Vierte Scene.
Tschatzki. Repetíloff (in Pelz gehüllt kommt eilig von außen, stolpert auf der Schwelle und fällt hin; die Diener helfen ihm. Er ist etwas angetrunken).
Repetíloff (springt hastig auf).
Pfuh! — Ungeschickt! — Was? — Güt’ger Gott!
Laß mich die Augen nur erst reiben; —
Mein Herzensfreund, mein lieber Schatz — mon cher!
Nun sieh’ die Menschen da mit ihrem Spott:
Da sagen sie, daß ich ein Schwätzer sei
Und dumm und abergläub’sch dabei,
Weil ich für alles Zeichen
Und Vorgefühle habe.
Allein — jetzt eben — bitt’ ich Dich — erklär’:
Als ob ich es gewußt — so eilt’ ich her —
Mein Fuß hackt an — und ich — ich falle hin
So lang und breit ich bin! —
Ja, lach’ Du nur; denk’ immerhin
Daß ich ein Narr und Lügner bin,
Ich weiß nicht, was es ist,
Und wie es kommt, daß Du mein Liebling bist.
Es ist ein Muß — ich bin dazu gezwungen
Und bin von Liebe und Respekt ganz wie durchdrungen.
Für Dich möcht’ ich
Die Frau — die Kinder aus dem Hause treiben,
Für Dich könnt’ meine Seele ich verschreiben.
Und sollte mich die ganze Welt verlassen —
Und sollt’ ich auf der Stelle hier erblassen —
Und sollt’ mich Gottes Donner gleich erschlagen —
Tschatzki.
Ei, höre auf, den Unsinn da zu sagen!
Repetíloff.
Du liebst mich nicht! Ach! Das ist ja natürlich!
Mit andern — bah! Da bin ich nicht genirt,
Jedoch mit Dir — Du hast mir unwillkührlich
Von jeher imponirt.
Ich bin ja ungebildet — ohne Kopf —
Ich bin ein Narr, ein lächerlicher Tropf! —
Ein eigenes Bekenntniß!
Repetíloff.
Dir mach’ ich gerne das Geständniß;
Ich fluch’ dem Tag, an welchem ich geboren;
Wenn ich bedenk’, wie ich die Zeit verloren!
— — Was ist es an der Zeit?
Tschatzki.
Lang’ Zeit zu Bett zu gehn.
Du wolltest auf den Ball? Da fahr’ nur gleich nach Haus,
Denn grade eben ist er aus.
Repetíloff.
Was Ball? Wo wir die Nacht bis in den Tag hinein
In Anstandsfesseln uns erfreu’n —
In’s Joch gespannt! Hast Du gelesen —
Es giebt ein Buch —
Tschatzki.
Du liest?
Wie soll ich dieses Räthsel lösen?
Bist Du denn Repetíloff? Wie?
Repetíloff.
Nenn’ gradezu mich ein Vandalenvieh;
Den Titel hab’ ich redlich mir erworben:
Wie bin ich durch und durch verdorben!
Ach — wie viel Zeit hab’ ich nicht auf Gelagen
Mit Essen und mit Trinken todtgeschlagen!
Ich habe meine Kinder nicht erzogen;
Ich habe meine Frau betrogen;
Ich hab’ gespielt und zwar so arg zuletzt,
Daß man mich unter Kuratel gesetzt —
Und nota bene — per Ukas! —
Ich liebte eine Tänzerin — was — nein —
Ich hielt’s zu gleicher Zeit mit drei’n.
Ich trank — —
Und schwärmt’ allnächtlich wochenlang.
Ich warf von mir Gewissen und Verstand,
Gesetze, Glauben, Vaterland —
Tschatzki.
Nun höre mal, das ist zu viel!
Lüg’ immerhin, doch halte Maaß und Ziel.
Du sprichst von Dingen —
Die könnten einen zur Verzweiflung bringen.
Repetíloff.
Drum, Bester, wünsch’ mir Glück,
Ich kam von diesem Rausch zurück.
Mit klugen Leuten geh’ ich jetzt nur um
Und treibe mich nicht mehr des Nachts herum.
Tschatzki.
Zum Beispiel — heute! — —
Repetíloff.
Was — eine Nacht — die zählt nicht — das ist klar!
Und dafür frag’ mich — wo ich war!
Tschatzki.
Das Räthsel ist nicht schwer zu lösen
Du bist gewiß im Klubb gewesen.
Repetíloff.
Im Englischen — um meine Beichte anzuheben.
Ich hatte mich zu einer Sitzung hinbegeben;
Es ging heut’ äußerst stürmisch her —
Ich gab mein Wort zu schweigen — und
Ich bitt’ Dich, schweig daher.
Es ist ein ganz geheimer Bund
Der sich versammelt an den Donnerstagen
Zu allerhand besondern Fragen.
Tschatzki.
Da hör’ ich wundersame Dinge.
Im Klubb?
Repetíloff.
Im Klubb.
Tschatzki.
Mein Bester, hör’!
Ich fürchte sehr
Kommt man Euch auf die Sprünge
So ist’s um Euch und Euren Klubb geschehn.
Repetíloff.
Du glaubst, daß es gefährlich ist?
Ei, wie Du immer ängstlich bist!
Wir schreien zwar, doch niemand kann’s verstehn.
Ich selber — fängt es an recht heiß erst herzugehn
Von Parlament und Jury — oder kommt
Lord Byron auf’s Tapet — ich sag’ Dir, wicht’ge Dinge!
