Benehmen Shrewsbury’s.
Alle diese Schwierigkeiten wurden noch vermehrt durch das Benehmen Shrewsbury’s. Das Studium des Characters dieses Mannes ist höchst interessant. Er schien das verwöhnte Schooßkind der Natur wie des Glücks zu sein. Vornehme Geburt, hoher Rang, große Besitzungen, schöne Talente, umfassende Kenntnisse, angenehme Persönlichkeit, ungemein anmuthige und gewinnende Manieren vereinigten sich bei ihm, um ihn zu einem Gegenstande der Bewunderung und des Neides zu machen. Aber trotz aller dieser Vorzüge hatte er einige moralische und intellectuelle Eigenheiten, die ihn sich selbst und Allen, welche mit ihm in Berührung kamen, zur Last machten. Sein Benehmen zur Zeit der Revolution hatte der Welt eine hohe Meinung nicht nur von seinem Patriotismus, sondern auch von seinem Muthe, seiner Energie und seiner Entschiedenheit beigebracht. Doch wahrscheinlich hatten damals seine jugendliche Begeisterung und die durch öffentliche Sympathie und Beifall verursachte Freude ihn über sich selbst erhoben. Fast keine andre Epoche seines Lebens war mit diesem glänzenden Anfang aus einem Gusse. Er war kaum Staatssekretär geworden, als es sich auch schon zeigte daß seine Kräfte für einen solchen Posten nicht ausreichten. Die tägliche Anstrengung, die schwere Verantwortlichkeit, die Täuschungen, die Kränkungen und der Tadel, welche von der Macht unzertrennlich sind, brachen seinen Muth, verbitterten seine Gemüthsstimmung und untergruben seine Gesundheit. Naturen wie die seinige scheinen der aufrechthaltenden Kraft starker religiöser Grundsätze ganz besonders zu bedürfen, und leider hatte Shrewsbury, indem er das Joch des Aberglaubens abschüttelte, in dem er erzogen war, sich auch von heilsameren Banden befreit, welche seinen von Haus aus schwachen Character vielleicht zur Festigkeit und Rechtschaffenheit gestählt haben würden. Da er dieser Stütze entbehrte, war er bei all’ seinen ausgezeichneten Gaben ein schwacher Mensch und konnte trotz vieler liebenswürdiger und gewinnender Eigenschaften ein braver Mann nicht genannt werden. Um glücklich zu sein hätte er entweder viel besser oder viel schlechter sein müssen. So wie er war, kannte er weder den edlen Seelenfrieden, der der Lohn der Rechtschaffenheit ist, noch den verächtlichen Seelenfrieden, der aus Schamlosigkeit und Unempfindlichkeit entspringt. Wenige Leute, die so wenig Kraft hatten, der Versuchung zu widerstehen, haben von Reue und Scham so grausam gelitten wie er.
