Eindruck der Nachrichten aus Irland in London.
Die guten Nachrichten aus Irland trafen in London in einem Augenblicke ein, wo gute Nachrichten dort sehr nöthig waren. Die englische Flagge hatte in den englischen Meeren keine Ehre eingelegt, ein auswärtiger Feind bedrohte die Küsten, Verräther bearbeiteten das Land im Innern. Marie hatte sich über ihre Kräfte angestrengt. Ihre zarte Constitution war den heftigen Gemüthsbewegungen ihrer Stellung nicht gewachsen, und sie beklagte sich, daß sie von den Geschäften keinen Augenblick Zeit erübrigen könne, um sich durch Gebet zu beruhigen. Ihre Angst stieg aufs Höchste, als sie erfuhr, daß die beiden Lager ihres Vaters und ihres Gatten nahe bei einander aufgeschlagen seien und daß man stündlich die Nachricht von einer Schlacht zu gewärtigen habe. Sie stahl sich die Zeit zu einem Ausfluge nach Kensington und brachte drei ruhige Stunden in dem Garten zu, welcher damals noch eine ländliche Einsamkeit war.[38] Aber die Erinnerung an die Tage, die sie dort mit dem Manne verlebt, den sie vielleicht nie wiedersehen sollte, überwältigte sie. „Der Ort,” schrieb sie an ihn, „erinnert mich daran, wie glücklich ich war, als ich hier in Ihrer theuren Gesellschaft zubrachte. Doch ich will nicht mehr sagen, denn ich würde meinen Augen schaden, die ich jetzt nöthiger brauche als je. Leben Sie wohl. Denken Sie an mich und lieben Sie mich so wie ich Sie, den ich mehr liebe als mein Leben.”[39]
Früh am Morgen nachdem diese zärtlichen Zeilen abgeschickt waren, wurde Whitehall durch die Ankunft einer Post aus Irland geweckt. Nottingham wurde aus dem Bett geholt. Man benachrichtigte die Königin, welche eben in die Kapelle gegangen war, wo sie täglich dem Gottesdienst beiwohnte, daß Wilhelm verwundet worden sei. Sie hatte viel geweint, aber bis diesen Augenblick hatte sie nur in der Stille geweint und sich bemüht, ihrem Hofe und ihrem Staatsrathe ein heiteres Antlitz zu zeigen. Als aber Nottingham ihr den Brief ihres Gemahls überreichte, brach sie in Thränen aus. Sie zitterte noch vor heftiger Bewegung und hatte kaum einen Brief an Wilhelm beendigt, in welchem sie mit der natürlichen Beredtsamkeit ihres Geschlechts ihre Liebe, ihre Besorgnisse und ihre Dankbarkeit ausdrückte, als ein andrer Bote mit der Nachricht ankam, daß die englische Armee den Uebergang über den Boyne erzwungen habe, daß die Irländer in wilder Flucht begriffen seien und daß der König sich wohl befinde. Doch war sie sichtbar unruhig, bis Nottingham ihr versichert hatte, daß auch Jakob unversehrt sei. Der ernste Staatssekretär, der sie wirklich geachtet und geliebt zu haben scheint, schilderte nachmals mit viel Gefühl diesen Kampf zwischen der Kindespflicht und Gattenliebe. Noch den nämlichen Tag schrieb sie an ihren Gemahl und beschwor ihn dafür zu sorgen, daß ihrem Vater kein Leid geschehe. „Ich weiß,” sagte sie, „ich brauche Sie nicht erst zu bitten, darauf zu sehen, daß man seiner schont, denn ich bin überzeugt, Sie werden dies schon um Ihretwillen thun. Aber erweisen Sie mir die Güte und lassen Sie die Leute um meinetwillen noch besonders wissen, Sie wünschten nicht, daß seiner Person das geringste Leid zugefügt werde.”[40] Diese Fürsorge war, so sehr man sie loben muß, überflüssig. Ihr Vater wußte selbst am besten für seine Sicherheit zu sorgen. Er hatte sich während der Schlacht nicht ein einziges Mal der Möglichkeit ausgesetzt, verwundet zu werden, und während seine Tochter bei dem Gedanken an die Gefahren schauderte, von denen sie ihn in Irland umgeben glaubte, war er schon auf halbem Wege nach Frankreich.
Die erfreulichen Nachrichten trafen zufällig an dem Tage in Whitehall ein, bis zu welchem das Parlament prorogirt worden war. Der Sprecher und mehrere in London anwesende Mitglieder des Hauses der Gemeinen versammelten sich nach der hergebrachten Form um zehn Uhr Morgens und wurden durch den schwarzen Stab vor die Schranken der Peers entboten. Hierauf wurde das Parlament in Auftrag des Königs von neuem prorogirt. Sobald diese Ceremonie vorüber war, überreichte der Kanzler der Schatzkammer dem Sekretär die eben aus Irland angelangte Depesche und der Sekretär las sie den anwesenden Lords und Gentlemen mit lauter Stimme vor.[41] Die frohe Botschaft verbreitete sich rasch von Westminster Hall durch alle Kaffeehäuser und wurde mit Jubel aufgenommen. Denn diejenigen Engländer, welche durch die Franzosen und Irländer eine englische Armee geschlagen und eine englische Colonie vertilgt zu sehen wünschten, bildeten selbst unter der jakobitischen Partei die Minderzahl.