Den 16. September.

Und so verlassen wir Schwyz. Das ist unser langes Bleiben, unser schönes Stillsitzen, mein Schreiben auf dem alten braunen Tisch, wo es sich so gut geschrieben hätte. Der Blinde giebt morgen ein Concert; der Flügel wurde gestern Abend zu meinem größten Schrecken hinuntergeschafft, dann von acht bis ein Uhr gespielt und geraucht. Aller Rauch stieg vermittelst eines Wandschrankes als kühler Geruch in unsere Schlafstube hinauf; heute, morgen wird's dasselbe sein, denn die Schwyzer sind um Schweizer, den Blinden, her, wie Fliegen um eine Honigwabe. Außerdem versammelt sich morgen auf acht Tage der Cantonrath, und fast alle Räthe wohnen im Hause – wir fliehen. So oft wir fein bürgerliche Niederlassungsgedanken fassen, geht's so – wir sollen zur Nachkur reisen. Nun gut, man wird reisen. Wohin? Wenn wir angekommen sind, werd' ich's aufschreiben. Die Schwyzer Gesellschaft sahen wir gestern noch bei der Probe zum Concert – die hiesigen Sänger werden den Blinden unterstützen. Pater Placidus ließ singen oder vielmehr brüllen: »Morgen marschiren wir«, und wettete mit Richard um einen Schoppen, daß er heute nicht predigen werde. Der Tenor nahm die Pfeife aus dem Munde und setzte das Glas Wein weg, um dünn und feierlich zu singen: »Laura betet, Engelharfen hallen«. Richard versprach mir einmal Abends: »'s Herz ist ein spaßig Ding« als eine prächtige Arie hören zu lassen. Das maurische Ständchen, welches der Blinde auf unser Verlangen in wunderbar freier Weise vortrug, wurde stürmisch beklatscht; wahrscheinlich hielt man es für etwas »Apartes«, weil wir's begehrt hatten. Richard fragte: »Haben Sie dieses Lied bereits wirklich bei sich?«

Die Gesellschaft war, wie man sieht, vollkommen was die Engländer quaint nennen, dennoch gefiel sie mir gut – die Schwyzer sind schmucke Leute, wie wir Schlesier sagen. Sie rauchen ein Bischen viel Taback – nun, man muß eben im Sommer herkommen, wenn man die Fenster offen haben kann. Ich scheide also mit guter Gesinnung von Schwyz – es ist uns schon viel schlechter gegangen als hier, und man ist gar freundlich gegen uns gewesen. Den sechs Kindern hinterlasse ich die Krapfen, welche die guten Nonnen in Kloster Fahr den Descendenten der alten Regensberge verehrt haben. Die Gegend ruht im Sonnenglanz, wie da wir sie zum ersten Male sahen.

Im Mätteli.

Baden am Stein ist nicht nur einer der hübschesten Badeorte, sondern einer der hübschesten Orte überhaupt, die es geben kann. Ganz Grün und Freundlichkeit, und Spaziergänge nach allen Seiten. Da ist der langgestreckte Lägern, auf welchem noch die Burg unsers Stammes steht, da der Uetliberg, der nach Zürich zu geht, der Kreuzli- und der Martinsberg, beide lieblich waldig, der Schloßberg mit der schönen Ruine des Steins, die ein klein wenig an Heidelberg erinnert, zwischen ihr und dem Martinsberg der duftige Oestliwald, auf dem rechten Limmathufer in den malerischen Gehölzen die aufrechte Fluh und die goldene Wand, Felsengruppen zum Malen, auf dem linken der Weg an den Sonnenreben oben, der Platanengang unten, und das Alles ist voll Schatten, einladend einsam, aber immer erfreuend durch den Blick in das unbeschreiblich reizende Thal.

Von allen den grünen und frischen Orten ist jedoch der grünste und frischeste das Mätteli, dieses liebliche Buchengehölz, welches die Senkung des Limmath-Ufers vom Martinsberge bis zum Hinterhofe bedeckt. Zwei Wege führen hindurch, der eine höher auf die Straße nach Bruck, der zweite zu mehreren Schattenplätzen dicht an dem grünbräunlichen, schillernden, schäumenden und rauschenden Strome. Auf diesem Wege kauerte ich eines schönen Nachmittags, um einer jener langen braunen Schnecken, welche kein Haus, nur einen Panzer haben, mit einem trockenen Stöckchen den Rücken zu krauen. Es gehörte das zu meinen Vergnügungen im Mätteli. Der Schnecke aber wollte es nicht gefallen – sie zog sich verdrießlich zusammen. Als ich sie aus ihrer Trägheit zu diesem Kundgeben von Mißbehagen gebracht, sah ich sie mir selbstzufrieden durch die Lorgnette an. In diesem Augenblicke ging ein Mann mit einer Frau am Arm an mir vorüber, der Mann groß, die Frau schlank, Beide in Trauer. Die Frau sah im Vorüberstreifen verwundert auf meine Stellung und meine Beschäftigung herab; ich mochte mich sonderbar genug ausnehmen.

Am nächsten Tage kamen wir gegen Abend an das letzte der Schattenplätzchen, welches unser gewöhnlicher Sitz, uns besonders lieb war. Eine kleine Bucht mit Kiesgrund und Bucheneinschattung, gegenüber unter der aufrechten Fluh das Dörfchen Rieden, weiter rechts über den Winterbergen die goldene Wand – man konnte gern hier sitzen und der Limmath zusehen und zuhören. Aber heute war die Bank nicht frei – eine Frau in Trauer saß da und strickte. Getäuscht und ziemlich übellaunig hockten wir auf den Kiesboden nieder und fingen an, Steine entzweizuschlagen, was ebenfalls zu meinen Vergnügungen im Mätteli gehörte. Die Frau beobachtete uns eine Weile; dann kam sie zu uns und sagte: »Vous paraissez aimer beaucoup l'histoire naturelle, Madame?«

Einen zerklopften Quarzkiesel in den Händen, antwortete ich ihr von der Erde auf, daß ich leider ganz Unwissenheit sei und lediglich aus Neugier so mit den Steinen handthiere. Sie blieb bei uns stehen, bis ich genug hatte, dann setzten wir uns zusammen auf die Bank, und ich erklärte ihr, um mich wieder etwas zu Ehren zu bringen, wie bisher die Literatur mein ausschließliches Studium gewesen, wie ich die Naturwissenschaften später zu studiren gedenke, und was dergleichen mehr war.

Eben sprach ich sehr kenntnißreich und weise über Bandello und das sechszehnte Jahrhundert in Italien, da kam hinter den Buchen am Ufer ein langer Mann hervor, und die Frau fragte: »Jaques, hast Du Etwas gefangen?« Der Mann steckte eine Angelruthe in einen Spazierstock zurück und antwortete mürrisch genug mit Nein. Die Frau packte ihr Strickzeug ein, nahm den Arm des Mannes, sagte uns Adieu und ließ uns im ungestörten Besitz der Bank.

Am andern Nachmittag fanden wir sie indessen wieder. Jaques fischte abermals und fing wieder Nichts. Wir unterhielten uns dieses Mal von Reisen – die Frau war in Italien gewesen.

Den dritten Tag war die Bank unbesetzt. »Wo ist denn Madame Jaques?« fragten wir uns – so schnell gewöhnt man sich daran, eine Person an einem Orte zu sehen. Wir saßen jedoch nicht lange, so kamen Jaques und seine Frau auf einem der kanotähnlichen Kähne an, mit welchen allein die Limmath befahren werden kann. Jaques hatte heute glücklich eine Forelle gefangen, nur war ihm das abscheuliche Thier wieder durchgegangen, indem es den Haken entzweigebissen hatte. Heute plauderten wir zu Vier und zwar abermals von Reisen – Jaques war in Constantinopel gewesen.

Von nun an trafen wir mit Monsieur und Madame Jaques fast täglich im Mätteli zusammen, d. h. Monsieur kam immer erst dazu, wenn er seine Forelle gefangen und sie den Haken durchgebissen hatte. Sobald sie einmal im Haken bleiben würde, sollte ich sie erhalten – sie hat's aber nicht gethan, und ich habe sie nicht gesehen.

Eines Tages hatte ich das grüne Buch mit, in welchem ich Alles bemerke, was ich sehe, höre, denke, beabsichtige. Madame Jaques wollte es durchaus sehen, ich sagte ihr, sie solle etwas Besseres von mir lesen, und schickte ihr meine kleine Novelle »Hedwig« mit einem Gruß de l'auteur à madame Jaques.

Sie schrieb mir als die Frau des Fischers Jaques einen allerliebsten Brief, worin sie mir sagte, in mir sei Alles Originalität, das habe sie gleich gewußt, als sie mich zum ersten Male vor einer Schnecke kauern gesehen. Eine jener Frauen von feiner Erregbarkeit, die sich leicht enthusiasmiren, war ich von nun an ein Gegenstand für ihre Phantasie, und sie mochte öfter von mir geredet haben, denn unser Doctor wußte auf einmal, daß ich Bücher schriebe. Und wie denn einem Schriftsteller immer gern Geschichten erzählt werden, so erzählte mir auch der Doctor eine, die er selbst erlebt, und zwar in Baden, wo wir eben waren.

Diese ist es, welche auf den folgenden Blättern nachzuerzählen ich versuchen will.

Mys lieb Beat.

