Vierte Scene.

Die Vorigen. Famussoff.

Famussoff.

Was tausend ist denn das? Sind Sie es wirklich?

Moltschálin (sehr verlegen).

Ja!

Famussoff.

Zu dieser Stunde hier?

(erblickt Sophie) Und auch Sophie? Ei guten Morgen

Sophie, Du bist auch da?

Was hast Du hier zu sorgen?

Wie hat Euch Gott zu dieser Stunde

So wunderlich zusammen hier gebracht?

Sophie.

Er kam herein in diesem Augenblick —

Moltschálin.

Von einer Promenade erst zurück

Trat eben ich ins Haus.

Famussoff.

Freund, hören Sie, es könnt nicht schaden,

Sie suchten sich zu Morgenpromenaden

Ein andres Gäßchen aus! —

Ei, Fräulein Tochter, ei, kaum aus dem Bett gesprungen

Zusammen gleich mit einem Herrn,

Mit einem jungen!

Sag, schickt sich das für Mädchen wohl von fern?

Des Nachts liest Du Romane und Gedichte,

Und das sind nun die saubern Früchte!

Das Alles nur kommt von der Schmiedebrücke

Und von den ewigen Franzosen her.

Da holen wir uns Moden, Musen, Dichter

Und ähnliches Gelichter,

Und drum ist Herz und Beutel leer!

Wann wird der Himmel uns erretten

Von ihren Hüten, Hauben, Ketten —

Von ihren Salben und Pomaden

Und den Bisquit und Bücherladen!!

Sophie.

Verzeihen Sie —! Ich bin schon ganz benommen,

Und kann vor Ueberraschung nicht zu Athem kommen.

Sie traten ja so rasch und plötzlich ein —

Wie sollt’ ich nicht erschrocken sein?

Famussoff.

Ich danke ganz gehorsamst! — Ei wie fein!

Ich lief, ich hab’ erschreckt, ich kam so plötzlich!

Nicht wahr, das war von mir entsetzlich?

Ich, Fräulein Tochter, hab’ den ganzen Tag zu thun,

Da ist kein Rasten und kein Ruh’n;

Der Kopf ist mir vom Dienste wie benommen,

Es ist ein ew’ges Gehn und Kommen,

Und ich — auf dem schon Alles liegt,

Konnt ich erwarten, daß man mich betrügt?

Sophie (in Thränen).

Wie so mein Vater?

Famussoff.

Nicht geweint!

Gieb Acht, was ich Dir sage; freilich meint

Man immer, daß ich ohne Ursach schelte,

Doch, hör’ mich an, wenn ich Dir noch was gelte;

Man that von deiner Wiege an

Für Dich, was man nur irgend kann. —

Die Mutter starb; ich hatt’ die glückliche Idee

Und nahm in der Madame Rosier

Dir eine zweite Mutter dann

Für eine starke Gage an.

Die goldene Alte — folgte deinen Tritten —

Klug war sie, sanft, von tadellosen Sitten; —

— Wenn Eins nur nicht gewesen wär’!

Eins habe ich ihr sehr verdacht:

Durch nur fünfhundert Rubel jährlich mehr

Ward sie uns abspenstig gemacht! —

Doch lassen wir Madam’ — an der da lag es nicht.

Was brauchst Du anderer Exempel?

Mein Haus gleicht einem Tugendtempel,

Des Vaters Beispiel lehrt Dir Pflicht!

Da — schau mich einmal an!

Ich sage nicht, ich sei ein junger Mann

An Jahren, —

Doch bin ich frisch bei meinen grauen Haaren,

Dazu bin ich doch Wittwer, bin doch frei,

Herr meiner Handlungen dabei!

Und dennoch leb’ ich so, daß jeder, der mich kennt,

Mein Leben exemplarisch nennt.

Lisette.

Doch dürft’ ich fragen, Herr, wie’s — —

Famussoff.

Schweig’!

Ein schreckliches Jahrhundert! — —

Allein — was ist man so verwundert,

Daß Alles altklug jetzt und weise vor den Jahren,

Und unsere Töchter ganz voran,

So daß man sie vor Thorheit und Gefahren

Mit Müh’ und Noth kaum schützen kann.

Wir Einfaltspinsel!

Wir haben selbst das Unglück uns gebracht,

Ja! — Die Manie zum fränkischen Gewinsel,

Die fremden Sprachen haben das gemacht.

Landstreicher nimmt man heutzutag ins Haus —

Die Herrchen sollen Alles lehren

Dem Töchterchen — Tanz und Gesang,

Mit Seufzern und mit Seelendrang

Und Ziererei — —

Gott steh uns bei!

Man möchte schwören,

Daß wir sie auferziehen traun!

Zu nichts als zu Seiltänzer-Fraun.

(Er wendet sich zu Moltschálin.)

Und nun zu Ihnen, junger Fant: —

So also wird die Güte anerkannt?

Ein schöner Dank!

Bedenken Sie doch Ihren Lebenslauf!

Wer hob Sie aus dem Plebs herauf?

Wer schaffte Ihnen den Assessorrang?

Wer machte Sie zum Secretair?

Wer führte Sie nach Moskau über?

Ich war’s — und ohne mich, mein Lieber,

Versauert wären Sie in Ihrem Twer!

