Anschuldigungen gegen Marlborough.
Die Jakobiten fanden jedoch in dem Verlaufe des Feldzugs reichen Stoff zu Schmähungen. Marlborough war, nicht ohne Grund, der Gegenstand ihres erbittertsten Hasses. An seinem Benehmen auf dem Schlachtfelde konnte selbst die Böswilligkeit wenig auszusetzen finden; andere Seiten seines Verhaltens aber boten dem bösen Leumund ein ergiebiges Feld dar. Der Geiz ist selten das Laster eines jungen Mannes, und eben so selten das eines großen Mannes; Marlborough aber war einer von den Wenigen, die das Geld in der Blüthe der Jugend mehr als Wein oder Weiber, und auf dem Gipfel der Größe mehr als Macht oder Ruhm liebten. Alle die herrlichen Gaben, welche die Natur an ihn verschwendet, schätzte er hauptsächlich wegen des Gewinns, den sie ihm eintrugen. Im zwanzigsten Jahre zog er Nutzen aus seiner Jugend und Körperkraft, als Sechziger zog er Nutzen aus seinem Genie und seinem Ruhm. Der Beifall, der seinem Benehmen bei Walcourt mit Recht gebührte, konnte die Stimmen Derer nicht ganz übertäuben, welche munkelten, daß dieser Held, wo es ein Goldstück zu ersparen oder zu verdienen gebe, ein bloßer Euklio, ein bloßer Harpagon sei, daß er, obgleich er unter dem Vorgeben, offene Tafel zu halten, einen bedeutenden Gehalt beziehe, doch niemals einen Offizier zu Tische einlade, daß seine Musterrollen betrügerisch abgefaßt seien, daß er für Leute, welche längst nicht mehr lebten, für Leute, die vor vier Jahren vor seinen eigenen Augen bei Sedgemoor gefallen seien, die Löhnung in seine Tasche stecke, daß sich in der einen Truppe zwanzig, in einer andren sechsunddreißig solcher Namen befänden. Nur die Vereinigung von furchtlosem Muth und imponierenden Geistesgaben mit einem leutseligen Wesen und gewinnenden Manieren habe es ihm möglich gemacht, sich trotz seiner höchst unsoldatischen Fehler die Zuneigung seiner Soldaten zu erwerben und zu erhalten.[75]
Alexander VIII. folgt Innocenz XI. auf dem päpstlichen Stuhle.
Um die Zeit, wo die in allen Theilen Europa’s kämpfenden Armeen ihre Winterquartiere aufsuchten, bestieg ein neuer Papst den Stuhl St. Peter’s. Innocenz XI. war nicht mehr. Er hatte ein sonderbares Schicksal gehabt. Seine gewissenhafte und innige Anhänglichkeit an die Kirche, deren Oberhaupt er war, hatte ihn in einem der kritischesten Momente ihrer Geschichte bestimmt, sich mit ihren Todfeinden zu verbünden. Die Nachricht von seinem Ableben wurde daher, von den protestantischen Fürsten und Republiken mit Schmerz und Besorgniß, in Versailles und Dublin mit Freude und Hoffnung aufgenommen. Ludwig schickte augenblicklich einen außerordentlichen Gesandten hohen Ranges nach Rom und die in Avignon liegende französische Garnison wurde zurückgezogen. Als die Stimmen des Conclaves sich zu Gunsten Peter Ottobuoni’s geeinigt hatten, eines ehemaligen Cardinals, der den Namen Alexander VIII. annahm, wohnte der Vertreter Frankreichs der Einsetzung bei, trug die Schleppe des neuen Papstes und überreichte Seiner Heiligkeit ein Schreiben, in welcher der Allerchristlichste König erklärte, daß er dem schmachvollen Vorrechte, Räuber und Mörder zu beschützen entsage. Alexander drückte den Brief an seine Lippen, umarmte den Ueberbringer und sprach mit Entzücken von der nahen Aussicht auf Versöhnung. Ludwig begann sich der Hoffnung hinzugeben, daß der Vatikan seinen Einfluß dazu anwenden werde, die Allianz zwischen dem Hause Oesterreich und dem ketzerischen Usurpator des englischen Thrones aufzulösen. Jakob war sogar noch sanguinischer. Er war thöricht genug zu hoffen, daß der neue Papst ihm Geld geben werde, und befahl Melfort, der sich jetzt seiner Mission in Versailles entledigt hatte, nach Rom zu eilen und Se. Heiligkeit um eine Beisteuer zu dem guten Werke der Aufrechthaltung der wahren Religion auf den britischen Inseln zu bitten. Aber es zeigte sich bald, daß Alexander, obwohl er eine andre Sprache führte als sein Vorgänger, doch entschlossen war, im Wesentlichen der Politik seines Vorgängers zu folgen. Die Grundursache des Zerwürfnisses zwischen dem heiligen Stuhle und Ludwig war nicht beseitigt. Der König ernannte noch immer Prälaten, der Papst verweigerte noch immer ihre Anerkennung, und die Folge davon war, daß ein Viertheil der Diöcesen Frankreich’s Bischöfe hatten, welche nicht befugt waren, irgend eine bischöfliche Amtshandlung zu verrichten.[76]