Es mögen ungefähr zehn Jahre sein, daß ein junger Mann, Beat Bodenwieler, gebürtig aus Einsiedeln, sich in Zürich als geschickter Portraiteur in Alabaster bemerklich machte. Eigentlich war er Bildhauer, hatte, ohne bedeutend zu sein, seine Kunst in Tyrol gut genug gelernt, fand jedoch in der Schweiz wenig Aufmunterung und fast gar keine Beschäftigung. Eine Brustbüste Pestalozzi's erhielt Beifall, Bestellungen jedoch wollten nicht kommen. Beat war arm; der Oheim, welcher ihn erzogen, konnte ihn nicht länger ernähren, auch wünschte Beat unabhängig zu sein. Der natürlichste Wunsch bei jedem nur leidlich tüchtigen Menschen. Da man keiner Statuen begehrte, kam Beat auf die Portraits in Alabaster. Er war glücklich im Treffen, gewandt im Schneiden; die Arbeit fing an, sich zu finden. Ein Freund seines Oheims, wie dieser, Arzt, interessirte sich warm für Beat, und der junge Mensch würde in Zürich noch weit mehr Glück gemacht haben, hätte er sich nicht den Liberalen angeschlossen. Dadurch verscherzte er sich die aristokratischen, folglich reicheren Häuser. Er gewann jedoch für den Augenblick genug, und übermüthig wie die Jugend es ist, glaubte er nie mehr zu bedürfen und deshalb ganz seinen Gesinnungen gemäß leben zu können.

Baden am Stein war damals vielleicht noch besuchter als jetzt. Beat hoffte mit Recht, unter den Badegästen würden sich Einige und sogar mehr als Einige recht gern portraitiren lassen. Er schlug also eine kleine Werkstatt für den Sommer dort auf, Vagabond unter den Vagabonden. Seine Hoffnung wurde gerechtfertigt – er bekam eine Menge Portraits und sehr hübsche Summen Geldes.

In seiner besten Stimmung über diesen prächtigen Erfolg wurde er eines Tages zu einer alten Dame eingeladen, welcher er auf seine Art in Alabaster so geschmeichelt hatte, wie der Maler es darf. Die alte Dame war reich, eitel und liebte es, die Gönnerin zu spielen. Beat ließ sich mit der größten Unterwürfigkeit beschützen und kam so oft zu Tische, wie die alte Dame nur befahl. Auch an diesem Tage erschien er, geputzt und von gehorsamer Liebenswürdigkeit. Die alte Dame lud immer einige Frauen zu ihrem Günstling ein, und Beat mochte Frauen gern gefallen. Als er in das Zimmer trat, sah er zwei junge Mädchen, welche ihm noch fremd waren. Die alte Dame nannte ihm in der Einen ihre Enkelin, in der Andern ein Fräulein Marguerite von Gontran aus Freiburg. Beide waren Kostgängerinnen im Kloster Fahr, zwischen Baden und Zürich. Sophie, die Enkelin der alten Madame Linder, hatte die Erlaubniß die Großmutter zu besuchen auch für Marguerite auszuwirken gewußt, welche, erst seit kurzer Zeit im Kloster, sich fremd genug fühlte und einer Zerstreuung um so mehr bedurfte, da ihr elterliches Haus ein vermögliches und geselliges gewesen war. Weshalb man sie aus demselben nach vollendeter Erziehung neuerdings in ein Kloster gebracht? Wie es hieß, damit sie deutsch lernen solle, eigentlich aber, um sie vom Hause zu entwöhnen und allmählich an das Klosterleben zu gewöhnen. Sie hatte einen Bruder; der wünschte das Vermögen einst nicht mit der Schwester theilen zu müssen. Die Eltern wünschten dasselbe: je reicher der Repräsentant der alten Familie, je mehr Glanz für diese. Marguerite wußte nicht um diesen Plan; sie war ungern nach Fahr gekommen, fühlte sich unheimlich, besonders da sie bei ihrer Unkenntniß der Sprache um Vieles einsamer war, als die übrigen Kostgängerinnen; aber die Besorgniß, es solle für immer sein, quälte sie wenigstens nicht. »Wenn ich Deutsch können werde, darf ich wieder nach Hause,« das war ihr Gedanke und ihr Trost. Um diesen glücklichen Zeitpunkt recht bald heranzubringen, lernte sie mit grenzenlosem Eifer deutsch, leider aber fehlte ihr alles Talent, und sie beweinte oft mit heißen Thränen ihre langsamen und geringen Fortschritte. Je länger sie am Deutschen lernte, je länger mußte sie in Fahr bleiben.

Ihre Gefährtinnen hielten sich gewöhnlich in einer gewissen Entfernung von ihr – sie wollten nicht durch ihre größere Schönheit verdunkelt werden. Marguerite war wirklich auffallend schön, üppig und lieblich zugleich, mit einem glänzenden Köpfchen und naiven, schwärmerischen Augen, mit langem, dunklem Haar, welches abzuschneiden eine wahre Sünde gewesen wäre. Dieser Besitz von Anmuth hätte vielleicht ein anderes Mädchen über die Sprödigkeit getröstet, welche sie von den neidischen Schwestern erfuhr, aber Marguerite war noch zu frisch, zu gut, zu unverdorben, sie wollte geliebt und nicht beneidet werden, und trauerte oft, wenn sie sich so schön und so gemieden sah. Sophie allein hatte sich ihr angeschlossen, vielleicht aus Widerspruchsgeist, vielleicht aus Sorglosigkeit, vielleicht auch aus Gutmüthigkeit, genug, man sah überall ihr blühendes, aber unbedeutendes Gesichtchen neben dem poetischen Kopfe Margueritens. Diese war so voller Dankbarkeit für die Gemeinschaft, welche Sophie mit ihr hielt, daß sie für Sophie Alles gethan und geopfert hätte, was in ihren Kräften lag. Sophie faßte zum Glück die Freundschaft nicht von der heroischen Seite auf; sie wollte, Marguerite sollte mit ihr lachen und französisch plaudern. Marguerite lachte und plauderte so gern, daß sie immer wieder vergaß, wie sie ja Deutsch zu lernen habe. Fiel ihr das ein, so weinte sie ihre kindischen Thränen, machte Sophien bewegliche Vorstellungen und beschwor sie, ihr behülflich zu sein. Sophie versprach es feierlich, wollte es ehrlich, und Alles zwischen den beiden jungen, guten und thörichten Geschöpfen blieb, wie es war.

Auf die Fahrt nach Baden, auf das Mittagsessen bei der Großmutter hatten die Kinder sich schon wochenlang gefreut. Nun sollte, wie Madame Linder ihnen wichtig ankündigte, sogar ein junger Mann kommen, ein Schützling der Mama, ein Künstler, etwas »Extraordinaires«, ein Genie. Wie waren sie neugierig, als Beat eintrat! Der junge Bildhauer war nicht schön, doch konnte er wohl gefallen, besonders jungen Mädchen, die noch kaum einen Begriff von jungen Männern hatten, denn Sophie sowohl, wie Marguerite waren im Kloster groß geworden, immer nur in Frauengesellschaft gekommen, selbst Marguerite bei ihren Eltern. So war Beat denn für sie eine Erscheinung. Seine mittelgroße Gestalt dünkte ihnen herrlich, selbst die etwas geneigte Haltung gefiel ihnen. Er sähe so angenehm schwermüthig aus, meinten sie in ihren ungeprüften Herzen, die noch kein Wort aus dem großen Wörterbuche des Leidens verstanden, denn was war Margueritens Gram? Die flüchtige Trübung eines Frühlingstages. Schwermuth klang den Kindern wie Nachtigallgesang und Mondschein, gedämpft und süß. Beat mußte schwermüthig aussehen; wär' es nicht gewesen, hätte ihm in den Augen der lieben Thörinnen Etwas gefehlt. Aber jetzt war er vollkommen. Seine hohe Stirn, seine gerade, strenge Nase, sein glattes, langes, schwarzes Haar, seine etwas geschlitzten dunklen Augen, Alles entzückte sie, ja, selbst seine etwas spitze Kopfbildung, wie man beobachtet hat, charakteristisch an den Eingebornen seiner Gegend, selbst die sollte vornehm und fein sein. Das flüsterten die Mädchen sich Alles ernstlich und wichtig zu, während Beat sich mit seiner ehrwürdigen Gönnerin und einer ernsten jungen Frau unterhielt, welche die Gattin des Arztes zu Mellingen und dem jungen Künstler, wenn auch nicht immer billigend, doch warm und redlich geneigt war.

Während der junge Mann so der Gegenstand des heimlichen mädchenhaften Beobachtens war, stahl auch sein Blick sich fort von den Frauen, mit denen er redete. Marguerite hatte ihn geblendet. Noch nie hatte er eine lebendige Schönheit so vollendet gesehen. Sie zog den Künstler unwiderstehlich an, sie reizte den Jüngling mit einer neuen heftigen Sehnsucht. Er hätte sie zugleich als Modell und als Geliebte rauben mögen. Madame Linder gewahrte den Eindruck, welchen die schöne Freiburgerin machte, mit Wohlgefallen. Die alte Dame gehörte zu den Hausherrinnen, welche in jedem Gast etwas Auserlesenes einladen wollen. Wie sie vorher die Mädchen auf Beat neugierig gemacht, so rühmte sie jetzt das Fräulein von Gontran als reiches, schönes, vornehmes Mädchen, als das vergötterte Kind anbetender Eltern, als die glänzendste Partie für den Mann, der so glücklich sei, ihre Neigung zu gewinnen. Es hätte nicht so vieler Worte bedurft, wie sie verschwendete, um den ehrgeizigen Beat zu dem brennenden Wunsch zu stacheln, der Glückliche zu werden, welchen sie schon im Voraus pries. Der Schwiegersohn einer begüterten, einflußreichen Familie – welche Zukunft für sein Talent, welcher Horizont von Ruhm und Ehre! Wie an das Gestirn, welches diesen Himmel erleuchten sollte, hefteten des doppelt begehrlichen Künstlers Augen sich an Marguerite. Sie war ganz Natur und Unschuld: ergriffen, verwirrt, selig senkte sie ihre Augen, um nicht zu sehen, wie sie angesehen werde. Sich zu sträuben gegen die neue Wonne, den dreisten jungen Mann auch nur durch scheinbaren Ernst in Schranken zu halten, fiel dem wahrhaften Wesen nicht ein; sie kannte noch keine künstlichen Pflichten. Madame Linder schmunzelte und seufzte in Erinnerung ihrer Jugend, Sophie neckte Marguerite mit Ausgelassenheit, nur die Frau des Arztes sah ernsthaft darein; ihr mißfiel diese Liebelei, obwohl sie weit entfernt war, ihr eine tiefere Bedeutung beizumessen. Eigenthümlich genug war es, daß der Austausch dieses plötzlich entsprudelten Gefühls ganz allein durch Blicke vor sich ging, denn wie Marguerite nicht Deutsch, konnte Beat nicht Französisch. Es erregte diese gegenseitige Unbeholfenheit die Laune der alten Dame und die laute Fröhlichkeit Sophiens. Sie bemühten sich Beide, die Hülflosen durch Dolmetschen in ein Gespräch zu bringen. Es ging nicht; Marguerite war zu verschämt und Beat zu verliebt; er zog es vor, sie nur anzusehen, und sie sprach durch Erröthen und Lächeln wahrlich lieblicher, als durch den etwas großen Mund Sophiens. Als es gegen Abend kam, mußten die jungen Mädchen nach dem Kloster zurückfahren. Freundlich, wenn auch etwas pomphaft und umständlich lud Madame Linder Marguerite ein, ihren Besuch zu wiederholen. Marguerite sah Beat an und versprach, eine helle Freude auf dem schönen Gesichte. Der junge Mann half den Mädchen in den Wagen und drückte dabei Margueriten lebhaft die Hand. Unschuldig erwiederte sie den Druck; ein Bund zwischen ihnen war so gleichsam schon geschlossen.