Sophie.

Wozu, mein Vater, zählen Sie das her?

Wozu der Streit —

Um eine Kleinigkeit?

Moltschálin wohnt im Hause hier —

Er tritt herein und irrt sich in der Thür.

Famussoff.

Er irrt’ sich, oder wollte er sich irren?

Wie aber kam’st denn Du zu gleicher Zeit herein?

Das kann nicht bloßer Zufall sein.

Sophie.

Sie sollen das sogleich erfahren:

Als Sie hier erst mit Lisa waren

Hat Ihr Gespräch mich aus dem Schlaf erweckt,

Und darum rannt’ ich her, ganz ungemein erschreckt.

Famussoff.

Am Ende kommt’s heraus, daß mir die Schuld gehört,

Ich habe sie, wie’s scheint, zur Unzeit hier gestört!

Sophie.

Die größte Kleinigkeit, ein Wort — geflüstert kaum —

Kann aus unruh’gem Schlaf mich wecken;

Wenn ich erzählte meinen Traum,

Verständen Sie auch meinen Schrecken.

Famussoff.

Ein neu Histörchen?

Sophie.

Was ich sah’

Im Traum, soll ich’s erzählen?

Famussoff.

Nun, ja, ja! (er setzt sich.)

Sophie.

Ja — sehen Sie — ich stand von Blumen rings umblüht

Auf einer Flur — und war bemüht

Ein Kraut zu suchen; — müht’ mich sehr —

Doch welch ein Kraut es war, das weiß ich jetzt nicht mehr;

Da, — plötzlich — tritt ein junger Mann

Zu mir heran!

Ganz offenbar gehörte er zu Denen,

An die wir uns beim ersten Blick gewöhnen,

Und so — als wären wir von Ewigkeit bekannt.

Wir wurden ganz vertraut, — er war gewandt,

Einschmeichelnd, und er zeigte viel Verstand,

Doch war er schüchtern — — wie — Sie wissen alle sind

Die arm geboren.

Famussoff.

Halt mein Kind,

Um’s Himmelswill’n geh weiter nicht,

Für Dich passt doch kein armer Wicht!

Sophie.

Doch schnell war Himmel, so wie Flur verschwunden;

Wir haben plötzlich uns

In einem dunklen Raum gefunden,

Und denken Sie, wie wunderbar!

Der Boden öffnet sich — und Sie mit struppigem Haar,

Blaß wie der Tod — Sie steigen draus empor.

Nun riß sich donnernd auf ein Thor,

Und Ungeheuer, weder Mensch noch Thier,

Ergriffen ihn, der neben mir.

Sie quälten ihn, der all mein Lebensglück —

Ich will zu ihm — sie halten mich zurück —

Geschrei und Röcheln, wie ein Höllenchor

Trifft mit Gewalt mein banges Ohr —

Er ruft mir aus der Weite — fern,

Ich will zu ihm so gern, so gern — —

Da wach’ ich auf! man spricht — es waren Sie!

Wie — denke ich — der Vater hier so früh?

Ich eile her und find’ Sie alle beide. —

Famussoff (nach einer kurzen Pause).

Ja freilich, dieser Traum war schlecht;

Da ist so allerlei, betrachtet man ihn recht,

Ein bischen Lüge, ohne Zweifel

Und Liebe, Blumen, Schreck und Teufel!

(Zu Moltschalin) Doch Sie Mosje?

Moltschálin.

Ich hörte Ihre Stimme, — —

Famussoff.

Nun das ist gut! — —

Was doch so eine Stimme thut!

Sie haben Alle sie gehört

Und sind vor Tagesanbruch aufgestört,

Sie suchten also mich? Was kann Sie zu mir führen?

Moltschálin.

Ich komme mit Papieren. —

Famussoff (springt auf).

Dacht’ ich’s doch,

Das fehlte mir gerade noch!

Mein Gott, Sie sind ja wie versessen

Mit Einemmal auf Schreiberein?

(Zu Sophie.)

Nun, Töchterchen, wir wollen das vergessen!

Zwar können Träume seltsam sein,

Doch in der Wirklichkeit hört man von Dingen,

Die oft viel seltsamer noch klingen,

Als das, was uns im Traum erscheint.

Statt eines Kräutleins fand’st Du einen Freund,

Doch schlage Dir das dumme Zeug

Nur aus dem Sinne gleich.

Das Wunderliche hat nur selten Sinn,

Drum geh’ hinein und leg’ Dich wieder hin.

(Zu Moltschálin.)

Wir wollen gehn

Um die Papiere durchzusehn.

Moltschálin.

Ich bracht’ sie eben dazu her,

Denn sie bedürfen dessen sehr:

Sie widersprechen sich und sind nicht in der Form.

Famussoff.

Herr Sekretair — das nehmen Sie zur Norm:

Eins fürcht’ ich wie die Pest —

Wenn man sich Schriften häufen läßt.

Doch würdet Ihr nur Euren Willen haben,

Man säße in Papier begraben.

Drum merken Sie sich dieses Wort:

Was unterzeichnet ist, muß fort!

Ob’s richtig, ob es falsch auch sei,

Mir einerlei! —

(Gehen ab, an der Thür läßt Famussoff den Moltschálin vorangehen).