Für einen Mann von solchem Character muß die Stellung eines Staatsministers während des auf die Revolution folgenden Jahres eine beständige Qual gewesen sein. Die Schwierigkeiten, von denen die Regierung auf allen Seiten umlagert war, die Böswilligkeit ihrer Feinde, die Unbilligkeit ihrer Freunde, die Erbitterung mit der die feindlichen Parteien über einander und über jeden Vermittler, der sie zu trennen versuchte, herfielen, hätten allerdings auch einen entschlossenen Character entmuthigen können. Shrewsbury war noch kein halbes Jahr im Amte, als er Herz und Kopf vollständig verloren hatte. Er begann Briefe an Wilhelm zu schreiben, von denen sich kaum denken läßt, daß ein so energischer Fürst sie ohne ein Gemisch von Mitleid und Verachtung gelesen haben kann. „Ich fühle,” — dies war der stete Refrain dieser Episteln — „daß ich meinem Posten nicht gewachsen bin. Ich bin keiner Anstrengung mehr fähig. Ich bin nicht mehr der Nämliche, der ich vor einem halben Jahre war. Meine Gesundheit wird immer schwankender, meine Seele leidet Folterqualen, mein Gedächtniß ist geschwächt; nur Ruhe und Zurückgezogenheit kann mich wiederherstellen.” Wilhelm gab freundliche und besänftigende Antworten, und eine Zeit lang beruhigten diese Antworten das zerrüttete Gemüth seines Ministers.[130] Endlich aber versetzten die Auflösung des Parlaments, die allgemeine Wahl, die Veränderungen in den Friedensrichterstellen und in den Milizen, und schließlich die Debatten über die beiden Abschwörungsbills Shrewsbury in einen an Wahnsinn grenzenden Zustand. Er zürnte den Whigs, daß sie den König schlecht behandelten, und doch zürnte er noch mehr dem Könige, daß er die Tories begünstigte. In welchem Augenblicke und durch welchen Einfluß der unglückliche Mann bewogen wurde, einen Verrath zu begehen, dessen Bewußtsein einen dunklen Schatten auf sein ganzes ferneres Leben warf, ist nicht genau bekannt. Sehr wahrscheinlich aber ist es, daß seine Mutter, die, obgleich das verworfenste Weib von der Welt, große Gewalt über ihn hatte, eine schwache Stunde, wo er erbittert darüber war, daß man seinen Rath verschmäht und den von Danby und Nottingham vorgezogen hatte, in verderblicher Weise benutzte. Sie war noch Mitglied der Kirche, von der ihr Sohn sich losgesagt, und meinte vielleicht dadurch daß sie ihn von seinen Empörungsgedanken zurückbrachte, die Verletzung ihres Ehegelübdes und den Mord ihres Gemahls einigermaßen wieder gut zu machen.[131] Gewiß ist soviel, daß Shrewsbury noch vor Ende des Frühjahrs 1690 Jakob seine Dienste angeboten und Jakob sie angenommen hatte. Man verlangte einen Beweis von der Aufrichtigkeit des Convertiten: er mußte die Siegel aufgeben, die er aus der Hand des Usurpators angenommen.[132] Es ist wahrscheinlich, daß Shrewsbury seinen Fehler kaum begangen hatte, als er ihn auch schon zu bereuen begann. Aber er besaß nicht Characterstärke genug, um auf dem Wege des Bösen umzukehren. Seine eigne Schändlichkeit verabscheuend, eine Entdeckung fürchtend, die seiner Ehre verderblich werden mußte, vor dem Weitergehen eben so wohl wie vor dem Umkehren zurückschreckend, litt er Qualen, an die man unmöglich ohne Mitleid zurückdenken kann. Die wahre Ursache seiner Seelenangst war noch ein tiefes Geheimniß; seine inneren Kämpfe und seine Ansichtswechsel aber waren allgemein bekannt und lieferten der Stadt einige Wochen lang Stoff zur Unterhaltung. Eines Nachts, als er eben in sehr aufgeregtem Gemüthszustande mit den Siegeln in der Hand sich in den Palast begeben wollte, wurde er durch Burnet überredet, seine Demission noch um einige Stunden zu verschieben. Einige Tage später wurde Tillotson’s Beredtsamkeit zu dem nämlichen Zwecke angewendet.[133] Drei- oder viermal legte der Earl die Insignien seines Amtes auf den Tisch des königlichen Cabinets und eben so oft ließ er sich durch das freundliche Zureden des Gebieters, dem Unrecht gethan zu haben er sich bewußt war, bewegen, dieselben wieder mit sich zu nehmen. So verzögerte sich sein Rücktritt bis zum letzten Tage vor der Abreise des Königs. Die fortwährende Gemüthsbewegung hatte Shrewsbury ein schleichendes Fieber zugezogen, so daß Bentinck, der noch einen letzten Versuch machen wollte, ihn zur Fortführung seines Amtes zu bewegen, ihn im Bett und zu unwohl fand, um mit ihm sprechen zu können.[134] Die so oft eingereichte Entlassung wurde daher endlich angenommen und einige Monate lang war Nottingham der einzige Staatssekretär.