Und so ist das Weib mein Kraftmaß, der Wertmaßstab meiner Glückseligkeitsempfindungen.

Hinter diesem engeren Reizumfange ruht das Männchen, meine ganze Sexualsphäre mit der alle diese Zustände, welche am innigsten meinen Organismus repräsentieren und den innersten Ausfluss meiner organischen Veranlagung bedeuten, unlösbar und untrennbar verschmolzen sind.

Hier in diesem Reizumfange ruhen die vererbten Formenschätze, Gerüche und Töne, die in meinen frühesten Lebensjahren erworben wurden und deren Beziehungen zu meinem Geschlechte von vornherein in meinem Gehirne präformiert waren, so dass bei einem peripheren Reize ohne Weiteres das zentrale korrelative Bild hervorgerufen wird und umgekehrt, und hier wächst das eigentümliche Kraut, das Hansson „Sensitiva amorosa” genannt hat.

Hier in diesem Umfange liegt auch das Fatale an der Liebe, dass sich nämlich Alles auf der Grenze bewegt, wo das intenseste Lustgefühl aufhört und Missbehagen ansetzt; Alles auf der Messerschneide, wo Glück und Unglück unmittelbar angrenzen. Hier noch Glück und Freude und Leidenschaft, draußen Ekel, nichts als Ekel, Verzweiflung und Schmerz.

Dieser Umfang ist wie ein Gefäß übervoll von Flüssigkeit, die das leiseste Erzittern überfließen lässt, wie ein Dampfkessel bei übermäßigem Drucke, den ein paar molekulare Anstöße mehr zersprengen werden, wie eine mit Elektrizität überladene Messingkugel, die sich bei Zusatz von vielleicht nur einer Elektrizitätseinheit entladen wird.

Und wie das Gefäß überfließt, wie der Dampfkessel berstet, wie in die festgeschlossene Konzentration der Glücks– und Liebesempfindungen zufällig ein Eindruck gelangt, der das Geschlossene zerreißt, die Isobaren nach anderen Punkten wegrückt, all das, was das geliebte Weib am Angenehmen ausstrahlt, schief fallen, vorbeifallen oder Ekel hervorrufen lässt, wie die aufgetürmte Bergkette vom Glück einsinkt, in unermessliche Gründe einstürzt, und alle die Steine ins Rollen kommen, die früher den Gipfel bezeichneten, das schildert Ola Hansson in seiner Sensitiva.

Und wie das Weib sich vor seinem Geliebten zu ekeln anfängt, weil es in seinem Gesichte plötzlich eine fatale Ähnlichkeit mit dem aufgedunsenen, widrigen Antlitz seines Vaters entdeckt, wie ein Mann sein geliebtes Mädchen verabscheut, weil er in ihm das lose und widerwärtig Hängende, das er an einer Kindesmörderin sah, wiederfindet, wie ein Mann sich wahnsinnig in ein Weib verliebt, weil ihr tränender Blick „seine Wollust so unendlich fein und so ängstlich spröde machte, dass sie zum Schmerze wurde”, wie er sich qualvoll nach diesem Blicke sehnt, das ist der Inhalt dieses Buches. —

Nichts von dem, was Hansson geschrieben hat, illustriert so evident den neuen Geist, wie Sensitiva. In keinem seiner Werke hat er die Sonde tiefer in seine Psyche hineingesteckt. Was er schildert ist nur immer er selbst, in allen diesen Novellen ist nur immer ein und derselbe Typus, dieser so ungeheuer komplizierte und daher so fatal leicht zersetzbare Geist. Es ist nicht ein Augenblick vom statischen Gleichgewichte da, es ist die personifizierte Instabilität, ein ewiges Wogen und Bollen, ein ewiges Kanten und Verschieben, ein ewiges An– und Abschwellen, ewiges Hin und Zurück, wie das Meer, das seinen Heizumfang gebildet und geformt hat.

Und so ist dieser Geist auch in der Liebe. — Kaum ist die Konzentration von alledem, was an Glücksgefühlen im latenten Zustande in ihm ruhte, zu Stande gekommen, so ist auch schon diese Potenzierung des Ich über das höchst zulässige Lustmaß hinausgediehen, der Mensch hört auf, sein eigen zu sein, er verliert das Gleichgewicht und geht zugrunde.

Und jedes Wort durchsättigt von einem so intensen Schmerze, dass dieser aufhört, Schmerz zu sein; es ist die resignierte, hohläugige, gespenstische Verzweiflung, es ist der brutalphysische Schmerz, denn dahinter leidet, zuckt und windet sich das auflösende Männchen: Das ist der Schmerz der zersprengten und zersplitterten Geschlechtsgefühle, die nur in engster Konzentration, in stetiger Potenzierung, in ewiger Summierung bis zu den höchsten Grenzen hinauf Lust bereiten.