenblick in der Luft, fiel auf das Dach, suchte sich mit den Beinen im Stroh festzuhalten, aber der Rächer hatte schon zum letzten Schlage ausgeholt: mitten in den Brustkorb hinein. Man sah die Wollust, wie er seinen Schnabel tief in den warmen Körper bohrte, dass das Blut hoch herausspritzte. Noch ein taumelnder Flügelschlag und der zu Tode getroffene Vogel fiel herunter auf den Boden, warf sich im Schmerzkrampf, streckte sich, grub den Schnabel in den Sand, das Blut quoll schäumend um die Wunden hervor und rötete das Gras.
Aber die Wut des Siegers war noch nicht gestillt. Er warf sich auf das Nest, hieb auf das Weibchen ein, trieb sie aus dem Bette, und nun zerhackte er in wilder Raserei die Eier, schmiss die Schalen heraus, dann flog er auf die Wiese, wo er blutbefleckt in unbeweglicher Starrheit eine Weile stehen blieb. Plötzlich schwang er sich empor und flog davon. Das Weibchen kroch in das Nest zurück.
Der Abend kam.
Niemals sah ich den Himmel in dieser furchtbaren Glut auflodern. Es schien, als wären fremde Welten in Brand geraten und nun züngelten die Flammen hinter dem Horizonte am Himmel empor. Ein blutiger Widerschein ergoss sich über das Himmelsgewölbe, bis zum Zenith hinauf zogen sich feurigblaue Striemen, und über all das furchtbare Rotblau triumphierte die untergehende Sonne mit ihrer blendenden Brunstgewalt.
Auf einmal erscholl von der Wiese her ein furchtbares Geklapper, in wechselndem Tempo mit deutlichem Ausdruck und Rhythmus. Mindestens zwanzig Störche waren versammelt.