In das Zimmer zurückgekehrt, ergoß Beat sich in feurigen Lobpreisungen Margueritens und erklärte, daß er ganz und gar verliebt sei. Die alte Dame lachte auch jetzt und ermunterte ihren Günstling zum Beharren und Heirathen, Madame Sinnich aber, so hieß die Frau des Arztes, äußerte sich noch mißvergnügter als vorher. Bodenwieler würde sich da Etwas in den Kopf setzen, was doch immer eine Einbildung bleiben müsse, meinte sie; Madame Linder sollte ihn lieber wegen seines Uebermuthes schmälen, als ihn darin bestärken! Beat, welcher vor der strengen, praktischen Frau eine Art Respect hatte, suchte sie zu beschwichtigen und das Ganze als einen Scherz darzustellen. »Ich will's um Ihretwillen wünschen,« sagte sie, nicht vollkommen überzeugt. Am Abend bei ihrer Zurückkunft erzählte sie ihrem Manne davon. Der nahm es leichter und lachte über die Schilderung, welche sie ihm von Beat's Gehaben machte. »Es ließe sich ein Lied darauf dichten,« sprach er. »Du denkst immer nur an Verse,« sagte die Frau unzufrieden. Der Doctor malte sehr gut Landschaften und dichtete allerliebst im Dialekt; die Frau mochte das nicht, hatte vielleicht auch aus dem Grunde Beat nicht besonders gern, nämlich im Hause, sonst gönnte sie ihm alles Gute.

Beat lief unterdessen in seinen Freistunden wie toll in den schönen Umgebungen von Baden umher. Er war wirklich verliebt, aber freilich nur halb in Marguerite, halb in das reiche Mädchen.

Marguerite dagegen liebte ihn von der ersten Stunde an und liebte nur ihn. Sophie, die heute zum ersten Male etwas eifersüchtig auf Marguerite geworden war, legte umsonst Nachdruck auf seine Armuth, wie er ein aus Barmherzigkeit erzogenes Waisenkind sei, und so fort. Marguerite erwiederte: »Die Waisenkinder sind des lieben Gottes Kinder.« Sie betete am Abend für den armen Beat, der keinen Vater und keine Mutter habe. Es war kein Gebet für eine zukünftige Nonne, aber gewiß eines für den Himmel der Liebe. Marguerite glaubte Reichthum und eine Familie zu besitzen und sehnte sich mit ungeduldiger Zärtlichkeit, dem bedürftigen Beat zu geben, was ihm mangele. »Wann,« dachte sie, »wann werde ich ihn wiedersehen, um ihm zeigen zu können, daß ich ihn liebe?«

Diese Gelegenheit hatte sie bald. Kloster Fahr liegt ganz vereinzelt, nur ein Gasthaus theilt mit ihm die Einsamkeit an der Limmath. Da dieses Haus ein beliebter Vergnügungsort ist, konnte Beat öfter herkommen, ohne anfänglich Aufsehen zu erregen. Die Kostgängerinnen wurden nicht sehr streng gehalten und durften unter der Aufsicht einer Schwester spazieren gehen. Mehrere Tannenwäldchen liegen in der Nähe; Beat konnte sich verbergen, bis der Zug der hübschen Kinder herankam, dann sich wie zufällig zeigen, mit Margueriten einen Blick wechseln. Leider erkannte auch Sophie ihn, und Sophie war neidisch darüber, daß Marguerite von einem Liebhaber verfolgt werden sollte und sie nicht. Die ersten Male schwieg sie noch; sie schämte sich, Marguerite zu verrathen. Aber als Beat sich häufiger sehen ließ, als Marguerite, die sich Sophiens veränderte Gesinnung nicht vorstellen konnte, immer offener und feuriger von ihrem Geliebten sprach, da siegte der Neid, und Sophie machte mehrere ihrer Gefährtinnen darauf aufmerksam, daß Beat, welchen sie bisher für eine Art allgemeinen Anbeter genommen, leicht nur Margueritens wegen auf allen Spaziergängen sich finden lassen dürfte. Mehr bedurfte es nicht, um alle die jungen Augen scharf zu machen, und gewiß, Beat schlich allein wegen Marguerite auf allen Seiten ihnen vor oder nach. Das verdiente Strafe; geschickt, um jeden Anschein der Angeberei zu vermeiden, wurde die Arglosigkeit der Klosterfrauen aufgeweckt. Die guten Seelen – daß in ihrem Kloster eine Liebesgeschichte spielen sollte, war ihnen ganz neu und wie unbegreiflich. Indessen sie überzeugten sich: Beat schlich dem Kloster immer näher; es war ihm sogar gelungen, an der Mühle, welche die Klostereinfriedigung gegen das offene Feld zu abschließt, mit Margueriten eine Zusammenkunft von einigen Augenblicken zu haben. Das junge Paar hatte hierfür blos dem besondern Fatum der Verliebten zu danken, Marguerite war von innen und Beat von außen an die Mühle gekommen – das war Alles, aber im Kloster sah man darin eine geschickt ausgeführte Verabredung und die Gefahr nah und dringend. Man rathschlagte, ob man das junge Mädchen in ein scharfes Verhör nehmen solle, fand es aber dann für besser, ohne sie erst einzuschüchtern, gleich an die Familie zu schreiben und dieser das Weitere zu überlassen. Marguerite wollte man einstweilen nur gut bewachen, und daß dies geschehe, wandte man sich an den frommen Eifer ihrer Gefährtinnen. Die jungen Mädchen waren entzückt, das nunmehr im Auftrage thun zu dürfen, was sie bisher im Geheimen gethan. Sollte man aus dieser Bereitwilligkeit nicht auf wirkliche Gehässigkeit gegen die Fremde und die Schönere schließen? Und doch war es sicher nur jugendliche Eifersucht auf »den Liebhaber«. Hätte man allen den jungen Neiderinnen der Reihe nach den Künstler angeboten, Keiner würde er recht gewesen sein, Keine ihn gewollt haben. Aber Marguerite sollte nicht lieben und nicht geliebt werden.

Das arme Kind, sie fand sich in dem Hause, dessen Sprache sie nicht verstand, welches ihr daher nie heimlich gedünkt, jetzt doppelt unheimlich, doppelt verlassen. Nie mehr ließ man sie allein, nicht nur jeder ihrer Schritte, jede ihrer Mienen wurde belauert. Für das Kloster war es eine Pflicht, Etwas zu verhindern, wovon es mit Gewißheit annehmen konnte, die Familie Margueritens würde es als ein Unheil und eine Schande betrachten. Doch die arme Marguerite, mit dem Kopfe, der nicht rechnete, mit dem Herzen, das zu seinem Beat wollte! Der junge Mann war nicht weniger beunruhigt als seine Geliebte, wenn er auch innerlich minder litt. Während mehr denn acht Tagen war es ihm nicht mehr geglückt, sie auch nur von Weitem zu sehen. Geängstigt und verstört, wollte er sich bei seiner großen Gönnerin Trost erholen, aber die alte Dame empfing ihn sehr schlecht. Sophie hatte ihr etwas übertriebene Mittheilungen gemacht, und sie erklärte dem jungen Armen unumwunden, ein kleiner Spaß habe nichts geschadet, aber im Ernst sei er nicht für Fräulein von Gontran. Noch mehr niedergeschlagen kam er nach Mellingen, aber auch da hörte er nichts Erfreuliches. Der Doctor rieth ihm sehr ernstlich, von einer Thorheit abzustehen, durch welche er sich und das Mädchen unglücklich machen werde, und die Frau wollte es schon unverzeihlich finden, daß er so weit gegangen.

Im Kloster war inzwischen Margueritens Bruder angelangt. Die Schwester empfing ihn nicht ohne Furcht; als sie aber vernahm, er sei gekommen um sie nach Hause zu holen, warf sie sich ihm mit Thränen der Freude um den Hals. Wenn sie nur wieder bei den Eltern war, da wollte sie so bitten, daß Beat in das Haus eingelassen und sie glücklich würde. Daß er ihr folgen würde, bezweifelte sie gar nicht erst: es verstand sich von selbst. Vom Kloster nahm sie einen frohen Abschied, von Sophie einen traurig vorwurfsvollen. Anders die abgefallene Freundin zu strafen, vermochte sie nicht – sie war gar zu weich – ein Herz, recht geschaffen, um gequält und gebrochen zu werden.

