Geist der Nation.
Doch das Uebel brachte sein Heilmittel selbst mit sich. Der kannte England schlecht, der da glaubte, daß es zu gleicher Zeit von einem Aufstande und von einer Invasion bedroht sein könnte, denn die Gefahr einer Invasion war eigentlich die beste Sicherheit gegen die Gefahr eines Aufstandes. Die Sache Jakob’s war die Sache Frankreich’s und obgleich in den Augen flüchtiger Beobachter die französische Allianz seine Hauptstütze zu sein schien, so war sie doch in Wirklichkeit gerade das Hinderniß, das seine Restauration unmöglich machte. In dem Patriotismus, dem nur zu oft unfreundlichen und ungeselligen Patriotismus unserer Vorfahren lag zu gleicher Zeit das Geheimniß von Wilhelm’s Schwäche und von seiner Stärke. Sie waren eifersüchtig auf seine Liebe zu Holland, aber sie sympathisirten aufrichtig mit seinem Hasse gegen Ludwig. Ihrem starken Nationalgefühle müssen fast alle die kleinen Widerwärtigkeiten zugeschrieben werden, welche den Thron des Befreiers von seinem Regierungsantritte bis zu seinem Tode zu einem so unbehaglichen Sitze machten. Dem nämlichen Gefühle aber ist es auch zuzuschreiben, daß sein Thron, obgleich fortwährend bedroht und oft erschüttert, doch niemals umgestürzt wurde. Denn so sehr auch sein Volk seine fremden Günstlinge haßte, seine fremden Feinde haßte es noch mehr. Die Holländer waren Protestanten, die Franzosen waren Papisten; die Holländer wurden als selbstsüchtige, habgierige, übermüthige Alliirte betrachtet, die Franzosen waren Todfeinde. Das Schlimmste was von den Holländern zu befürchten stand, war, daß sie einen zu großen Antheil an dem Patronat der Krone erlangen, daß sie einen zu großen Theil der Kriegslasten auf uns wälzen, daß sie auf unsere Kosten commercielle Vortheile erlangen konnten. Die Franzosen aber konnten uns besiegen; die Franzosen konnten uns zu Sklaven machen; die Franzosen konnten Drangsale über uns bringen gleich denen, welche die schönen Gefilde und Städte der Pfalz in eine Wüste verwandelt hatten. Es konnte den Hopfenpflanzungen von Kent ergehen wie es den Weinbergen am Neckar ergangen war. Die High Street von Oxford und der Domplatz von Salisbury konnten mit Trümmern bedeckt werden wie die, welche die Stätten bedeckten, wo einst die Paläste und Kirchen Heidelberg’s und Mannheim’s gestanden hatten. Das von dem alten Kirchthurm beschattete Pfarrhaus, die zwischen Bienenkörben und blühenden Apfelbäumen hervorblickende Pächterwohnung, das von hohen Ulmen umgebene gutsherrliche Schloß konnten einer Soldateska preisgegeben werden, die von Mitleid gegen gebrechliche Greise, gegen zarte Frauen und gegen Säuglinge nichts wußte. Die Worte: „Die Franzosen kommen!” unterdrückten sofort alles Murren über Abgaben und Mißbräuche, über Wilhelm’s unfreundliches Wesen und Portland’s einträgliche Stellen, und erweckten einen eben so hohen und unbesiegbaren Muth, wie er hundert Jahre früher die Reihen beseelte, welche Elisabeth bei Tilbury musterte. Wäre die Armee Humieres’ gelandet, so würde ihr sicherlich fast jedes männliche Individuum, das fähig war, die Waffen zu tragen, entgegengetreten sein. Nicht nur die Gewehre und Piken, sondern auch die Sensen und Heugabeln würden noch nicht hingereicht haben für die Hunderttausende, die sich, jeden Glaubens- und Parteiunterschied vergessend, wie ein Mann erhoben haben würden, um den englischen Boden zu vertheidigen.
Die unmittelbare Folge der Niederlagen im Kanal und in Flandern war daher, daß sich die große Masse des Volks für einen Augenblick fest zusammenschaarte. Die nationale Abneigung gegen die Holländer schien suspendirt zu sein. Ihr tapferes Benehmen bei Beachy Head fand lauten Beifall und Torrington’s Unthätigkeit wurde laut getadelt. London ging mit dem Beispiele der Einigkeit und Kraftäußerung voran, die durch die letzte Wahl hervorgerufene Gereiztheit legte sich plötzlich, alle Parteiunterschiede schwanden. Der Lordmayor wurde zur Königin beschieden. Sie ersuchte ihn so bald als möglich zu ermitteln, was die Hauptstadt thun würde, wenn der Feind es wagen sollte, eine Landung zu unternehmen. Er rief die Vertreter der Stadtviertel zusammen, besprach sich mit ihnen und kehrte nach Whitehall zurück, um zu berichten, daß sie sich einmüthig verpflichtet hätten, mit Gut und Blut der Regierung beizustehen, daß hunderttausend Pfund bereit lägen, um in die Schatzkammer eingezahlt zu werden, daß zehntausend wohlbewaffnete und ausgerüstete Londoner bereit seien, jeden Augenblick zu marschiren und daß ein Verstärkungsheer von sechs Infanterieregimentern, einem starken Reiterregiment und tausend Dragonern augenblicklich ausgehoben werden würde, ohne daß es der Krone einen Farthing kosten sollte. Von Ihrer Majestät verlange die Stadt nichts weiter, als daß sie geruhen möge, diese Truppen unter die Befehle von Offizieren zu stellen, auf die sie sich verlassen könne. Der nämliche Geist zeigte sich in allen anderen Theilen des Landes. Obgleich in den südlichen Grafschaften die Ernte bevorstand, eilten die Landleute mit ungewöhnlicher Freudigkeit zu den Sammelplätzen der Miliz. Die jakobitischen Landgentlemen, welche seit mehreren Monaten Vorbereitungen zu der allgemeinen Erhebung trafen, welche stattfinden sollte, sobald Wilhelm abgereist und Beistand aus Frankreich angelangt sein würde, verbrannten jetzt, da Wilhelm gegangen war und eine französische Invasion stündlich erwartet wurde, ihre von Jakob unterzeichneten Offizierspatente und versteckten ihre Waffen in verborgenen Wandschränken oder in Heuschobern. Die Jakobiten in den Städten wurden insultirt wo sie sich blicken ließen und mußten sich vor dem erbitterten Pöbel in ihre Häuser einschließen.[157]