Dann sitz’ ich allermeist und höre zu wie stumm,
Es ist für mich zu hoch — dann fühl’ ich, daß ich dumm.
Freund — Du bist nie bei uns gewesen —
Ich sag’ Dir, Männer auserlesen.
Hör’, Alexandre, sei ein prächt’ger Junge
Und fahre gleich mit mir dahin;
Jetzt sind sie grade recht im Schwunge
Und recht im Disputiren drin.
Ach was für Köpfe! Ungewöhnlich,
Und mir nicht im Geringsten ähnlich.
Ich sage Dir, mon cher, die Quintessenz
Der jungen Herrn in unserer Residenz.
Tschatzki.
Ei geh’ mit Gott! Das wäre schön!
Wozu? In tiefer Nacht? Ich will zu Bette gehn.
Repetíloff.
Ach was! Wer schläft jetzt? Nein, noch heute,
Entscheide Dich — denn wir — wir sind entschiedne Leute.
Ein Dutzend heißer Köpfe — ehrenwerth —
Wenn man uns schreien hört,
So ist man ganz verwundert,
Man glaubt gewiß es seien an die hundert.
Tschatzki.
Doch sag’ mir nur, wofür Ihr denn so schwärmt?
Repetíloff.
Es wird gelärmt, mein Freund — gelärmt.
Tschatzki.
Allein wozu? Das möcht’ ich fragen.
Repetíloff.
Es ist hier weder Zeit noch Ort Dir das zu sagen
Es ist so ein — Verein.
Behutsamkeit muß bei der Sache sein.
Siehst Du, die Frucht braucht Zeit zur Reife,
Es geht nicht auf einmal. —
Doch was für Köpfe — ah mon cher —
Ich zähle sie der Reihe her:
Da ist zuerst — der Fürst Gregor
Ein einz’ger Sonderling — man lacht sich fast zu Tode!
Er ist ein Angloman und kleidet sich als Britte,
Die Haare kurz, nach englisch steifer Sitte.
Und spricht auch durch die Zähne so —
Du kennst ihn nicht? Ich mach’ euch gleich bekannt.
Ich sage Dir, er ist charmant.
Dann haben wir noch einen Sänger
Workuloff, — Jewdokim —
Er singt sublim!
Du solltest hören seine Lieder
Besonders seinen Bollero
Ah, non lasciar mi no! no! no!
Dann sind auch noch zwei Brüder,
Zwei prächt’ge Jungen da,
Leon und Borinka.
Man weiß von ihnen sonst wohl nichts zu sagen.
Doch willst Du nach Genies mich fragen,
Dann nenne ich Dir unsern Hyppolit.
Du last doch was von ihm? Und wär’ es nur ein Lied,
Lies sag’ ich Dir — doch leider schreibt er nichts!
Er ist Genie — an Sitzfleisch nur gebricht’s.
Mit Ruthen müßt’ man solche Herrn zur Arbeit treiben
Und in die Ohren schreien: Schreiben, schreiben!
Doch fällt mir ein, daß für ein Zeitungsblatt
Er ein Fragment geschrieben hat,
„Ein Blick und Etwas“ ist es überschrieben.
Und wovon, glaubst Du, daß dies Etwas handelt?
Von Allem, denk’ Dir! Nichts ist unberührt geblieben.
Denn er weiß alles — wir bewahren
Ihn uns auch für den Fall der Noth.
Doch unser Cheff — nun da ist nicht zu streiten —
Im ganzen Reiche giebt’s nicht einen solchen zweiten
Ich brauche ihn Dir nicht zu nennen,
Du kannst ihn am Porträt erkennen.
Er ist ein Duellant von unerhörtem Muthe,
In böse Händel war er stets verstrickt.
Er wurde nach Kamtschatka einst verschickt,
Und kam zurück als Aleute.
Und freilich geht er nicht in reinen Schuh’n,
Denn lange Finger hat er — doch was ist zu thun —
Kein kluger Kopf kommt ehrlich durch das Leben.
Doch kann’s nichts Herrlicheres geben,
Als wenn er von der Ehre deklamirt.
Wie oft hat er uns nicht dadurch gerührt!
Dann scheinen finstere Dämonen
Auf seiner Stirne Brau’n zu thronen,
Die Augen füllen sich mit Blut,
Er scheint in einer heil’gen Wuth,
Er selber weint — und wir — wir schluchzen.
Sieh’, das sind Leute! Ich bin überzeugt,
Daß uns auf Erden niemand gleicht.
Ich freilich — muß es selber sagen —
Ich bin das fünfte Rad am Wagen,
Ich blieb zurück,
Weil ich entsetzlich faul im Denken.
Indeß, wenn ich mein bischen Hirn nur zwinge
Und hin mich setze — keine Stunde —
Da fährt mir unverhofft zum Munde
Ein Calembourg heraus.
Die andern putzen ihn dann aus,
Und thun zusammen sich zu sechsen,
Ein Vaudevill heraus zu hexen;
Sechs andre machen gleich im Nu
Die niedlichste Musik dazu,
Die andern klatschen, was das Zeug’s nur hält,
Und — lache wie Du willst — mein Vaudevill gefällt!
Der Himmel gab mir nicht viel Fähigkeiten,
Allein mein gutes Herz gefällt den Leuten,
Und darum halten sie die Lügen mir zu gut.
Ein Diener (ruft hinaus).
Den Wagen vor vom Oberst Scalosúb!
Repetíloff (kehrt sich um).
Wie? Wessen Wagen vor?