Unterwegs fing der Bruder bald an, sie um ihren Beruf für das Klosterleben zu befragen. Zutraulich und offen erklärte sie ihm, sie habe keinen, dagegen eine herzliche Neigung, welcher sie durch eine Ehe Genüge gethan wünsche. Der Bruder gab ihr zu bedenken, daß sie ja im Kloster auch ihrem Vergnügen gemäß leben könne. »Wie oft findet das nicht statt,« setzte er lächelnd hinzu. Die unschuldige Schwester verstand ihn nicht; sie antwortete: »Ich würde nie mein Vergnügen im Kloster haben – im Gegentheil, ich würde schrecklich unglücklich sein – wenn ich nicht gar vor Gram stürbe.« Und zum ersten Male von dem Gedanken erschreckt, ihre Familie könne ihr am Ende eben so feindlich sein, wie man ihrer Meinung nach im Kloster ihr gewesen, fragte sie ängstlich und aufgeregt: »Man will mich doch nicht etwa zwingen – sage mir, könnte die Mutter – Gott, sie war immer so gut gegen mich – könnte die das wollen?«

Der junge Gontran wollte ausweichend antworten, aber sie rief mit einer an ihr ganz ungewohnten Heftigkeit: »Sag' es mir nur gerade heraus – lieben sie Dich mehr, und soll ich aufgeopfert werden, wie es auch einmal einem jungen Mädchen geschehen ist, die in's Kloster mußte, damit der Bruder reicher würde – verlangt man das von mir?« – »Es ist das sehr häufig der Fall,« sagte der Bruder kalt; »junge Mädchen, die ihre Familien lieben, thun freiwillig ein Gelübde, welches die Zersplitterung des Vermögens verhindert.« – »Nie, nie werde ich das thun. Es ist unnatürlich, barbarisch.« – »Wie es Dir gefällt; sag' es, wenn wir ankommen, dem Vater und dem Abbé, und höre, was sie Dir antworten werden.«

Der Abbé Lallemant war der Beichtvater des Hauses und für Marguerite von jeher ein Gegenstand der Furcht gewesen. Er hatte es veranlaßt, daß man sie nach Fahr gebracht, und nun sollte sie gleich bei ihrer Rückkehr ihm, dem Ueberlegenen, Widerstand zu leisten haben, vielleicht ohne auf Hülfe hoffen zu dürfen, selbst von ihrer Mutter. Die arme Marguerite fror in der Seele; ihr war es, als sitze ihr Feind und nicht ihr Bruder neben ihr. Doch gab sie darum weder ihren Willen auf, noch ihre Liebe verloren; ihr war nur bange vor der Heimkunft, auf die sie sich so gefreut, vor dem Elternhause, wo man sie nicht mehr wollte, vor dem Streit, den sie erwartete. Der junge Gontran saß still und mürrisch und ließ die Schwester sich quälen, so viel sie mochte. Sie quälte sich sehr, aber sie faßte sich auch; »Gott wird mich nicht verlassen,« dachte sie, »es ist für ihn.«

Gegen Abend kamen sie in Solothurn an und fuhren bei dem Kloster der Visitantinerinnen vor. Es fiel das dem jungen Mädchen nicht auf; sie hatte bei der Hinreise auch hier geschlafen; die Aebtissin war eine Bekannte ihrer Mutter. Der Bruder nahm flüchtig Abschied von ihr und sagte ihr, sie möge sich morgen bei Zeiten fertig halten, er werde sie so früh wie möglich abholen.

Marguerite schlief nicht viel und war mit dem Tage bereit. Aber der Morgen verstrich, und der Bruder kam nicht. Das junge Mädchen ward unruhig, ohne jedoch Argwohn zu schöpfen. Der Bruder konnte verhindert sein. Als er indessen um Mittag noch nicht da war, wollte sie eben bitten, man möge nach ihm schicken, da ward sie zur Aebtissin gerufen, die sie am vorigen Abend nicht gesehen. Die würdige Frau empfing das Mädchen mit mütterlicher Zärtlichkeit. »Du gehörst uns an, meine Tochter,« sagte sie; »Dein Bruder hat mir heute Morgen den Wunsch Deines frommen Herzens eröffnet – gern nehme ich Dich auf.« Marguerite, starr, antwortete nicht gleich; sie überlegte im Stillen, ob solch ein Verrath von einem Bruder möglich sei. Endlich fragte sie: »Und hat mein Bruder gesagt, ich wolle in das Kloster?« – »Nichts anders,« erwiederte die Aebtissin. – »O, dann vergebe ihm Gott!« rief Marguerite schmerzlich. »Er hat gelogen, mich und Sie belogen, uns Beide gleich. Ich erwartete ihn heute, damit er mich nach Hause bringe, und statt dessen – o, Gott erbarme sich meiner, denn von meinen Nächsten bin ich verrathen!«

Eine Schlechtigkeit ahnend, tröstete die Aebtissin mit milden Worten das weinende Mädchen. Auf die wiederholte feierliche Versicherung, nie solle sie mit Gewalt hier zurückgehalten werden, eröffnete Marguerite der würdigen Frau voll reinen Zutrauens alles Geschehene. Die Aebtissin lächelte bei den naiven Bekenntnissen der kleinen verliebten Unschuld, sie runzelte die Stirn, als sie von den Vorstellungen des jungen Gontran vernahm. Als Marguerite geendet hatte und mit der Furcht einer Taube zu ihr aufschaute, sagte sie beruhigend: »Mache Dir keine Sorge, mein Kind, Du sollst nicht hierbleiben müssen; noch heute schreibe ich an Deine Mutter, und wenn ich Dir auch nicht versprechen kann, es soll gleich Alles nach Deinen Wünschen gehen, so will ich Dir doch keineswegs die Hoffnung für später untersagen. Gott hilft seinen Kindern und will keine erzwungene Opfer.«

Marguerite hoffte. Die Aebtissin schrieb. Keine Antwort kam. Sie schrieb wieder. Jetzt erfolgte ein Brief, bedrohend für die ungehorsame Tochter. Die Mutter hatte vergessen, daß auch sie jung gewesen und geliebt. Diese Vergessenheit der Eltern ist ein Fluch für die Jugend der Kinder, und – wie häufig! Marguerite auch sollte darunter zu Grunde gehen. Was ihre Mutter nicht länger war, das ward die Aebtissin. Wieder und wieder schrieb die edle Frau, abmahnend, bittend, dringend. Bis ihr das schwere Werk gelungen sein würde, unnatürliche Eltern wieder zur Natur zurückzuführen, behandelte sie Marguerite ganz wie ihre Kostgängerin, ließ sie an allem Unterricht Theil nehmen und gönnte ihr zugleich die größte Freiheit. Die Gontrans waren mit mehreren Familien in Solothurn bekannt; zu denen durfte Marguerite ungehindert, so lange sie freundlich empfangen wurde. Das hörte indessen bald auf; man fürchtete, mit den Eltern in Unannehmlichkeiten zu gerathen, wenn man die Tochter, welche sich auflehnte, zu begünstigen schiene. Marguerite lernte gleich in dem ersten Kampfe mit dem Leben die Menschen recht verschieden kennen – die Mehrzahl so feig in der Theilnahme, nur einige Wenige voll Muth zur Güte. Von diesen war die Erste die Aebtissin, dann bezeigte der Arzt des Klosters sich unverändert herzlich gegen das junge Mädchen, und je auffallender andere Familien Marguerite abwehrten, je häufiger kamen die Einladungen von ihm. Eines Tages schickte er schon früh und ließ bitten, Marguerite möchte zu Mittag kommen dürfen. Die Aebtissin erlaubte es; Marguerite trat um zwölf Uhr in das Wohnzimmer ihrer neuen, aber aufrichtigen Freunde. Ein Schrei entfuhr ihr – Beat stand da, breitete ihr die Arme entgegen. Trunken von der plötzlichen Lust warf sie sich hinein: es war die erste Umarmung, der erste Kuß. Als Marguerite wieder denken konnte, wußte sie nicht, wo anfangen mit Fragen – wem verdankte sie dieses Heil, wie kam Beat hierher, wie hatte er erfahren, was mit ihr vorgegangen? Beat konnte Alles leicht erklären; Solothurn war nicht so weit von Baden, daß ein solcher Vorfall wie Margueritens Verlassenwerden nicht hätte hindringen sollen. Beat vernahm es kaum, als er sein Atelier in Baden aufhob, seine Geschäfte möglichst in Ordnung brachte und nach Solothurn kam, wo er in dem Arzt des Klosters einen Jugendfreund hatte. Er hoffte durch des Freundes Vermittelung wenigstens Nachrichten von Marguerite zu erhalten; der Freund, aufgebracht über das Verfahren der Familie Gontran, versprach ihm noch mehr – eine ungestörte Zusammenkunft. Die hatten sie jetzt, und Beat trug Sorge, daß die kostbaren Stunden nicht blos in Liebeständeleien verschwendet wurden. Mit Hülfe des Arztes, welcher den Dolmetscher spielte, vereinigten die Liebenden sich dahin, daß Beat an Margueritens Vater schreiben und förmlich um ihre Hand anhalten sollte. Die Aebtissin, zu welcher Marguerite voll Hoffnung und Freude zurückeilte, billigte diesen Entschluß vollkommen; der Arzt schrieb den Brief und Beat unterzeichnete ihn. Marguerite versuchte ihrerseits noch einmal, sich mit kindlichem Vertrauen an die Brust der Mutter zu werfen. »Verlange nicht, daß ich der Liebe und dem Glücke entsage,« flehte sie, »denke, meine Mutter, wie es Dir gewesen sein würde, hättest Du in ein Kloster gesollt, während Du jung warest und leben wolltest.« Der ganze Brief war so voll einfältig bittender Hülflosigkeit, welche das Mutterherz anrief als ein göttlich liebendes. Aber keine Antwort kam, nicht von Herrn von Gontran an Beat, nicht von der Mutter an ihr Kind. Auf die Ermunterung des Freundes schrieb Beat nochmals – Marguerite, niedergeschlagen, wagte es nicht mehr, aber die Aebtissin that es an ihrer Statt. Jetzt erfolgte von Freiburg ein Schreiben, des Inhalts, Marguerite sei frei, die beabsichtigte Mißheirath zu thun, habe aber dann von den Eltern Nichts mehr zu erwarten als Vergessenheit. Mit diesem Segen wurden die Liebenden in der Kirche des Klosters getraut, nachdem die Aebtissin noch einmal dem jungen Mädchen eindringlich vorgestellt, was sie mit einer solchen Ehe wage. Leicht Mangel, gewiß Sorgen, wer wußte, ob nicht Reue. Marguerite liebte Beat, das war ihre ganze Antwort – sie wurde getraut, unter Fremden, verstoßen von den Ihrigen. Sie weinte, denn sie fühlte die Verstoßung, aber in ihren Thränen war sie noch glücklich.

