Die Irländer bestehen auf der Vertheidigung von Limerick.
Ganz anders war die Gesinnung der Söhne des Landes. Die Insel, welche in den Augen französischer Hofleute ein trostloser Verbannungsort war, war des Irländers Heimath. Hier waren alle Gegenstände seiner Liebe und seines Ehrgeizes vereinigt und hier hoffte er, daß sein Staub sich einst mit dem Staube seiner Väter vermischen werde. Für ihn hatten selbst der durch die Dünste des Oceans verschleierte Himmel, die schwarzen Binsendickichte und stehenden Gewässer, die Lehmhütten, in denen die Landleute ihre Wurzelmahlzeit mit den Schweinen theilten, einen Reiz, der den sonnigen Tagen, den wogenden Feldern und den stattlichen Palästen der Seine fehlte. Er konnte sich keine schönere Wohnstätte denken als sein Vaterland, wenn es erst einmal von der Tyrannei der Sachsen erlöst sein würde; und jede Hoffnung, sein Vaterland von dem Tyrannenjoche der Sachsen erlöst zu sehen, mußte schwinden, wenn Limerick übergeben wurde.
Das Verhalten der Irländer während der letzten zwei Monate hatte ihren militärischen Ruf auf die tiefste Stufe herabgezogen. Sie waren, mit Ausnahme einiger tapferer Cavallerieregimenter, am Boyne schimpflich geflohen und hatten sich dadurch die Verachtung ihrer Feinde sowohl wie ihrer Verbündeten zugezogen. Die Engländer, die sich in Saint-Germains befanden, nannten die Irländer nie anders als ein Volk von Memmen und Verräthern.[67] Die Franzosen waren so erbittert gegen die unglückliche Nation, daß irische Kaufleute, die schon seit vielen Jahren in Paris etablirt waren, sich nicht in den Straßen zeigen durften, wenn sie vom Pöbel nicht insultirt werden wollten.[68] Das Vorurtheil war so stark, daß alberne Geschichten erfunden wurden, um die Unerschrockenheit, mit der die Reiter gefochten, zu erklären. Bald sagte man, die Reiter seien nicht Männer von celtischem Geblüt, sondern Nachkommen der alten Engländer des Sachsengebiets;[69] bald wieder, sie seien kurz vor der Schlacht mit Branntwein berauscht worden.[70] Nichts ist jedoch gewisser, als daß sie zum größten Theil irischer Abstammung gewesen sein müssen; auch hatte der sich gleichbleibende Muth, den sie in einem langen und fast hoffnungslosen Kampfe entfalteten, nicht die mindeste Aehnlichkeit mit der Wuth eines durch geistige Getränke zu momentaner Tapferkeit erhitzten Feiglings. Selbst bei der Infanterie, so undisciplinirt und desorganisirt sie war, fand sich viel Muth, nur wenig Ausdauer. Anfälle von Begeisterung und Anfälle von Entmuthigung wechselten mit einander ab. Das nämliche Bataillon, das jetzt in panischem Schrecken die Waffen wegwarf und um Pardon bat, focht bei einer andren Gelegenheit mit großer Tapferkeit. In der Schlacht am Boyne war der Muth der ungeübten und schlecht commandirten Kernen auf den Nullpunkt gesunken. Als sie sich in Limerick wieder gesammelt hatten, war ihr Blut in Aufruhr. Patriotismus, Fanatismus, Scham, Rachedurst und Verzweiflung hatten sie über sich selbst erhoben. Offiziere und Mannschaften verlangten einstimmig, daß die Stadt bis aufs Aeußerste vertheidigt werde. An der Spitze Derer, welche für den Widerstand waren, stand der tapfere Sarsfield, und seine Ermahnungen erweckten in allen Reihen einen Muth, der dem seinigen gleichkam. Sein Vaterland zu retten, lag außer seiner Macht. Er konnte nichts weiter thun, als den letzten Todeskampf um ein blutiges und unheilvolles Jahr verlängern.[71]