Erste Scene.

Famussoff. Ein Diener.

(Die Mittelthür wird von einem vorangehenden Diener rasch geöffnet und Famussoff tritt, elegant gekleidet, herein; an der Thür bleibt er etwas stehen, um den Diener zu mustern.)

Famussoff.

Hör’! Peter, hör’! An Dir ist stets was neu!

Nun ist am Ellenbogen wieder was entzwei!

(Setzt sich) Nimm den Kalender. — Doch den liest er

Gerade wie ein alter Küster!

Lies mit Gefühl, Verstand, und dann und wann

Bei Punct und Komma halte an. —

Doch schreib erst lieber

Auf jenem leeren Blatte da,

Der nächsten Woche gegenüber:

„Am Dienstag zur Baronin Fladen

„Bin auf Forellen ich geladen!“ —

Wie ist die Welt doch wunderbar creirt!

Wenn man darüber erst philosophirt,

So schwindelt der Verstand. — O je, o je!

Da nimmt man sich in Acht, und dann kommt ein Dinér!

Drei volle Stunden muß man kauen,

Und in drei Tagen kann man’s kaum verdauen!

Bemerk’ am selben Tag — ach nein,

Am Donnerstag wird das Begräbniß sein!

O Menschenvolk — mit deinem leichten Sinn! —

Wir müssen Alle doch dahin! — — —

In jenen Kasten kommt doch jedermann,

In dem man weder stehn noch sitzen kann.

Doch will sich jemand Lob und Ruhm erwerben:

Hier nehm’ ein Beispiel er!

Der Sel’ge war ein achtungswerther Kammerherr —

Er hatte hinten ja den Schlüssel,

Schafft’ auch den Schlüssel seinem Sohn;

Selbst reich, ich weiß das ganz genau,

Vermählt’ er sich mit einer reichen Frau,

Und fand Parthie’n für alle seine Töchter.

Nun ist er todt! Als Frommer und Gerechter

Ist er aus dieser Welt geschieden,

Und — ruht in Frieden!

Und wird beweint von Kind und Kindeskind —

Die all das schöne Gut nun von ihm erben. —

Was doch in unserm Moskau hier

Für wicht’ge Männer sind

Und leben hier und — sterben! —

Am Donnerstag, schreib eins zum andern, Peter —

Doch könnt’s auch Freitag sein,

Wer weiß, vielleicht auch später,

Muß ich zur Doktorswittwe gehn

Gevatter stehn;

Zwar habe ich noch nichts vernommen,

Allein mir däucht es muß so kommen

Wenn meine Rechnung richtig —

Zweite Scene.

Die Vorigen. Tschatzki.

Famussoff.

Ah! —

Alexander, Du bist da!

Nun — setze Dich.

Tschatzki.

Es scheint mir, Sie beschäft’gen sich —

Famussoff (zum Diener).

Geh, Peterchen.

(Der Diener geht ab.)

Ich merkt’ Geschäfte an,

Die, Gott behüt’s, man leicht vergessen kann.

(Pause.)

Tschatzki.

Hab’ ich die Stunde etwa schlecht gewählt?

Ich hoffe nicht, daß Ihrer Tochter etwas fehlt! —

Ja, Sie sind mißvergnügt! Nicht wahr?

Ich seh’ es am Gesicht, an Ihren Mienen,

Was fehlet Ihnen?

Famussoff.

Ach, bester Freund, was ist da sonderbar?

In meinem Alter — ei es ist zum lachen! —

Soll ich noch Capriolen machen?

Tschatzki.

Davon ist nicht die Rede, — sagen Sie

Mir nur — was macht Fräulein Sophie? —

Famussoff.

Daß Dich! — — Nun Gott verzeih!

Fünftausend mal

Dasselbe Lied zu meiner Qual

Und stets das alte Einerlei:

Bald von dem schönen Fräulein Tochter

Bald von dem kranken Fräulein Tochter

Und nichts im Kopf, als meine Fräulein Tochter!

Sag mir, — Du hast Dich lang herumgetrieben,

Und jetzt, so scheint mir’s — willst Du Dich verlieben,

Und angelst gar nach meiner Tochter Hand?