Beat – ein reiches Mädchen hatte er gewollt und ein armes genommen. Es war eine herbe Täuschung, doch seine Jugend und seine Gutmüthigkeit, welche durch Margueritens Schönheit und Liebe gereizt und gefesselt wurden, halfen ihm darüber hinweg. Auch hegte er wohl noch Hoffnung auf ein einstiges Nachgeben der Eltern. Wenn einmal geschehen war, was ihnen mißfiel, wenn Marguerite wirklich des Beistandes bedurfte, vielleicht für ein Kind neu bitten konnte – »der Zorn währt nicht ewig,« dachte Beat. Einstweilen verlangte er, was Margueriten rechtmäßig gehörte – bedeutende Pathengeschenke, die ihr von Zeit zu Zeit gemacht worden, eine kleine Erbschaft, welche ihr übergeben werden sollte, sobald sie mündig würde oder heirathete. Die Familie Gontran verharrte in ihrem einmal angenommenen System – sie schwieg. Marguerite erhielt Nichts, und Beat, der in Solothurn keine Arbeit finden konnte, sah sich genöthigt, mit seiner jungen Frau nach Einsiedeln zu seinem Oheim zu reisen und dessen Obdach in Anspruch zu nehmen.

Auf dem Wege dahin besuchte er den Doctor Sinnich in Mellingen. Der Doctor schildert das Pärchen als rührend komisch. Marguerite hatte endlich einige Bröckchen von der barbarischen Muttersprache ihres Geliebten erlernt, doch ging die Unterhaltung noch immer kläglich genug von Statten. Beat begnügte sich damit, seiner schönen jungen Frau von Zeit zu Zeit seine Dose anzubieten; sie streichelte ihm mit beiden Händen die Wangen und sagte ihm dabei zärtlich: »O mys lieb Beat!«

Bitter ist das Brod der Abhängigkeit – Marguerite sollte das erfahren! Obgleich gute und brave Leute, waren doch Beats Oheim und Tante allzu unzufrieden mit der thörichten Heirath ihres Neffen, um ihren Aerger nicht ohne Schonung auszulassen. Beat kam dabei gut genug weg, sie liebten ihn wie ihr eigenes Kind; die Vorwürfe, welche er erhielt, wurden durch Liebkosungen gemildert und vergütet. Aber Marguerite, das unwillkommene, überflüssige, zartgewöhnte Mädchen, denn sie war noch immer wie ein junges Mädchen, so kindlich, so fremd in der Welt, man wußte Nichts mit ihr anzufangen, man konnte sie zu Nichts gebrauchen – das Fräulein wurde sie spottweise genannt. Ihre Geburt ward ihr hier zum Vorwurf, der Reichthum, mit welchem sie Beat verlockt haben sollte, nun sie ihn nicht geben konnte, ihr zum Verbrechen gemacht. Wenn sie sich anbot, im Hause nach ihren Kräften zu helfen, wies man sie als nutzlos zurück, und verlangte doch gleich darauf mehr, als sie mit der größten Anstrengung leisten konnte. Jeder Antheil an der täglichen Speise wurde ihr vorgerechnet – was that sie, um ihn zu verdienen? Wenn sie manchmal mit überströmenden Thränen flehte, sie doch nicht so schlecht zu behandeln, fragte man sie, ob sie etwa fort wolle – die Thür stehe offen. Wohin hätte sie gehen sollen? Auch dachte sie nicht daran – Beat war da. Beat war da, warum nahm er denn Marguerite nicht an seine Brust, sie zu schützen vor dem Weh, das man ihr anthat? In seiner Gegenwart ließ man sie unangefochten, und klagen wollte sie nicht, ihn nicht in Unfrieden mit seinen Verwandten verwickeln, denen er Dank schuldete. Marguerite schleppte sich also hin in jammervoller Dienstbarkeit, in hoffnungsloser Ermüdung. Dazu war die Luft von Einsiedeln für ihre feine Organisation zu rauh. Und dann, welch' ein Wohnort für ein junges, lebendurstiges und ach, so schwer gedrücktes Geschöpf! Dieses weite, leere Hochthal, diese wilden Alpen, welche über die Tannenberge hereinsehen, dieser Sand, diese einförmigen Matten, diese Kahlheit, und mitten darin das baumlose, gleichsam verlorene Städtchen und das riesige Kloster mit den beiden grauen Thürmen, so großartig, aber auch so finster! Einsiedeln muß man besucht haben, aber um dort wohnen zu können, muß man stärker und gewiß glücklicher sein, als Marguerite es war. Sie verging hier vor Bangigkeit. Gewohnt wie sie des reichen, schönen Freiburgs war, hatte ihr schon Fahr eine Art Wüste geschienen, und nun gar Einsiedeln! Besonders der Winter war furchtbar für sie. Diese Gegend, schon im Grün des Sommers so düster und eintönig – was ward sie erst unter den Schneelasten, welche sich mit den ersten dunkeln Tagen auf sie legten. Wie einsam war es, wie melancholisch tönten die Glocken des Klosters! Und Marguerite, eingeschlossen in die niedrigen Stuben, die man hier überall findet, mit Balkendecken, welche wie vorzeitige Sargdeckel auf dem täglichen Leben liegen. Wer unter solchen Decken geboren, gewiegt und großgezogen ward, der mag sich unter ihnen wohl fühlen, aber wer gewöhnt gewesen ist, Raum über seinem Haupte zu sehen, der erstickt unter ihrer Pressung. Marguerite träumte manchmal, sie sei schon begraben, und zwar unter der Decke ihres bangen, luftlosen Stübchens. Ich habe das Haus gesehen, wo die jungen Leute beinah zwei Jahre gewohnt haben; es liegt an dem Platze des Klosters, doch in einiger Entfernung von diesem, ist groß, ganz von Holz, ganz schwarz angestrichen, hat eine Unzahl kleiner Fenster, und heißt »Zur heiligen Katharine«. Die Braut des Heilandkindes konnte ihren Namen keinem unheimlicheren Gebäude leihen. Als ich es sah, blühten auf allen Fenstern Blumen, besonders eine Menge rother Pelargonien, aber trotz dieses Schmuckes und trotz des Glanzes seiner Schwärze schauerte mich vor ihm noch mehr als vor ganz Einsiedeln.

Der späte Frühling erlöste Marguerite von einiger ihrer Qual; sie konnte aus, sah die Pilger ankommen und Bewegung in die heilige Oede bringen, fand in den Tannenwäldern Blumen, wurde dann und wann freundlich gegrüßt. Man hatte sie im Orte liebgewonnen, ohne daß sie es gewußt; es zeigte sich jetzt, und sie fühlte sich etwas gelindert. Freilich war dieser Trost für sie bald verloren, denn Beat beschloß, den Sommer zu Reisen anzuwenden. Er wollte verdienen, was er hier nicht konnte; er wollte dahin, wo er noch nicht gearbeitet hatte; vielleicht, so redete er Margueriten zu, würde er so viel zurückbringen, daß sie den nächsten Winter in eine Stadt ziehen könnten; aber um das Möglichste zu erwerben, mußte er möglichst sparen, und Marguerite durfte daher nicht mit. Marguerite weinte und gehorchte. Sonderbar genug wurden Oheim und Tante, seit Beat fort war, milder gegen sie. Vielleicht hatte ihre immer gleiche Sanftmuth sie entwaffnet – genug, sie begegneten ihr mit mehr Barmherzigkeit. Marguerite, noch ganz elastisch, bedurfte nur geringer Aufmunterung, um wieder Zutrauen zu fassen. Sie wurde so heiter, wie sie ohne Beat werden konnte.

Aber ihre Gesundheit war durch den Winter und die viele Trauer, welche sie lautlos geduldet, unterwühlt worden. Ein Husten zeigte sich, den die scharfen und häufigen Luftabwechselungen dieser hohen Lage unterhielten. Der Oheim wandte umsonst sein Wissen an, Marguerite welkte, mit Geduld, wie sie sich bisher gebeugt, langsam, unaufhaltbar. Beat fand sie bei seiner Rückkehr erschreckend verändert. Hätte er genug Geld gebracht, um sie gleich in eine andere Luft, in eine andere Umgebung führen zu können, vielleicht daß Genesung noch möglich war. Aber sein Verdienst war gering gewesen, wie es immer ist, wenn die Noth drängt. Wenn immer Arbeit sich finden ließe, wer würde da zu Grunde gehen? Einer unter Hunderten vielleicht. Der Trieb zur Selbsterhaltung ist mächtig, nur – muß man sich erhalten können, und die Thüren schließen sich nie fester, als vor dem Bedürfniß. Beat kam mit dieser trostlosen Erfahrung zurück. Leichtsinnig, wie er im Grunde war, verzweifelte er noch nicht. Im nächsten Jahre würde es besser gehen, ermunterte er Marguerite, im nächsten Jahre wolle er sie nach Baden bringen, da solle sie gesund werden. Marguerite horchte seinen Verheißungen wie ein gläubiges Kind und wurde dabei kränker und kränker. Der zweite Winter kam über sie, noch härter und rauher als der erste. Umsonst beeiferten sich jetzt Oheim und Tante, sie zu pflegen, umsonst war Beat herzlich gut – der Husten wich nicht, sondern ward hohler – und sie immer bleicher. Der Gönner Beat's, der Doctor aus Zürich, kam einige Male die arme Kranke besuchen; sie nahm, was er ihr gab, mit ihrer gewohnten frommen Unterwürfigkeit, tröstete Beat, hoffte zuversichtlich und – ward bleicher und kränker. Beat machte sich eines Tages zu Fuß nach Mellingen auf, überbrachte dem Doctor Sinnich eine Beschreibung von ihrem Zustande und bat ihn um Hülfe. Doctor Sinnich sah bedenklich aus, versprach aber, sich mit Beat's Oheim in Briefwechsel zu setzen und so zu thun, was er vermöge.

