Ludwig kehrt nach Versailles zurück.
Ludwig war in seiner Hoffnung getäuscht. Er sah, daß es ihm nicht möglich sein würde, seine Eitelkeit so gefahrlos und so leicht wie in den beiden vorhergehenden Jahren zu befriedigen, sich ruhig vor eine große Stadt zu lagern, als Sieger in dieselbe einzuziehen und die Schlüssel in Empfang zu nehmen, ohne sich einer größern Gefahr auszusetzen als auf einer Hirschjagd in Fontainebleau. Bevor er Lüttich oder Brüssel belagern konnte, mußte er eine Schlacht liefern und gewinnen. Die Chancen waren allerdings günstig für ihn, denn seine Armee war zahlreicher, mit bessern Offizieren versehen und besser disciplinirt als die der Verbündeten. Luxemburg rieth ihm nachdrücklich gegen Wilhelm vorzurücken. Die französische Aristokratie wünschte mit unerschrockener Heiterkeit einen blutigen aber ruhmvollen Tag herbei, auf den eine Vertheilung zahlreicher Kreuze des neuen Ordens folgen würde. Wilhelm selbst war sich seiner Gefahr vollkommen bewußt und darauf vorbereitet, ihr mit kaltem aber schmerzlichem Muthe zu begegnen.[23] Gerade in diesem Augenblicke kündigte Ludwig seine Absicht an, auf der Stelle nach Versailles zurückzukehren und den Dauphin und Boufflers mit einem Theile der bei Namur versammelten Armee in die Pfalz zu schicken, um sich mit dem daselbst commandirenden Marschall Lorges zu vereinigen. Luxemburg war wie vom Donner gerührt und er machte kühne und dringende Gegenvorstellungen. Nie, sagte er, sei eine solche Gelegenheit versäumt worden. Wenn Se. Majestät gegen den Prinzen von Oranien marschire, sei der Sieg fast gewiß. Könne irgend ein Vortheil, der möglicherweise am Rhein zu erlangen sei, den Vortheil eines im Herzen von Brabant über die erste Armee und über den ersten Feldherrn der Coalition errungenen Sieges aufwiegen? Der Marschall demonstrirte, er bat, er fiel auf die Knie, aber vergebens, und er verließ den König in tiefster Betrübniß. Ludwig reiste eine Woche nach seiner Ankunft wieder aus dem Lager ab und führte nachher nie wieder Krieg in eigner Person.
Das Erstaunen in seiner ganzen Armee war groß. Alle Ehrfurcht, die er einflößte, konnte seine alten Generäle nicht abhalten zu murren und finster dreinzuschauen, seine jungen Edelleute, ihrem Unmuthe bald in Verwünschungen, bald in Sarkasmen Luft zu machen, und selbst seine gemeinen Soldaten, an ihren Wachtfeuern eine unehrerbietige Sprache zu führen. Seine Feinde frohlockten mit rachsüchtiger und beleidigender Freude. Sei es nicht sonderbar, fragten sie, daß dieser große Fürst mit allem Gepränge zum Kriegsschauplatze abgegangen und acht Tage später ihn mit demselben Gepränge wieder verlassen habe? Sei es nöthig gewesen, daß das ganze große Gefolge von Prinzessinnen, Ehrendamen und Kammerfrauen, Stallmeistern und Kammerherren, Köchen, Zuckerbäckern und Musikern, Wagenzügen, Saumpferden und Maulthieren, Silbergeschirr und Teppichen, vierhundert Meilen weit reiste, nur damit der Allerchristlichste König einen Blick auf seine Soldaten werfe und dann wieder umkehre? Die schmachvolle Wahrheit sei zu augenfällig, um bemäntelt werden zu können; er sei in die Niederlande gekommen in der Hoffnung, daß es ihm wieder gelingen werde, ohne die mindeste persönliche Gefahr etwas militärischen Ruhm zu erhaschen, und er sei lieber zurückgeeilt, als daß er sich den Zufällen einer offenen Schlacht ausgesetzt hätte.[24] Dies sei nicht das erste Mal, daß Se. Allerchristlichste Majestät die nämliche Art Vorsicht gezeigt habe. Siebzehn Jahre vorher habe er unter den Mauern von Bouchain demselben Gegner gegenüber gestanden. Wilhelm habe mit dem Feuer eines jugendlichen Commandeurs höchst unbesonnenerweise ihm eine Schlacht angeboten. Die geschicktesten Generäle seien der Meinung gewesen, daß, wenn Ludwig die Gelegenheit ergriffen hätte, der Krieg in einem Tage hätte beendigt sein können. Die französische Armee habe dringend danach verlangt, zum Angriff geführt zu werden. Der König habe seine Unterbefehlshaber zu sich berufen und sie um ihre Meinung befragt. Einige höfische Offiziere, denen seine Wünsche geschickt angedeutet worden seien, hätten vor Scham erröthend und stammelnd gegen eine Schlacht gestimmt. Umsonst hätten muthige und rechtschaffene Männer, die seine Ehre höher gehalten als ihr Leben, ihm bewiesen, daß er nach allen Grundsätzen der Kriegskunst die übereilte Herausforderung des Feindes annehmen müsse. Se. Majestät habe die ernste Besorgniß ausgesprochen, daß er es mit seinen Staatspflichten nicht vereinbaren könne, den ungestümen Regungen seines Blutes zu gehorchen, habe Kehrt gemacht und sei in sein Hauptquartier zurückgesprengt.[25] Sei es nicht entsetzlich, wenn man bedenke, was für Ströme des Blutes von Frankreich, Spanien, Deutschland und England geflossen seien und noch fließen sollten einem Manne zu Gefallen, dem es an dem ganz gewöhnlichen Muthe fehle, den man bei dem Geringsten der Hunderttausende finde, welche er seinem prahlerischen Ehrgeize aufgeopfert habe?