Fünfte Scene.

Sophie. Lisette.

Lisette.

Da haben Sie’s! Das sind die Früchte!

Nun, eine saubere Geschichte!

Doch Scherz bei Seit’, das war’ nicht gut,

Ich bin ganz hin und mir ist schlecht zu Muth.

Ein Fehler ist ja doch nicht „alle Welt“ —

Doch schlimm ist’s, wenn die Leute davon reden.

Sophie.

Mir einerlei, frei steht das einem jeden,

Und schwatzen mag er, wie es ihm gefällt.

Allein, der Vater wird uns was zu schaffen machen;

Er ist so heftig und so rauh in solchen Sachen,

Und so war’s immer,

Allein von jetzt an wird’s gewiß noch täglich schlimmer.

Lisette.

Ich seh’s ja; es ist Gott zu klagen!

Ich urtheil’ nicht nach Hörensagen;

Drum — denken wir an alle Fälle:

Sperrt er Sie ein und bleib’ ich nur zur Stelle,

So steht die Sache immer noch ganz gut,

Doch, Gott bewahr’, wollt’ er in seiner Wuth

Mich und Moltschálin aus dem Hause jagen

Dann wären Sie doch wirklich zu beklagen!

Sophie.

Sieh’, ist das Schicksal nicht voll Eigensinn!

Was Schlimmres geht uns oft so hin,

Und schlimm geht’s wo wir gar nichts ahnen!

Sanft floß die Zeit in dem Genuß der Kunst,

Wir standen — schien’s — beim Schicksal recht in Gunst,

Nicht Bangen noch Besorgniß fühlten wir,

Und sieh’ — das Unglück saß schon vor der Thür!

Lisette.

Das kommt davon! — Sie haben leider nie

Auf mich gehört und nun — nun sehen Sie! —

Was braucht es besserer Propheten?

Sie müssen dies Gefühl in Ihrem Herzen tödten.

Ich sage Ihnen: hier auf Erden

Wird draus in Ewigkeit nichts werden!

Ihr Vater ist gerade so gesinnt

Wie’s Alle hier in Moskau sind:

Zum Schwiegersohne hätt’ er einen gern

Mit hohem Rang und Ordensstern;

Doch trotz der Sterne und der Ränge

Ist mancher dennoch in der Enge,

Drum sucht er Ihnen auch noch einen reichen Mann,

Der Aufwand macht und Bälle geben kann;

Zum Beispiel: Scalosub gehört zu dieser Zahl —

Ein Sack mit Gold gefüllt und nächstens General.

Sophie.

Das wäre schön! Ein solcher fehlt mir g’rade!

Er kennt ja nichts als Reih’n und Fronten und Parade.

So ein Kamaschenheld!

Aus seinem Mund, so lang er auf der Welt

Kam nie ein kluges Wort;

Geh’ mir mit Deinem Oberst fort!

Ins Wasser springen — ihn zum Ehgemahl,

Das wär’ mir beides gleich fatal.

Lisette.

Nun ja, er schwatzt und hat das Pulver nicht erfunden,

Doch sagen Sie mir unumwunden:

Wer hier wohl von Civil und Militair

Beredter, witziger und feiner wär

Als Tschatzki — nun — ich wollte Sie nicht necken —

Das ist nun längst vorbei, Gott weiß, wo er mag stecken —

Doch die Erinnerung — —

Sophie.

Oh, ich erinnere mich:

Die Leute zu verspotten wußt’ er meisterlich!

Er amüsirte mich — er wußte Spaß zu machen;

Mit jedem kann man ja zusammen lachen.

Lisette.

Nur lachen? Ach, als er hier Abschied nahm,

Schwamm er in Thränen ganz, als er von Ihnen kam.

Ich sprach ihm zu: Was weinen Sie denn so?

Sie reisen doch und sind nicht froh!

„Ich weine, Lischen, nicht umsonst“ sprach er,

„Die Trennung fällt mir, ach, so schwer!

„Kehr ich zurück, was steht mir dann bevor,

„Wer weiß zu sagen wohl, was ich alsdann verlor!“

Der arme Herr, ihm ahnt’, daß in drei Jahren — — —

Sophie.

Du könntest besser Deine Zunge wahren!

Ich geb’ es zu, daß ich vielleicht

Ihn allzuschnell vergessen;

Leicht handelt’ ich — indessen

Sag mir frei,

Wem brach ich je die Treu’?

Mit Tschatzki — freilich — bin ich auferzogen,

Wir waren uns als Kinder recht gewogen,

Beisammen stets, zu allen Stunden,

Und durch Gewohnheit schon verbunden.

Doch später endete der Frieden,

Es kam mir vor, als hätt’ er uns gemieden.

Es schien ihm hier nicht zu behagen,

Und selten kam er noch ins Haus —

Dann kam er plötzlich wieder — führte Klagen

Und sah verliebt und melancholisch aus.

Er war von Witz und Schwermuth die Vereinung,

Und scharf war für die Schwächen Anderer sein Blick;

Doch hatt’ er in der Freundschaft sehr viel Glück

Und drum von sich die höchste Meinung.

Und wie veränderlich war nicht sein Sinn!

Die Lust zu reisen riß ihn plötzlich hin.

Ach, wer uns wirklich liebt, der sucht nicht weiter Geist

Und bleibt so lang nicht fort!

Lisette.

Wo ist er hingereist?

In welchem Land, an welchem Ort?

Man sagte er curirt sich auf den Wässern;

Krank ist er nicht —

Er mögte wohl die Laune sich verbessern.

Sophie.

Gewiß, dort ist er froh, wo Lächerliche sind!

Der, den ich liebe, ist nicht so gesinnt;

Der opfert sich für Andere mit Freuden,

Stets artig ist er, stets bescheiden.

Respectvoll ist er, niemals kühn —

Verwegen sah ich niemals ihn.

Er nimmt die Hand mir, drückt sie dann und wann

An’s volle Herz;

Dann seufzt er, recht aus tiefster Seele —

Allein kein freier Scherz

Kommt über seine Lippen. — Ich erzähle

Die Wahrheit Dir; wir sitzen Hand in Hand

Und blicken uns ins Auge unverwandt.

(Lisette lacht) Du lachst! warum? Sag’, welch ein Grund

Ist hier, aus vollem Halse so zu lachen?

Lisette.

Ach Gott, das Lachen ist gesund;

Ich lachte über andre Sachen:

An Ihre Tante hab’ ich grad gedacht,

Und über sie hab’ ich gelacht:

Der Schmerz der Guten war so tief,

Als der Franzose von ihr lief;

Das Täubchen wollte vor Verzweiflung sterben,

Ihr Haar zu färben

Vergaß sogar die arme Frau

Und in drei Tagen — war sie grau!

(Sie lacht.)

Sophie (verdrießlich).

Solch dummes Zeug wird man von mir auch sagen!

Lisette.

Verzeihen Sie, das wird wohl Niemand wagen,

Ich hatte mir nur vorgenommen

Nach so viel ärgerlichen Dingen

Zum Lachen etwas Sie zu bringen.