Einige Wochen später, es war Anfang Mai, seine Frau in Luzern bei ihren Eltern, er am Schreibtische, an einem Abend um die Dämmerstunde also hielt ein Bauernwagen vor seinem Hause, welches er sich außerhalb der Stadt gebaut hatte. »Ein Kranker,« dachte er, als er, an das Fenster getreten, den Wagen mit Betten belegt sah. Da ging hinter ihm die Thür; »Doctor,« sagte eine bekannte Stimme, Sinnich wandte sich um, es war Beat, der blaß vor ihm stand und ohne Umschweife sprach: »Doctor, da bringe ich Ihnen meine Frau.«

Sinnich war unwillig, erstaunt. »Was thun Sie mit der kranken Frau auf der Landstraße, und ohne mich eine Silbe voraus wissen zu lassen?« – »Ich konnte nicht länger mit ihr in Einsiedeln bleiben, sie hält die Luft nicht mehr aus, und – sie wollen uns auch nicht mehr behalten.« Beat sagte das mit einer Art von Trotz. Der Doctor dachte an die Kranke, die erwartend unten lag. »Für's Erste müssen wir Ihre Frau unter Dach und Fach bringen – kommen Sie, lassen Sie sie in den Löwen fahren.« – »Ja Doctor, aber das sage ich Ihnen frei – ich habe kein Geld.«

Der Doctor erbarmte sich. Er ließ das arme, heimathlose Weib in sein Haus tragen, er ließ sie in das Bett legen, welches für seine Eltern bestimmt war, wenn sie zum Besuch kamen. Marguerite versuchte mit ihren kalten Lippen seine Hand zu erreichen. Er zog die Hand fort und hieß die blasse Kranke schlafen. Sie schlief unter dem Dache des Samaritaners.

Als Madame Sinnich zurückkam, empfing der Doctor sie mit einiger Ungewißheit, »ob es ihr recht sein würde.« Es war ihr recht; sie konnte ihm schelten, wenn er ein Gedicht machte, nicht wenn er eine gute Handlung ausübte. Dieses Blatt ist in dieser Geschichte das einzige tröstliche. Möge man es mit Freude lesen, wie ich es mit Freude schrieb.

Marguerite blieb, zum ersten Male wahrhaft gepflegt, mehrere Wochen im Hause Sinnich's; dann hatte dieser, im Verein mit dem Pfarrer von Mellingen, Etwas gefunden, wodurch den unglücklichen Eheleuten wenigstens das bare Leben gesichert wurde. Sie errichteten eine Zeichenschule, die Gemeinde gab dreihundert Franken und eine kleine Wohnung und Beat den Unterricht.

Mellingen ist ein klein Städtchen, etwa eine Stunde von Baden. Der Weg führt über zwei Höhenrücken, die Badener und die Mellinger Sommerhalde. Das Reußthal ist bei Mellingen ebenso lieblich wie bei Baden das Limmaththal. Das Städtchen ist eine jener alten Ortschaften mit Mauern und Thorthürmen, durch zwei Straßen kreuzweis, wenn auch nicht ganz regelmäßig getheilt. Eine alterthümliche bedeckte Brücke führt über die Reuß hinein; ich liebe solche alte Brücken, unter deren Bedachung man geschützt stehen und den Strom fließen sehen kann. Das Wappen von Mellingen, eine weiße Kugel im rothen Felde, ist einfach und doppelt an den beiden Thorthürmen angebracht. An dem linken Arm des Straßenkreuzes liegt der größte Platz des Ortes, mit dem Gasthof zur Krone, mit der Kirche und einer Grabkapelle, mit dem frühern alten Schlosse, dessen Garten bis an die Reuß geht. Die Grabkapelle hat einen hohen, buntgedeckten Thurm, zwischen ihr und der Kirche steht der braune Glockenthurm mit einem abgestumpften Dache, das Kirchthürmchen ist klein und spitz, grau der spalierumgrünte Wendeltreppenthurm des Schlosses. Vier Thürme also, die schwere Kirchthür mit Schnitzwerk, ein hohes, hölzernes Kruzifix, viele kleine eiserne, wunderliche, verrostete, bemalte Grabkreuze, ein paar Bäume, hinhängend, wie leidend, ein paar Beete mit kranken Blumen, das Alles bildet eine Stätte des Begrabens, wo der Tod nicht als der Bruder des Schlafes, sondern als der furchtbare Erbfeind des Lebens erscheint. Marguerite sah sie täglich und stündlich, denn das ihnen angewiesene Häuschen lag dicht neben der Vikarei, und die ist der Krone gegenüber. Aber in Margueritens Herzen sprudelte wieder die Quelle der Harmlosigkeit, sie glaubte gewiß, daß sie genesen werde, sie freute sich in dem kleinen Garten, aus welchem sie die Alpen sehen konnte, zu säen, zu pflanzen. Sinnich hatte sie wirklich so weit gebracht, daß sie den Sommer weit mehr genoß, als den vorigen. Die Luft war hier so mild, man zeigte ihr so viel Wohlwollen. Marguerite gewann sich Herzen, wo sie nur wenige Wochen lebte; das Mitleid half denn auch; die jungen Eheleute wurden unterstützt, soviel nur die Kräfte der Gemeinde es zuließen. Aber mit dem Winter machte doch der Mangel sich wieder fühlbar, um so mehr, da Marguerite auf das Neue zurücksank. Sinnich und seine Frau konnten diese Entblößung, der sie ihren beschränkten Mitteln nach nur höchst unvollkommen abzuhelfen vermochten, nicht länger so gelassen mit ansehen. »Lassen Sie ihre Frau nach Freiburg schreiben,« sagten sie zu Beat, »die Eltern müssen weich werden, wenn sie erfahren, in welchem Zustande ihre Tochter ist.« Marguerite brachte mühsam einen Brief zu Stande – ein Brief, besonders ein solcher, ist für einen Kranken ein so mühsames Werk. Das Blatt, auf welchem ihre Hand gezittert, auf welches ihre Thränen und von ihrer Stirn der kalte Schweiß gefallen, das Blatt blieb unbeantwortet; ein zweites, noch mühevoller, müder, bittender geschrieben, hatte dasselbe Loos. Jetzt schrieben Sinnich und der Pfarrer, siegelten mit Sinnich's Wappen und gaben den Brief in Zürich auf die Post. Wenn Frau von Gontran ihre Tochter noch einmal sehen wolle, möge sie eilen; Margueritens Tod sei nahe.

Auf diesen Brief kam die Mutter; er war in ihre Hände gelangt, aber nicht der, welchen Marguerite ihr von Solothurn aus geschrieben, keiner von der Aebtissin, welche vor ihrem bald auf Margueritens Heirath erfolgten Tod noch einmal versucht, Frau von Gontran zu erschüttern. Der junge Gontran und der Abbé Lallemand hatten alle diese Blätter, ebenso wie auch die beiden letzten Briefe Margueritens, unterschlagen, die Mutter wußte Nichts von der Gefahr, Nichts von dem Elend der Tochter, sogar Nichts von ihrer Heirath. Sie hatte bisher geglaubt, Marguerite lebe mit Beat als dessen Geliebte. »Wie konntest Du denn das von mir denken?« fragte Marguerite mit naivem Vorwurf. Die Mutter weinte und schuldigte sich an, doch war selbst in diesen ergreifenden Augenblicken eine gewisse Gemüthskälte bei ihr nicht zu verkennen. »Ach, wenn Du doch in's Kloster gegangen wärest,« seufzte sie; »wie viel glücklicher wärest Du gewesen.« – »Sprich nicht so, meine Mutter,« antwortete Marguerite, mit dem Lächeln des befriedigten Herzens, »ich habe meinen lieben Beat.« Und sich zu ihm wendend und ihm die Hand darreichend, setzte sie in ihrem gebrochenen Deutsch hinzu: »Mys lieb Beat, ich nicht mit einem König tauschen,« ihr liebstes und häufigstes Wort. Die Mutter sah darum Beat nicht günstiger an; sie betrachtete ihn als den einzigen Anlaß aller der Uebel, die Marguerite zu leiden habe. Im Ganzen war der Besuch ein wenig erquicklicher; die Mutter hatte allerdings einiges Geld mitgebracht, aber das war nur wie ein Tropfen für die vielen und dringenden Bedürfnisse. Auch fühlte Frau von Gontran sich gedemüthigt vor den Fremden, die ihr Kind, welches sie verlassen, aufgenommen und genährt hatten. Sie konnte nicht ohne Scham die Worte der Doctorin hören: »Bedenken Sie, Madame, daß in dem armen Städtchen Mellingen auch der Aermste sich noch reich genug findet, um Ihrer Tochter Kartoffeln schicken zu können.« Sie versprach, alles Nöthige zu senden, um dem Mangel, der die Kranke umgab, wenigstens einigermaßen abzuhelfen. Sogar das Piano Margueritens, welche auf diesem Instrument Virtuosin war, sollte mit andern Möbeln kommen. Bitter lächelnd sagte die Doctorin: »Madame, dazu ist es zu spät, Ihre Tochter wird kein Piano mehr spielen, es hat ihr zu lange an Brod und Kleidern gefehlt.« Das war keine Uebertreibung; Marguerite hatte sich in Einsiedeln nicht immer satt essen können und besaß keine andern Kleider, als die, welche sie mit in die Ehe gebracht. Sie waren abgenutzt, zerrissen theilweise, Marguerite, die immer viel Geschmack für zierlichen Anzug gehabt, bat die Mutter, ihr ein neues Kleid zu schenken. »Ach, nur eines, Maman; ich komme mir in diesen alten Dingern selbst so alt vor. Gewiß, ich würde besser aussehen, wenn ich ein hübsches Kleid anhätte.« Die Kokette – sie wollte noch jetzt ihrem Beat gefallen!