Tschatzki.

Wozu die Frage?

Famussoff.

Ei, mir scheint sie passlich!

Denn sieh’, ich bin ein Bischen doch mit ihr verwandt!

Man hat zum Vater mich — das ist doch fasslich,

Nicht grad’ ins Blaue so hinein ernannt.

Tschatzki.

Und wollt’ ich um die Tochter frein,

Was würd’ des Vaters Antwort sein?

Famussoff.

Ich sagte Dir zuerst: sei kein Phantast!

Verwalte besser, was Du hast;

Allein vor allen Dingen

Mußt Du’s im Dienste weiter bringen.

Tschatzki.

Dem Staate dient’ ich gern — allein

Ich möcht’

Nicht Knecht

Nicht Diener darum sein.

Famussoff.

Na!

Da haben wir den lieben Hochmuth ja!

Du solltest lieber fragen

Wie unsre Väter es gemacht,

Und mancher da in alten Tagen

Es so erstaunlich weit gebracht.

Wie kann man sich zu dienen schämen?

Ein Beispiel solltest Du am sel’gen Oheim nehmen:

Ja sieh’ — das war ein Mann,

Den man zum Muster nehmen kann!

Er speiste nicht auf Silber — nein auf Gold!

Es wimmelte bei ihm von Dienern und Lakei’n,

Es mochten wohl an hundert sein!

Mit Orden ganz bedeckt kam er zu Hof gerollt.

Wenn man so sah — wie ihn im langen Zug

Zum Pallast die Carosse trug,

Man wurde in Bewunderung versetzt.

Er lebte stets bei Hof — und das war nicht wie jetzt —

Das war vor Zeiten noch, ja ja!

Das war ein Hof — wie nie die Welt ihn sah!

Und Männer gab’s zu jener Zeit

Von centnerschwerer Wichtigkeit.

Du hättest Dich, wer weiß, wie tief gebückt,

Sie hätten kaum mit dem Toupé genickt,

Und war’s ein Günstling, ein Bojar,

So ist’s gewiß, daß es noch ärger war;

Sie aßen, tranken — ganz von uns verschieden,

Nicht so, wie andre Sterbliche hienieden.

Der Ohm? Was sind jetzt Fürst und Graf dagegen!

Ein ernster Blick, ein stolzes Wesen

War stets auf seiner Stirn zu lesen.

Doch hätt’ ich den wohl sehen mögen

Der, wenn es Noth that sich zu schmiegen,

So wußte sein Genick zu biegen! —

An einem Gallatag, vor allen Leuten

Hatt’ er das Unglück auszugleiten,

Und so — daß er sich fast den Hals gebrochen.

Der Alte ächzt und krächzt —

Und wie er endlich aufgekrochen,

Hat Ihre Majestät zu lächeln ihm geruht;

Ein Allerhöchstes Lächeln!! — Und was thut

Der Schlaukopf nun! er macht’s noch bunter

Und fällt zum zweitenmal und ärger noch herunter.

Man lacht noch mehr, es schallt der Saal,

Und er steht auf und fällt zum drittenmal!

Nun, wie gefällt das Euch?

Wir nennen’s einen klugen Streich!

Krank fiel er hin, stand aber auf gesund.

Denn seit der Frist

Wen lud man öfter ein zum Whist? —

Und wer hat schmeichelhafteres gehört?

Wer wurde so wie er geehrt?

Der Onkel! Und das nennt ihr Kleinigkeit!

Wer wußte so wie er mit Rängen zu belohnen?

Der Onkel, ja!

Wer schaffte so wie er Pensionen?

Der Onkel! Ah? —

Und nu!

Ihr da, von heute, was sagt Ihr dazu?

Tschatzki.

Ja, in der That, Sie können seufzend sagen:

Die Menschheit sei verdummt in unsern neusten Tagen.

Wie kann man auch — nach solchen Streichen

Die neue mit der alten Zeit vergleichen!

Zwar frisch ist noch die Kunde:

Doch klingt sie glaublich nicht im Munde:

Daß der zu Würden kam,

Der nur die meisten Bücklinge geschnitten,

Der nicht des Kriegs ruhmvolle Narbe trug,

Nein, am Parquette sich die Stirn zerschlug!

