Torrington erhält Befehl, Tourville eine Schlacht zu liefern.
Als der Geheimerath seine Sitzung aufgehoben, hatte die Königin mit dem Neunerrath eine Frage von größter Wichtigkeit zu erwägen. Welche Befehle sollten Torrington übersandt werden? Das Wohl des Staats konnte von seinem Urtheil und von seiner Geistesgegenwart abhängen, und einige von Mariens Rathgebern fürchteten, daß er der Situation nicht gewachsen sei. Ihre Besorgniß nahm zu, als die Nachricht kam, daß er die Küste der Insel Wight den Franzosen preisgegeben habe und sich vor ihnen in der Richtung der Meerenge von Dover zurückziehe. Der scharfsichtige Caermarthen und der unternehmende Monmouth tadelten übereinstimmend diese Vorsichtstaktik. Torrington hatte zwar nicht so viele Schiffe als Tourville, aber Caermarthen war der Ansicht, daß es in einem solchen Augenblicke rathsam sei selbst gegen eine Uebermacht zu kämpfen, und Monmouth war während seines ganzen Lebens dafür, zu jeder Zeit und gegen jede Uebermacht zu kämpfen. Russell, der unbestreitbar einer der besten Seeleute seines Jahrhunderts war, meinte, die Ungleichheit der Zahlen sei nicht so groß, um einem Offizier, der englische und holländische Marinesoldaten befehligte, Besorgniß einzuflößen. Er schlug deshalb vor, dem Admiral einen Verweis zukommen zu lassen, der in so nachdrücklichen Worten abgefaßt war, daß die Königin sich nicht entschließen konnte, ihn zu unterschreiben. Die Ausdrücke wurden zwar bedeutend gemildert, in der Hauptsache aber wurde Russell’s Rath befolgt. Torrington erhielt bestimmten Befehl, sich nicht weiter zurückzuziehen und unverweilt eine Schlacht zu liefern. Devonshire war damit noch nicht zufriedengestellt. „Es ist meine Pflicht, Madame,” sagte er, „Ihrer Majestät unverhohlen zu sagen, wie ich über eine Angelegenheit von solcher Wichtigkeit denke, und ich denke, daß Mylord Torrington nicht der Mann ist, in dessen Hände man das Geschick dreier Königreiche legen kann.” Devonshire hatte Recht; aber seine Collegen waren einstimmig der Meinung, daß es sehr gefährlich sein würde, einen Befehlshaber Angesichts des Feindes und am Vorabend einer allgemeinen Schlacht abzusetzen, und man kann schwerlich sagen, daß sie Unrecht hatten. „Sie müssen ihn entweder lassen wo er ist,” sagte Russell, „oder ihn als Gefangenen zurückholen lassen.” Es wurden mehrere Auswege angedeutet. Caermarthen schlug vor, Russell zur Unterstützung Torrington’s abzusenden. Monmouth bat dringend um die Erlaubniß, zur Flotte abgehen zu dürfen, gleichviel in welcher Eigenschaft, als Kapitain oder als Freiwilliger. „Lassen Sie mich nur erst an Bord sein,” sagte er, „und ich setze meinen Kopf zum Pfande, daß es zur Schlacht kommt.” Nach langem Hin- und Herreden und Zaudern wurde beschlossen, daß Russell und Monmouth nach der Küste abgehen sollten.[152] Sie reisten ab, aber es war zu spät. Die Depesche welche Torrington befahl zu kämpfen, war ihnen vorausgeeilt. Er erhielt dieselbe, als er sich auf der Höhe von Beachy Head befand. Nachdem er sie gelesen, war er in großer Verlegenheit. Lieferte er keine Schlacht, so machte er sich eines directen Ungehorsams schuldig. Lieferte er eine Schlacht, so lief er seiner Ansicht nach große Gefahr, geschlagen zu werden. Er vermuthete wahrscheinlich, — denn er war argwöhnischen und neidischen Characters, — daß die Instructionen, die ihn in ein so peinliches Dilemma brachten, von Feinden und Nebenbuhlern in der Absicht entworfen waren, seinem Glücke und seinem Rufe zu schaden. Besonders erbitterte ihn der Gedanke, daß er sich von Russell hofmeistern lassen sollte, der ihm im Range nachstand, gleichwohl aber als Mitglied des Neunerraths eine Oberaufsicht über alle Zweige des öffentlichen Dienstes ausübte. Es scheint kein Grund vorhanden, Torrington des Mangels an gutem Willen zu beschuldigen, und noch weniger kann man annehmen, daß es einem Offizier, der sein ganzes Leben unter Gefahren hingebracht und der sich stets tapfer benommen, an dem persönlichen Muthe gefehlt haben sollte, den Hunderte von Matrosen auf jedem von ihm befehligten Schiffe besaßen. Aber es giebt einen höheren Muth, der Torrington gänzlich abging. Er scheute jede Verantwortlichkeit, die Verantwortlichkeit des Kämpfens wie die Verantwortlichkeit des Nichtkämpfens, und es gelang ihm, einen Mittelweg zu finden, der alle Nachtheile, denen er ausweichen wollte, in sich vereinigte. Er wollte dem Buchstaben seiner Instructionen nachkommen, wollte aber nicht Alles aufs Spiel setzen. Einige von seinen Schiffen sollten mit dem Feinde scharmützeln, die Hauptmacht seiner Flotte aber sollte nicht gefährdet werden. Es lag auf der Hand, daß die Schiffe, welche mit den Franzosen anbanden, in eine höchst gefährliche Situation kommen mußten und große Verluste zu erwarten hatten, und man hat nur zu guten Grund zu glauben, daß Torrington schändlich genug war, seine Anordnungen so zu treffen, daß Gefahr und Verlust fast ausschließlich auf die Holländer fielen. Er konnte sie nicht leiden und sie waren in England so unpopulär, daß die Vernichtung ihres ganzen Geschwaders sehr wahrscheinlich geringeres Murren erregt haben würde als die Wegnahme einer von unseren eigenen Fregatten.