Er pflegte sie wenigstens treulich, gab dabei seine Stunden, und machte außerdem die Examina, welche zu einer bessern Anstellung nöthig waren. Aber noch fand die sich nicht.

Dagegen kam die versprochene mütterliche Hülfe von Freiburg. Worin bestand sie? In einem kleinen Stuhl, den Marguerite als Kind gehabt, in dem dazu gehörigen Tische und in einer Bettdecke von Damast. Sonst Nichts, keine Wäsche, keine Geräthschaften, kein Geld, nicht einmal das erbetene Kleid. Marguerite klagte nicht, sie sagte nur in ihrer treuherzigen Art: »Sie werden die Mutter wieder herumgekriegt haben, aber das Kleid hätte sie mir doch schicken können.« Beat war muthlos, der Doctor entrüstet, seine Frau empört, besonders über den Hohn, welchen sie in der Sendung der reichen Damastdecke wahrzunehmen meinte. »Man hat es der Armen recht anschaulich machen wollen: sieh, was Du hättest haben können, wenn Du nicht einen solchen Mann genommen,« sagte sie mit einem starken, redlichen Unwillen. Vielleicht hatte sie Recht.

Einige Zeit später kam der junge Gontran. Ob um seiner selbst, oder um der Menschen willen? So gut Marguerite war, den Bruder, der ihr so viel Herzeleid angethan, ohne daß sie ihn je anders beleidigt, als durch ihr Dasein, den Bruder konnte sie nicht mit Vergnügen, ja, kaum mit Mäßigung begrüßen. Die Unterredung war demnach kurz und gezwungen, Beat sah den Schwager gar nicht, und dieser äußerte auch keinen Wunsch, die Bekanntschaft zu machen. Beistand brachte er der Schwester nicht, selbst keinen Gruß von den Eltern; er sagte nur, sie wären gesund. Nach einer Viertelstunde stand er auf, wünschte der Schwester eisig eine bessere Gesundheit und reichte ihr die Fingerspitzen. Sie wandte ihr Gesicht von ihm ab zur Wand, ohne Etwas zu erwiedern; er ging, sichtlich erleichtert, den unangenehmen Besuch überstanden zu haben. Sein Wagen war noch nicht bereit; er hieß den Kutscher ihm nachkommen und ging zu Fuß bis zu Sinnich's Haus. Dort ließ er sich melden. Sinnich lag gerade krank, nahm aber den Bruder Margueritens doch an; »denn vielleicht,« sprach er zu seiner Frau, »daß er doch in guter Absicht kommt.« Die Doctorin schüttelte den Kopf; sie erwartete Nichts mehr von der Familie Gontran. Der junge Mann trat ein, abstoßend von Physiognomie, so unähnlich wie möglich seiner jetzt noch schönen Schwester. Im Betragen war er äußerst höflich und dankte mit ausgesuchten Wendungen dem Doctor sowohl wie dessen Gattin für die Güte, welche sie seiner beklagenswerthen Schwester erwiesen. »Ich wünschte sehr, mein Herr von Gontran, die Familie der Madame Bodenwieler hätte uns weniger Gelegenheit zu dieser Güte gegeben,« antwortete der Doctor, geradezu wie er war, und hier doppelt unumwunden im Gefühl, das Recht sei auf seiner Seite. Der junge Gontran zuckte die Achseln, machte Mienen, bedauerte unendlich die Verhältnisse, unglückliche Mißverständnisse. Es war nicht schwer, hierauf zu antworten, und die Doctorin that es mit aller Rücksichtslosigkeit, zu welcher in gewissen Stunden die Guten den Schlechten gegenüber die Erlaubniß von Gott selbst haben. Der junge Gontran hörte sie mit übel verhehlter Verlegenheit an. Endlich sagte er: »Damit Sie sehen, daß es mir nicht an brüderlicher Liebe fehlt, so will ich von nun an meiner Schwester drei Kreuzer täglich aussetzen und Sie bitten, ihr dafür Geflügel zu kaufen.« Der Doctor maß den zärtlichen Bruder mit einem Blick, der zwischen Erstaunen und Verachtung schwebte. »Ist das Ihr Ernst, oder wollen Sie mich zum Narren haben?« – »Es ist mein völliger Ernst.« – »Und wissen Sie, daß man für dieses Geld kaum am Sonntage ein kleines, elendes Hühnchen kaufen könnte?« – Gontran zuckte wieder die Achseln und sagte: »Das thut mir sehr leid, aber mehr bin ich nicht im Stande.« – »Herr,« schrie jetzt der Doctor mit der gewaltigen Stimme seiner gesunden Tage, »machen Sie, daß Sie fortkommen, oder, krank wie ich bin, stehe ich auf und schmeiße Sie hinaus!« Gontran wartete diese Anstrengung von Seiten des Doctors nicht erst ab; er entfernte sich eilig, stieg in seinen Wagen, der gerade ankam, und wünschte sich gewiß Glück, so gut davongekommen zu sein.

Dies war das letzte Mal, wo Marguerite von ihrer Familie hörte. Sie war jetzt aufgegeben; ein Theil der Luftröhre war bereits herausgefault, sie hatte ganz die Stimme verloren und konnte nur noch essen, wenn sie sich auf den Rücken an den Boden legte. Dennoch kam sie an guten Tagen noch manchmal zu Doctors, wo sie sich recht eigentlich daheim zu glauben schien. Sie liebte sehr kleine Leckereien, und Doctors pflegten, wenn sie Gäste hatten, ihr immer etwas vom Nachtisch aufzuheben. Kam sie nun, und die Doctorin reichte ihr die für sie bestimmten Früchte oder Bonbons, so warf sie, kindisch begierig wie sie war, sich sogleich an den Boden und fing an, auf ihre Art zu essen. Die Fremden wunderten sich dann nicht wenig; hörten sie aber erst die Geschichte des armen, sonderbaren Geschöpfes, so machte das Lächeln der tiefsten Theilnahme und den wärmsten Tröstungen Platz.

Konnte Marguerite denn getröstet werden außer von Oben? Sie liebte, sie lebte trotz aller Leiden mit Lust, und sie mußte sterben. Es ist dieses das Loos von Tausenden unter uns, aber wir wollen auch nicht fragen, wie schwer wir es finden. Marguerite blieb wenigstens heiter in der Geduld; sie beklagte sich nicht und klagte nicht an; sie hatte ihr kärgliches und bitteres Leben genommen, wie Gott es gegeben hatte, ohne zu grübeln, ohne zu zweifeln, mit Dank für die wenigen Blumen im stechenden Kranze. »Mys lieb Beat, nicht mit einem König tauschen,« war und blieb ihre Rede, selbst in den letzten, schrecklichsten Tagen.

Beat weinte an ihrem Bette, wie jeder nur einigermaßen fühlende Mensch bei dem Anblick solcher Leiden und besonders eines schweren Sterbens weint. Aber er weinte nicht um sie, nicht um sein Weib, nicht wegen der bevorstehenden Trennung. Marguerite war für ihn längst Nichts weiter mehr als eine Last. Er hatte sie mit Gutmüthigkeit getragen, aber je näher der Augenblick kam, wo er sie in ein Grab niederlegen dürfen sollte, je mehr athmete er auf. Jenseits dieses Grabes lag für ihn eigentlich erst das Leben. Marguerite hatte einen andern Willen. »Höre, mys Beat,« sagte sie mehrmals mit einer eigenen Eindringlichkeit, »Du mir ja nicht wieder heirathen. Ich Dich will gehabt haben allein hier unten und dort oben. Wenn Du nehmen willst andere Frau, ich kommen und machen so.« Und sie machte mit ihren abgezehrten Händen an seinem Halse die Geberde des Erwürgens.

Beat versprach ihr Alles. Sie sah ihn dann durchdringend an, halb forschend, halb drohend. Noch in ihrer letzten Minute hatte sie diesen Blick. Beat drückte ihr die Augen zu; nun konnte sie ihn nicht mehr ermahnen. Marguerite war gestorben, ohne geliebt worden, ohne glücklich gewesen zu sein, ohne glücklich gemacht zu haben. Von dem ganzen Reichthum des Lebens hatte sie nur drei Empfindungen gekannt: Hoffen, Lieben und Leiden.

Beat wartete kaum die nöthigste Frist ab, welche der Anstand vorschreibt, um sich nach einer neuen Frau umzusehen. Ja, Marguerite war für ihn nur noch seine erste Frau, und was noch mehr, die verdrießlichste Täuschung. Jetzt wollte er nicht wieder getäuscht werden – er spähete vor Allem nach einem hübschen Vermögen. Die Erbinnen eines solchen zeigten sich indessen sämmtlich ungeneigt, Beat auf die Art zu beglücken, welche er für die einzig wahre hielt.

