Der Spitzel.
Für den Naiven besteht die Historie aus Schlachten und Morden: Dingen, die mit Krawall in die Welt gesetzt werden und durch ihren Krach überzeugen. Die Erinnerung des großen Krieges zeigt, daß Leisetreten auch wirksam ist: daß Aufklärung und Propaganda, Kredite, Fehler des Gegners, nicht zuletzt Ideen und Lügen das Schicksal der Völker entscheidend zu beeinflussen vermögen; das Hinter- und Unter-der-Front ergibt erst die Strategie.
– Jeder Staat und jede Partei verfügt über Nachrichten- und Propagandadienst, hat Interesse für Verrat und Provokation. In normalen Zeiten verwendet man dazu möglichst ausgesuchte Leute, die mit aktiver Spionage arbeiten oder mit bezahltem Verrat; eventuell über Mittelmänner. Die Zwischenschicht des Spitzels ist, wie bei jeder stabilisierten Gesellschaft die Zwischenschichten, dünn und einflußlos. Von dem seltenen Spion aus Vaterlandsliebe und Opferwillen abgesehen gibt es eine kleine Clique von Internationalen, unter denen echte und falsche Nachrichten für mehr oder weniger Geld käuflich sind.
Diese kommt für den Bürgerkrieg kaum in Betracht: der Boden ist heiß und die Chancen sind gering. Außerdem sind die Erfordernisse ganz andere. In der ruhigen Politik handelt es sich meist darum, Geheimnisse und Geheimgehaltenes zu erfahren oder zu verbergen: Arbeiten, die auf lange Sicht unternommen werden. Hier aber schafft jeder Tag neue Situationen. Zuerst sind schon die Parteien nicht fest orientiert; Gruppen und Grüppchen bilden sich, lösen sich auf; viele handeln auf eigene Faust: und es ist schwer, orientiert zu sein, was von Belang ist. Zudem stehen hinter den Leuten Waffen, die nicht in Jahren, sondern morgen schon losgehen können. Das schafft eine Erregung, in der jeder geordnete Nachrichtendienst versagt; da erwacht das Gerücht in seiner gefährlichen Unkontrollierbarkeit.
Genossen! Vorsicht!
Spitzel!
1,67 groß, untersetzt, beweglich; aschblondes Haar, dto. Schnurrbart, Rundschädel, starke Backenknochen, eher Stupsnase, unruhige graubraune Augen, schlechtes Gebiß, im Oberkiefer einige Zähne fehlend.
Gefälschte Ausweise des Spartakusbundes;
Namen wechselnd.
Spitzel!
Genossen! Vorsicht!
Jedes Ohr neigt jedem Mund sich zum Horchen. Jeder, der mit Leuten verschiedener Parteien verkehrt, kann in die Lage des Zwischenträgers und seine Not kommen. Es ist eine ununterbrochene Skala von den Plauderern zu den Bezahlten, von den Gutgläubigen bis zu den beauftragten Provokateuren.
Wo Spitzel sind, da herrscht Spitzelangst; da alle Wasser trüb sind, fischt man mit groben Netzen: Aushorchen, Erpressung, Verhaftungen und Mißhandlungen, Haussuchung, Raub und Mord sind die Mittel, und ein Heer von Zwischenträgern und Achtgroschenjungs lebt davon; der Feind macht’s ebenso, und nun werden Verräter entlarvt, wird über Verbrechen und Provokation gestritten, Urheberschaft sich in die Schuhe geschoben und sich beschimpft: bis kein Mensch mehr weiß, wer was wirklich veranlaßt hat. Berufsmäßiges Verbrechen mischt sich ein; Desordre – und jeder schwört auf seine Meinung wie zuvor.
Nach der Psychologie dieses Spitzels zu fragen ist müßig. Sie ist zu verschieden; selbst die Bezahlten sind in keiner Weise ein Typ. Sie kommen durch Zufall zu diesem Erwerb, und einmal im Zuge, gleiten sie weiter; sie nehmen das Geld, oft von beiden Seiten, und haben meist gar nicht vor, dafür Arbeit zu leisten; es wird gelogen, gedichtet und provoziert: wahllos und ohne Hemmungen – wie es eben geglaubt, gewünscht und bestellt wird. Alles an diesen Leuten ist falsch; sie kennen nicht Freund noch Feind; nur Betrogene – und wahrscheinlich ohne darüber klar zu sein: ein zerstörender Zustand der Demoralisation. Bei dem vielleicht viele nicht wissen, wie sehr sie daran Anteil haben.
Denn es ist unrichtig, einzig dem Zusammenbruch und der dadurch bedingten Verwirrung die Schuld zu geben. Die Verantwortung liegt viel mehr bei denen, die – anstatt mit allen Mitteln gegen das verwahrloste Außenseitertum einzuschreiten – sich nicht scheuten gerade die minderwertigsten Elemente für ihren Zweck zu engagieren; sie liegt bei denen, die den Lockspitzel anstellten und ihn bezahlten.
Der vorliegende Fall wird genügend Einblick in diese Zustände geben!