Der jedem Niederen — und lag’ er auf den Knieen,

Begegnet’ unerträglich stolz,

Doch wo ein Mächtiger erschien,

In Artigkeiten fast zerschmolz! — —

Man kann mit Recht bezeichnen jene Zeit

Als die der Furcht und Niedrigkeit:

Die niedrigsten und die gemeinsten Triebe

Maskirten sich als Unterthanenliebe; —

Ich rechne Ihrem Onkel dies nicht zu,

Und lasse seine Asche gern in Ruh’ —

Doch sagen Sie, wer wohl in unsern Tagen —

Und möcht’ ihm Kriecherei auch noch so sehr behagen —

Wer würd’ es wagen

Auf’s Spiel zu setzen sein Genick

Für einen gnäd’gen Lächelblick?

Allein in jener Zeit

Erregt’ ein solcher Purzelbaum noch Neid,

Und mancher alte Herr hat still bei sich gedacht:

O hätt’ ich’s doch so klug gemacht!

Ja, Kriecherseelen giebt’s auch jetzt auf Erden

Doch fürchtet jeder lächerlich zu werden;

Und nicht umsonst wird jetzt, da sie nun wen’ger kühn,

Von oben solchen Herrn auch weniger verlieh’n.

Famussoff (bei Seite).

Du großer Gott, er muß ein Carbonari sein!

Tschatzki.

Von solchen Flecken ist die heut’ge Welt wohl rein.

Famussoff.

Gefährlich ist der Mensch!

Tschatzki.

Jetzt athmet man doch frei,

Und Niemand drängt zum Heer der Narren sich herbei.

Famussoff.

Was spricht er da — und redet wie gedruckt!

Tschatzki.

Beim Gönner dann die Decke anzugähnen!

Geduldig warten, höflichst schweigen.

Kratzfüsseln und den Rücken beugen,

Dann, fiel ein Schnupftuch zu den Füssen

Begierig los drauf schießen,

Nach Stühlen laufen, um am Gönnertisch zu speisen! —

Famussoff.

Das also holt’ er sich von seinen Reisen?

Die Freiheit predigt er! Nun eine saubre Führung! —

Tschatzki.

Wer auf den Gütern lebt, wer in das Ausland reist —

Famussoff.

Mein Gott, was ist doch Deine Zunge dreist,

Du sprichst ja gegen die Regierung!

Tschatzki.

Und wer sich gar erkühnt,

Daß er dem Chef nicht, nur der Sache dient!

Famussoff.

Wär’ ich Monarch, ich hielte solche Herrn

Von meiner Hauptstadt fern

Auf einen Büchsenschuß.

Tschatzki.

Ich lasse Sie zufrieden endlich.

Famussoff.

Nicht auszuhalten ist es — schändlich!

Tschatzki.

Ich schalt erbarmungslos auf Ihre Zeit,

Auf die Vergangenheit;

Doch hören Sie, wir wollen uns vergleichen;

Sie können einen Theil von all dem Tadel streichen

Und unsrer Zeit als Ueberschuß verleih’n,

Ich würde nicht darüber schrei’n.

Famussoff.

Ich habe nichts mit Ihnen mehr zu schaffen,

Irrlehren sind’s, und solche leid’ ich nicht.

(Er hält sich die Ohren zu.)

Tschatzki.

Ich streckt’ ja schon die Waffen,

Und niemand widerspricht.

Famussoff.

Gut, gut, ich halt’ die Ohren zu!

Tschatzki.

Weshalb? Ich lass’ Sie ja in Ruh’.

Famussoff (heftig).

Durchschnüffeln da den ganzen Erdenball,

Maulaffen überall —

Dann geht’s nach Haus, nun sag’ mir einer offen,

Von solchen soll man was solides hoffen!

Tschatzki.

Ich hörte auf.

Famussoff.

Um Gotteswill’n lass’ Dich bedeuten!

Tschatzki.

Ich wünsch’ nicht weiter mehr zu streiten.

Famussoff.

Erbarme Dich, lass’ mich in Ruh’!