Congreß von Ryswick.

Auf halbem Wege zwischen Delft und dem Haag liegt ein Dorf, Namens Ryswick, und in der Nähe desselben stand damals, in einem von geradlinigen Kanälen umgebenen, in regelmäßige Gehölze, Blumen- und Melonenbeete eingetheilten rechtwinkeligen Garten ein Landhaus der Prinzen von Oranien. Das Haus war wie geschaffen für eine Gesellschaft von Diplomaten, wie sie hier zusammenkommen sollte. Im Centrum befand sich ein von Honthorst gemalter Saal. Zur Rechten und Linken waren genau correspondirende Seitenflügel angebaut. Zu jedem der beiden Flügel führte eine besondere Brücke, ein besonderer Eingang und eine besondere Avenue. Der eine Flügel wurde den Verbündeten, der andre den Franzosen, der Saal im Centrum dem Vermittler angewiesen.[111] Einige Vorfragen der Etikette wurden nicht ohne Mühe erledigt, und endlich, am 9. Mai, näherten sich eine Menge sechsspänniger Equipagen, von Läufern, Bedienten und Pagen begleitet, von verschiedenen Seiten dem Schloß. Der schwedische Gesandte stieg am Haupteingange aus. Der Zug vom Haag kam durch die rechte Seitenallee an; der Zug von Delft durch die linke Seitenallee. Bei der ersten Zusammenkunft überreichten die Vertreter der kriegführenden Regierungen ihre Vollmachten dem Vermittler. Beim zweiten Zusammentreffen, achtundvierzig Stunden später, vollzog der Vermittler die Ceremonie der Auswechslung dieser Vollmachten. Dann wurden mehrere Zusammenkünfte damit hingebracht, die Zahl der Wagen, Pferde, Lakaien und Pagen festzustellen, welche jeder Gesandte nach Ryswick mitzubringen berechtigt sein sollte, ob die Dienstleute Stöcke tragen sollten, ob sie Degen tragen sollten, ob sie Pistolen in den Halftern haben sollten, wer bei den Ausfahrten den Vorrang haben und wessen Equipage auf den Straßen ausweichen sollte. Es zeigte sich bald, daß der Vermittler nicht allein zwischen der Koalition und den Franzosen, sondern auch zwischen den verschiedenen Mitgliedern der Coalition zu vermitteln haben würde. Die kaiserlichen Gesandten beanspruchten das Recht, am Berathungstische obenan zu sitzen. Der spanische Gesandte wollte dieses Recht nicht anerkennen und versuchte sich zwischen zwei von jenen einzudrängen. Die kaiserlichen Gesandten wollten die Gesandten von Kurfürsten und Republiken nicht Excellenz tituliren. „Wenn ich nicht Excellenz genannt werde,” sagte der Minister des Kurfürsten von Brandenburg, „so wird mein Gebieter seine Truppen aus Ungarn zurückziehen.” Die kaiserlichen Gesandten verlangten ein Zimmer für sich im Gebäude und einen besonderen Platz im Hofe für ihre Equipagen. Alle anderen Gesandten der Conföderation erklärten dies für ein durchaus ungerechtfertigtes Verlangen, und eine ganze Sitzung wurde mit diesem kindischen Streite verschwendet. Man wird leicht glauben, daß Verbündete, die in ihrem Verkehr unter sich so kleinlich waren, aller Wahrscheinlichkeit nach in ihrem Verkehr mit dem Feinde nicht sehr gefällig sein würden. Die Hauptbeschäftigung Harlay’s und Kaunitz’ bestand darin, gegenseitig ihre Füße zu beobachten. Keiner von ihnen hielt es für verträglich mit dem Ansehen der Krone, der er diente, sich dem Andren mit rascheren Schritten zu nähern, als der Andre sich ihm näherte. Wenn daher der Eine bemerkte, daß er aus Versehen zu rasch gegangen war, kehrte er bis zur Thür zurück, und die steife Menuett begann von neuem. Die Gesandten Ludwig’s setzten einen Vertragsentwurf in ihrer Muttersprache auf. Die deutschen Staatsmänner protestirten gegen diese Neuerung, gegen diese Beleidigung der Würde des heiligen römischen Reichs, gegen diesen Eingriff in die Rechte unabhängiger Nationen und wollten nicht eher etwas von dem Entwurfe wissen, als bis er aus gutem Französisch in schlechtes Latein übersetzt war. Schon Mitte April wußte Jedermann im Haag, daß Karl XI., König von Schweden gestorben und daß sein Sohn ihm auf den Thron gefolgt war; aber es widerstritt der Etikette, daß irgend einer der versammelten Gesandten die Kenntniß dieses Ereignisses äußerte, bevor Lilienroth es förmlich annoncirt hatte; nicht minder widerstritt es der Etikette, daß Lilienroth diese Anzeige machte, bevor seine Equipagen und seine Dienerschaft in Trauer gehüllt waren, und es vergingen einige Wochen, bis seine Wagenbauer und Kleidermacher ihre Aufgabe vollendet hatten. Endlich, am 12. Juni, kam er in einem schwarz ausgeschlagenen und von Bedienten in schwarzer Livree begleiteten Wagen nach Ryswick und kündigte hier in vollem Congreß an, daß es Gott gefallen habe, den großmächtigsten König Karl XI. zu sich zu nehmen. Sämmtliche Gesandten bezeigten ihm hierauf ihre Theilnahme an der betrübenden und unerwarteten Nachricht und begaben sich dann nach Hause, um ihre Stickereien abzulegen und sich in Trauer zu kleiden. Unter solchen feierlichen Tändeleien verging eine Woche nach der andren, und es wurde kein reeller Fortschritt gemacht. Lilienroth hegte keineswegs den Wunsch, die Sache zu beeilen. So lange der Congreß dauerte, nahm er eine hochangesehene Stellung ein. Er wäre gern beständig Vermittler geblieben, und er hätte aufgehört dies zu sein, wenn die Parteien zu seiner Rechten und Linken aufhörten, mit einander zu hadern.[112]

Im Juni begann die Hoffnung auf Frieden zu sinken. Man erinnerte sich, daß der vorige Krieg noch Jahre lang fortgedauert hatte, während ein Congreß in Nymwegen tagte. Die Vermittler hatten im Februar 1676 ihren Einzug in diese Stadt gehalten, und erst im Februar 1679 war der Vertrag unterzeichnet worden. Indessen waren die Unterhandlungen von Nymwegen nicht langsamer von Statten gegangen als die Unterhandlungen von Ryswick. Es war nur zu wahrscheinlich, daß noch das 18. Jahrhundert große Armeen einander am Rhein und der Maas gegenüberstehend, betriebsame Bevölkerungen durch Steuern zu Boden gedrückt, fruchtbare Provinzen verwüstet, die Schifffahrt auf dem Ocean durch Corsaren beunruhigt und die Bevollmächtigten Noten wechselnd, Protokolle aufnehmend und sich über den Platz, wo dieser Minister sitzen und über den Titel, der jenem Minister bewilligt werden sollte, streitend finden würde.