Tourville versucht eine Landung in England.
Während er so mit unwürdiger Standhaftigkeit den höflichen Spott der französischen Aristokratie ertrug und sein Möglichstes that, die Geduld und Artigkeit seines Wohlthäters zu ermüden, indem er beständig wiederholte, daß dies der günstige Augenblick zu einem Einfall in England sei und daß die ganze Insel ihre fremden Befreier mit Sehnsucht erwarte, ereigneten sich Dinge, welche deutlich bewiesen, wie wenig der verbannte Despot den Character seiner Landsleute kannte.
Tourville war nach der Schlacht bei Beachy Head ungehindert im Kanal umher gefahren. Am 21. Juli wurden seine Masten auf den Felsen von Portland gesehen. Am 22. ankerte er im Hafen von Torbay angesichts der nämlichen Höhen, welche nicht viele Monate früher die Flotte Wilhelm’s geschützt hatten. Die französische Flotte, die jetzt eine beträchtliche Anzahl Truppen an Bord hatte, bestand aus hundertelf Segeln. Die Galeeren, welche einen großen Theil dieser Streitmacht bildeten, glichen eher den Schiffen, mit denen Alcibiades und Lysander sich die Herrschaft im ägäischen Meere streitig machten, als denen, welche am Nil und bei Trafalgar kämpften. Die Galeere war sehr lang und sehr schmal, das Verdeck nicht mehr als zwei Fuß über dem Wasserspiegel. Jede Galeere wurde durch funfzig bis sechzig mächtige Ruder in Bewegung gesetzt, an deren jedem fünf bis sechs Sklaven arbeiteten. Die volle Sklavenbemannung eines solchen Fahrzeugs betrug dreihundertsechsunddreißig, die volle Zahl der Offiziere und Matrosen hundertfunfzig Mann. Von den unglücklichen Ruderknechten waren einige Verbrecher, welche verdientermaßen zu einem Leben harter Arbeit und Gefahren verurtheilt worden; einige andere hatten sich weiter nichts zu Schulden kommen lassen, als daß sie beharrlich der hugenottischen Gottesverehrung anhingen; die große Mehrzahl aber waren gekaufte Sklaven, meist Türken und Mohren. Sie brüteten natürlich fortwährend über Plänen, wie sie ihre Tyrannen ermorden und aus der Knechtschaft entspringen könnten, und waren nur durch beständige Züchtigungen und durch häufige Todesstrafen von den qualvollsten Formen in Ordnung zu halten. Ein Engländer, der einmal zufällig unter zwölfhundert dieser unglücklichen und verzweifelten Geschöpfe gerieth, welche auf dem Wege von Marseille waren, um zu Tourville’s Geschwader zu stoßen, hörte wie sie schwuren, daß, wenn sie einem Kriegsschiffe zu nahe kommen sollten, das das St. Georgskreuz trüge, sie nie wieder einen französischen Hafen sehen würden.[45]
Im mittelländischen Meere waren die Galeeren allgemein in Gebrauch, aber noch nie waren sie auf dem stürmischen Ocean gesehen worden, der unsre Insel umtobt. Ludwig’s Schmeichler sagten, daß das Erscheinen eines solchen Geschwaders im atlantischen Meere eines von den Wundern sei, die seiner Regierung vorbehalten wären, und in Paris wurde zum Gedächtniß dieses kühnen Versuchs im Seekriege eine Denkmünze geprägt.[46] Englische Seeleute prophezeiten mit mehr Grund, daß der erste Windstoß diese ganze Schönwetterflotte auf den Grund des Kanals schicken werde. Die Galeere hielt sich in der That, wie die alte Trireme, im allgemeinen dicht am Ufer und wagte sich nur bei ganz ruhigem Wasser und heiterem Himmel in die offene See. Aber die Eigenschaften, welche diese Art Schiffe untauglich zum Kampfe gegen Sturm und Wogen machten, machten sie ganz besonders brauchbar zum Landen von Soldaten. Tourville beschloß zu versuchen, welche Wirkung eine Landung hervorbringen würde. Die englischen Jakobiten, die sich nach Frankreich geflüchtet hatten, glaubten alle zuversichtlich, daß die ganze Bevölkerung der Insel bereit sei, sich einer Invasionsarmee anzuschließen, und er traute ihnen wahrscheinlich zu, daß sie die Stimmung ihrer Landsleute kannten.
Doch es konnte keinen größeren Irrthum geben. Auch soll der französische Admiral der Sage nach schon als er sich noch auf offener See befand, eine Lection bekommen haben, die ihn hätte lehren können, auf die Versicherungen von Verbannten nicht allzu viel zu geben. Er nahm ein Fischerboot weg und befragte den Eigenthümer, einen schlichten Sussexer, über die Gesinnungen der Nation. „Seid Ihr,” sagte er zu ihm, „für König Jakob.” — „Davon verstehe ich nicht viel,” antwortete der Fischer. „Ich habe nichts gegen König Jakob, er ist gewiß ein sehr würdiger Herr. Gott segne ihn!” — „Ein braver Mann!” sagte Tourville. „Ihr werdet also gewiß nichts dagegen einzuwenden haben, bei uns Dienste zu nehmen.” — „Wie?” rief der Gefangene, „mit den Franzosen gegen Engländer sollen wir kämpfen? Euer Ehren möge es mir nicht übel nehmen, aber ich könnte das nicht, und wenn es mich mein Leben kostete.”[47] Dieser arme Fischer, mochte er nun eine wirkliche oder fingirte Person sein, sprach die Gesinnung der Nation aus. Die Feuerwarte auf dem Bergrücken, welcher Teignmouth beherrschte, wurde angezündet; der High Tor und Cansland antworteten und bald loderten Feuer auf allen Bergspitzen des Westens. Reitende Boten eilten die ganze Nacht hindurch von einem Vicestatthalter zum andren. Am folgenden Morgen in der Frühe versammelten sich, ohne Anführer und ohne Aufforderung, fünfhundert bewaffnete und berittene Gentlemen und Freisassen auf dem Gipfel des Haldon, und binnen vierundzwanzig Stunden hatte sich ganz Devonshire erhoben. Jede Straße in der Grafschaft von einer Meeresküste zur andren war mit Massen kampffähiger Männer bedeckt, die alle nach der Torbaybucht zogen. Die Besitzer von hundert Schlössern, stolz auf ihre langen Stammbäume und auf ihre alten Wappen, rückten an der Spitze ihrer Vasallen ins Feld: die Drake, die Prideaux und die Rolle, Fowell von Fowelscombe und Fulford von Fulford, Sir Bourchier Wray von Tawstock Park und Sir William Courtenay von Powderham Castle. Briefe von mehreren der Vicestatthalter, welche in dieser angstvollen Woche am thätigsten waren, sind noch vorhanden. Alle diese Briefe rühmen einstimmig den Muth und die Begeisterung des Volks. Aber alle äußern auch einstimmig die schmerzlichste Besorgniß hinsichtlich des Resultats eines Zusammenstoßes zwischen einer ungeübten Miliz und Veteranen, welche unter Turenne und Luxemburg gedient hatten, und alle verlangen den Beistand regulärer Truppen in einer Sprache, die ganz anders klingt als sie die damaligen Landgentlemen über stehende Heere zu führen pflegten, so lange sie das Andringen der Gefahr nicht fühlten.