Bill zur Abschaffung der Vorrechte von Whitefriars und dem Savoy.
Eine andre Bill, welche bessere Aufnahme fand, muß als ein Beispiel von dem langsamen aber stetigen Fortschreiten der Civilisation erwähnt werden. Die alten Gerechtsame, welche einige Bezirke der Hauptstadt, unter denen Whitefriars der größte und schmachvollste war, genossen, hatten Mißbräuche hervorgerufen, die nicht länger geduldet werden konnten. Die Templeinsassen auf der einen Seite von Alsatia und die Bürger auf der andren hatten die Regierung und die Legislatur schon seit langer Zeit gedrängt, einen so empörenden Uebelstand zu beseitigen. Aber noch immer existirte dieses im Westen von der großen Schule der englischen Jurisprudenz, im Osten von dem großen Centralpunkte des englischen Handels begrenzte Labyrinth schmutziger und winkeliger Häuser, deren jedes vom Keller bis unter das Dach von dem Abschaume der Bevölkerung vollgepfropft war, dessen ganzes Leben einen beständigen Kampf mit der Gesellschaft bildete. Der beste Theil der Bewohner dieses Stadttheils bestand aus Schuldnern, welche die Bailiffs fürchteten. Die übrigen waren removirte Advokaten, Zeugen, welche Stroh in ihren Schuhen trugen, zum Zeichen für das Publikum, daß hier für eine halbe Krone ein falscher Eid zu bekommen sei, Gauner, Diebshehler, Geldbeschneider, Banknotenfälscher, aufgeputzte Frauenzimmer mit von Schminke und Branntwein gerötheten Wangen, die im Zorne häufigen Gebrauch von ihren Nägeln und Scheeren machten, deren Freundlichkeit aber noch weit gefährlicher war als ihr Zorn. Von diesem Auswurf der Menschheit wimmelten die engen Gassen des Sanctuariums. Das Klappern von Würfeln, der Ruf nach mehr Punsch und Wein und das Geräusch von Flüchen und Zotenliedern hörten die ganze Nacht nicht auf. Die Vorsteher des inneren Temple konnten den Scandal und Lärm nicht länger ertragen, und sie ließen den nach Whitefriars führenden Ausgang zumauern. Die Bewohner von Alsatia versammelten sich in großer Anzahl, griffen die Arbeiter an, tödteten einen von ihnen, rissen die Mauer ein, schlugen den Sheriff, der zur Herstellung der Ruhe herbeikam, zu Boden und nahmen ihm seine goldene Kette, die ohne Zweifel bald in den Schmelztiegel wanderte. Der Tumult wurde erst unterdrückt, als eine Compagnie der Fußgarden erschien. Dieser Frevel erregte allgemeinen Unwillen. Die City, empört über die dem Sheriff zugefügte Mißhandlung, rief laut nach Gerechtigkeit. Es war jedoch so schwierig, in den Höhlen von Whitefriars ein gerichtliches Verfahren einzuleiten, daß beinahe zwei Jahre vergingen, ehe ein einziger Unruhstifter verhaftet wurde.[95]
Das Savoy war ein andrer Platz der nämlichen Art, zwar kleiner und minder berüchtigt, aber von einer ebenso gesetzlosen Bevölkerung bewohnt. Ein unglücklicher Schneider, der sich dahin wagte, um eine Schuldforderung einzutreiben, wurde von dem ganzen Pöbelhaufen der Gauner, Betrüger und Buhldirnen angefallen. Er erbot sich, seinem Schuldner die ganze Forderung zu erlassen und das Gesindel zu tractiren; aber umsonst. Er hatte sich einen Eingriff in ihre Gerechtsame erlaubt, und dies war ein unverzeihliches Verbrechen. Er wurde zu Boden geschlagen, ausgezogen, getheert und befiedert. Dann band man ihm einen Strick um den Leib und schleifte ihn unter dem Geschrei: „Ein Bailiff! ein Bailiff!” nackend durch die Straßen. Schließlich mußte er niederknien und seine Eltern verfluchen. Nachdem er diese Ceremonie verrichtet hatte, erlaubte man ihm — und die Erlaubniß wurde von vielen Bewohnern des Savoy getadelt, — ohne einen einzigen Lumpen auf dem Leibe nach Hause zu hinken.[96] Der Sumpf von Allen, die Pässe der Grampians waren nicht unsicherer als dieser kleine Knäuel von Gassen, der von den Palästen des vornehmsten Adels eines blühenden und aufgeklärten Königreichs umgeben war.
Endlich im Jahre 1697 ging eine Bill zur Aufhebung der Privilegien dieser Stadtbezirke in beiden Häusern durch und erhielt die Genehmigung des Königs; die Bewohner von Alsatia und dem Savoy waren wüthend. Parlamentsmitglieder, die sich durch eifrige Unterstützung der Bill ausgezeichnet hatten, empfingen anonyme Zuschriften, worin ihnen mit Ermordung gedroht wurde; aber derartige Drohungen befestigten nur die allgemeine Ueberzeugung, daß es hohe Zeit sei, diese Banditennester zu zerstören. Es wurde eine Gnadenfrist von vierzehn Tagen bewilligt und bekannt gemacht, daß nach Ablauf dieser Frist das Gesindel, das ein Fluch für London gewesen war, unbarmherzig ans Tageslicht gezogen und verfolgt werden würde. Es fand eine tumultuarische Flucht nach Irland, nach Frankreich, nach den Colonien, nach Kellern und Mansarden in minder berüchtigten Stadtbezirken statt, und als an dem festgesetzten Tage die Beamten des Sheriffs die Grenze zu überschreiten wagten, fanden sie die Straßen, in denen wenige Wochen zuvor der Ruf: „Ein Verhaftsbefehl!” tausend wüthende Raufbolde und keifende Weiber hervorgelockt haben würde, eben so ruhig wie den Kreuzgang einer Kirche.[97]