Der Prozeß Thomas Aikenhead’s.
Ein achtzehnjähriger Student, Namens Thomas Aikenhead, von großem Fleiß und tadelloser sittlicher Führung, war im Verlaufe seiner Studien auf einige von den gewöhnlichen Argumenten gegen die Bibel gestoßen. Er glaubte einen der übrigen Menschheit verborgenen Weisheitsschatz entdeckt zu haben und theilte seine Entdeckung mit dem eitlen Stolze, von dem lebhafte junge Leute selten frei sind, vier oder fünf seiner Stubengenossen mit. Dreiheit in der Einheit, sagte er, sei ein eben so großer Widerspruch wie die Quadratur des Zirkels. Esra sei der Verfasser des Pentateuchs. Die Apokalypse sei ein allegorisches Buch über den Stein der Weisen. Moses habe in Egypten Zauberei gelernt. Das Christenthum sei eine Täuschung, die nicht bis zum Jahre 1800 dauern würde. Wegen dieses albernen Geschwätzes, dessen er sich wahrscheinlich noch lange vor seinem fünfundzwanzigsten Jahre geschämt haben würde, wurde er von dem Lordadvokaten in Anklagestand versetzt. Der Lordadvokat war jener James Stewart, der so oft ein Whig und so oft ein Jakobit gewesen war, daß es schwer ist, seine Abfälle zu zählen. Er war jetzt zum dritten, wenn nicht zum vierten Male ein Whig. Nach dem schottischen Gesetz hätte Aikenhead allerdings mit Gefängniß bestraft werden können, bis er seine Irrthümer widerrufen und vor der Congregation seines Kirchspiels Abbitte gethan haben würde, und jeder Verständige und Humane würde dies als eine hinreichende Strafe für das Geschwätz eines vorlauten Knaben betrachtet haben. Stewart aber, der eben so grausam als schlecht war, verlangte Blut. Es gab unter den schottischen Gesetzen eines, das Schmähungen oder Verwünschungen des höchsten Wesens oder einer Person der Dreieinigkeit zu einem Kapitalverbrechen stempelte. Von dem, was Aikenhead gesagt hatte, konnte jedoch nichts in den Bereich dieses Gesetzes gebracht werden, ohne seinen Worten den gewaltsamsten Zwang anzuthun. Aber der Lordadvokat bot seine ganze Spitzfindigkeit auf. Der arme junge Mann hatte keinen Vertheidiger und er war durchaus unfähig, sich selbst zu vertheidigen. Er wurde für schuldig befunden und dazu verurtheilt, gehängt und am Fuße des Galgens begraben zu werden. Umsonst widerrief er mit Thränen in den Augen seine Irrthümer und bat kläglich um Gnade. Einige von Denen, die ihn im Kerker besuchten, hielten seinen Widerruf für aufrichtig, und es ist auch keineswegs unwahrscheinlich, daß bei ihm wie bei vielen anderen vermeintlichen Philosophen, welche die Religion ihrer Kindheit völlig abgestreift zu haben wähnen, die nahe Aussicht auf den Tod eine totale Umwandlung in seinen Ansichten bewirkt hatte. Er reichte bei dem Geheimen Rathe das Bittgesuch ein, daß, wenn ihm das Leben nicht geschenkt werden könnte, man ihm wenigstens eine kurze Frist bewilligen möchte, damit er sich mit Gott, den er beleidigt habe, aussöhnen könne. Einige Staatsräthe waren für Gewährung dieser kleinen Nachsicht. Andere meinten, sie dürfe nur dann bewilligt werden, wenn die Edinburger Geistlichen sich verwendeten. Die beiden Parteien hielten einander die Wage und die Frage wurde durch die den Ausschlag gebende Stimme des Kanzlers gegen den Angeklagten entschieden. Der Kanzler war ein Mann, der im Laufe dieser Geschichte häufig, aber nie mit Ehren erwähnt worden ist. Es war jener Sir Patrick Hume, dessen streit- und parteisüchtiges Wesen der Unternehmung Argyle’s zum Verderben gereicht und der Regierung Wilhelm’s nicht wenig zu schaffen gemacht hatte. In dem Club, der dem Könige getrotzt und über das Parlament dominirt, hatte es keinen lärmenderen Republikaner gegeben. Aber ein Titel und ein Amt hatten eine merkwürdige Bekehrung herbeigeführt. Sir Patrick hieß jetzt Lord Polwarth, er hatte das große Siegel Schottland’s in Verwahrung, führte den Vorsitz im Geheimen Rathe, und so lag es in seiner Macht, die schlechteste That seines schlechten Lebens zu begehen.
Es blieb nun noch übrig zu sehen wie die Edinburger Geistlichkeit handeln würde. Man sollte es kaum für möglich halten, daß Geistliche gegen das Flehen eines reumüthigen Verbrechers, der nicht Begnadigung, sondern nur ein wenig Zeit verlangt, um ihre Belehrungen zu empfangen und den Himmel um die Gnade zu bitten, die ihm auf Erden nicht gewährt werden kann, taub bleiben konnten. Dennoch war es so. Die Geistlichen verlangten nicht nur seine Hinrichtung, sondern seine sofortige Hinrichtung, mochte es auch sein ewiger Tod sein. Selbst von den Kanzeln herab forderten sie seine Abschlachtung. Es ist wahrscheinlich, daß der eigentliche Grund, warum sie ihm eine Frist von einigen Tagen verweigerten, die Besorgniß war, daß die Umstände seines Prozesses nach Kensington berichtet und daß der König, der bei Ablegung des Krönungseides vom Throne herab erklärt hatte, kein Verfolger sein zu wollen, den bestimmten Befehl geben könnte, das Urtheil nicht zu vollstrecken. Aikenhead wurde zwischen Edinburg und Leith gehängt. Er zeigte aufrichtige Reue und erlitt den Tod mit der Bibel in der Hand. Die Bevölkerung von Edinburg wurde, obgleich durchaus nicht geneigt, sein Vergehen leicht zu nehmen, durch seine Jugend, seine Reue und die grausame Eile, mit der man ihn aus der Welt beförderte, zu Mitleid gerührt. Man schien zu befürchten, daß ein Versuch zu seiner gewaltsamen Befreiung gemacht werden möchte, denn ein starkes Corps Füseliere stand unter den Waffen, um die Civilgewalt zu unterstützen. Die Priester, welche die eigentlichen Mörder des jungen Mannes waren, umgaben den Galgen und beleidigten während seines letzten Todeskampfes den Himmel durch Gebete, welche ärgere Blasphemien waren als Alles was der arme Mensch je gesagt hatte. Wodrow hat keine größere Abscheulichkeit von Dundee erzählt.[105]