Inzwischen war er mit einem bedeutend bessern Gehalt als Zeichenlehrer nach Baden berufen worden, kurze Zeit nachdem Doctor Sinnich dort Badearzt geworden war. Und kaum sah er diesen so eifrig verfolgten Wunsch erfüllt, so schien auch der zweite in Erfüllung gehen zu sollen. Er lernte die Schwester eines Regierungsrathes aus St. Gallen kennen, ein nicht mehr ganz junges, aber dabei hübsches, und was noch besser war, sehr reiches Mädchen. Wie Beat es angefangen, weiß man nicht, vermuthlich wie alle Bewerber, denen es glückt – genug, er gefiel dem Mädchen. Ihrer Familie nicht; indessen da das Mädchen mündig war, hatte das wenig auf sich. Als sie nach St. Gallen zurückkehrte, wurde ein Briefwechsel verabredet, und sie schied von ihm mit der festen Zusicherung, entweder ihre Familie zur Einwilligung zu bewegen, oder weiter Nichts nach dieser Einwilligung zu fragen.

Als Beat seine neuen Aussichten Doctors mittheilte, sagte Madame Sinnich halb scherzend, halb ernsthaft: »Bodenwieler, denken Sie an »Mys Beat, ich komme,« und sie machte die Geberde, welche die Sterbende gemacht.

Beat lachte; für ihn war Marguerite so gut wie vergessen. Selbst mit ihrem Denkmal blieb es beim Entwurf, obwohl ihm jetzt die Mittel zur Ausführung nicht mangelten.

Es war, als regne es auf einmal Manna für ihn. Was er sich auch immer gewünscht, einmal eine größere Arbeit in Marmor ausführen zu können, das sollte ihm jetzt ebenfalls werden. Ein reicher Mann bestellte bei ihm die Statue von Julia Alpinula, dieser jungen Priesterin, welche aus Gram darüber starb, daß sie von den Römern das Leben ihres Vaters nicht hatte erbitten können. Beat hatte sich bereits eine Probe von dem Marmor kommen lassen, aus welchem er sein erstes großes Werk zu schaffen gedachte. Der reine, weiße Stein war angelangt, stand vor ihm; von ungewöhnlichem Feuer belebt, entwarf er eine vortreffliche Zeichnung zu seiner Statue. Ermuthigt durch den Erfolg, und sich im Triumphzuge dem Glücke nähernd, schrieb er seiner Geliebten und forderte zärtlich und dringend, sie möge jetzt alle Bedenklichkeiten überwinden und ihm endlich das bestimmte Wort geben. Als er den Brief auf die Post getragen, ging er zu Sinnich's, denen gegenüber er wohnte, erzählte ihnen, was er geschrieben, und zeigte die Skizze. »Ich bin der glücklichste Mensch,« rief er, »denn von St. Gallen kann mir die günstigste Antwort nicht fehlen.« Der Doctor freute sich an der Skizze, seine Frau aber sagte dieses Mal strafend: »Bodenwieler, und das Denkmal Ihrer Frau ist auch noch nicht weiter als auf so einem Blatte. Bedenken Sie, was Sie thun; sühnen Sie, ehe Sie sich verheirathen, ihre Frau durch einen wirklichen Beweis Ihres Andenkens.« – »Ich will's thun, sobald ich verheirathet bin,« erwiederte Beat, »wahrlich, es ist meine ernstliche Absicht.« Sie sah nachdenkend und unzufrieden vor sich hin; Beat ging. »Was fällt Dir denn ein,« fragte der Doctor, »daß Du den Bodenwieler bange machen willst? Du, die sonst so sehr gegen alle Phantasterie eifert?« Sie antwortete: »Rede, was Du willst – mir ahnt nichts Gutes.«

Es war Sonntag; Beat hatte trotzdem eine Stunde in seiner Schule zu geben. Er kehrte in seine Wohnung zurück, um sich Bleistifte und dergleichen zu nehmen. Während er damit beschäftigt ist, fällt von seinem entfernt stehenden Secretair die Brustbüste Margueritens herab, und wenige Augenblicke nachher von der Wand gegenüber sein eigenes Portrait in Alabaster. Beide Gegenstände waren nicht angerührt worden, von Außen war keine Erschütterung gekommen. Beat, etwas blaß und betroffen, läuft im Vorbeigehen noch einmal zu Sinnich's hinauf, findet aber nur die Frau, erzählt ihr eilig, was vorgegangen, und setzt nachdrücklich, aber doch noch halb lachend hinzu: »Ich verspreche Ihnen, ich mache das Denkmal, sobald ich verheirathet bin.« Damit geht er fort und in seine Schule, welche er in dem alten Schlosse jenseits der Brücke hielt. Die Doctorin bleibt mit einer entschiedenen Angst bis zum Abend allein; da kommt ihr Mann und sagt: »Der Bodenwieler ist in der Schule auf einmal so krank geworden – ich muß doch hinüber, sehen, was er macht.« Er geht, kommt nach einer halben Stunde wieder: »Der hat die Darmentzündung, und ist, irre ich nicht sehr, unrettbar verloren.« – »Da siehst Du's, – Marguerite,« sagte die Doctorin blaß und leise.

Der Doctor hat mir sein Wort darauf gegeben, daß Beat am dritten Tage seiner Krankheit in derselben Stunde gestorben ist, wo das Jawort seiner neuen Braut aus St. Gallen eintraf. Erkläre man es, wie man es wolle, mit dem alten Spruche Shakespeare's oder mit dem bequemen Worte: »Zufall, nichts als Zufall.« Ich habe gethan, was ich mir vorgenommen, diese Geschichte erzählt. Eine Erklärung am Ende versprach ich nicht.

Beat und Marguerite sind wenigstens auf Erden getrennt – er liegt in Baden, und der kleine Marmor, den er als Probe kommen ließ, bildet seinen Leichenstein. Sein Grab besuchte ich nicht, wohl aber den neuen Kirchhof von Mellingen, wo das unbezeichnete Grab Margueritens ist. Es war an einem sonnigen Tage zu Ende August, die Aepfel waren fast reif, die Wiesen voll Herbstzeitlosen, im Städtchen brechte man Flachs, hackte Holz und schaffte Kartoffeln ein. Der Kirchhof lag ein Stückchen davon, an dem Scheidepunkte der beiden Straßen nach Luzern und Aarau. Pappeln umgeben ihn, eine Kapelle zeigt sich weiß, mit offener Säulenhalle. Ich hätte für Marguerite einen andern Grabort gewählt, mit mehr Schatten und mehr Ruhe, nicht so an der Landstraße, nicht so zwischen Aeckern. Doch wo wir ruhen, ruhen wir im Herrn, wenn wir geliebt wie Marguerite.

Die Urschweiz.

Der Vierwaldstätter See ist das heilige Wasser der Schweiz, nicht der gemachten von Achtzehnhundertfunfzehn, sondern der alten, wirklichen, lebendigen Schweiz. In silberner Drachengestalt liegt er, eingesenkt zwischen die Mythen von Schwyz, die Gletscher von Uri, die Hörner der beiden Walden, und um ihn herum liegen alle ersten Erinnerungen der Schweizer: Brunnen, Rüttli, Altorf, Zwinguri, Küßnacht. Und hier, wo diese Erinnerungen Grund und Boden haben, haben sie auch Poesie. Die Tellsage, welche mir in der französischen Schweiz so unsäglich widerwärtig geworden, wurde mir hier wieder lieb. Tell's steife Bildsäule auf dem Markte zu Altorf, der bemalte Thurm, welcher an dem Platze der Linde steht, unter die sein Knabe sich hinstellen mußte, Bürglen, sein umbüschtes Dorf, der Schächenbach, worin er ein heimathlich Grab gefunden, seine Platte mit ihrer kleinen Kapelle, Alles heischte und erhielt meine Aufmerksamkeit. Die Platte ist nicht ganz so hoch und gefährlich, wie man sie immer gemalt sieht, springt auch nicht von starren Felsen hervor, sondern ruht an einer lieblichen, obwohl steilen Mattenhöhe – nun was thut's? – der Sprung war immer ein guter und ein natürlicher dazu; denn wer wird sich selbst in's Gefängniß fahren, wenn er es anders machen kann? Gewiß wenigstens nicht ein Gemsenjäger, dem die Gefangenschaft wo möglich noch grauenhafter sein muß als einem civilisirten Menschen. Auch daß Tell den Herrn, welchen er so zu fürchten hatte, mit Bedacht und Schlauheit todtschoß, war natürlich – seine Landsleute würden heute noch dasselbe thun, wenn es sie drängte und sie könnten. Der ganze Tell ist natürlich, nur der Mann eines rücksichtslosen Naturvolkes und nicht das Ideal eines modernen Republikaners. Er hat die Republik nicht gekannt, sondern seinen Feind aus dem Hinterhalt getroffen wie eine Gemse, ohne allen innerlichen Kampf, ohne jede andere Ungewißheit als die über die Sicherheit seines Schusses. Wenn Goethe doch hier nicht Schillern gewichen wäre! Wir hätten dann einen wahren Tell.

Doch nicht allein durch die Sage, durch seine Natur fesselt der See der Urkantone. Wenn der Genfer aristokratisch und stereotyp, der Neufchateller alltäglich malerisch, der Bieler von romantischer Einsamkeit, der Zuger mit Grazie eingefaßt, der Zürcher überall lachend, der kleine Lowerger rührend-traurig, der Thuner, aus der Höhe gesehen, ein stilles Auge der Alpen ist, so ist der Vierwaldstätter von einer wundersam phantastischen Melancholie. Ich habe diesen Eindruck tief in mich aufgenommen, während wir zu allen Stunden und bei allen Beleuchtungen über den See hin und her schifften. Wir wollten diesen kennen, auswendig lernen, seine Buchten, seine Alpen, seine Vorgebirge und Bergzungen. Die längste von diesen, der Bürgen, erinnerte mich augenblicklich an einen Schnabel des Bucintoro. Wie schön am Abend die blaue Bergumgebung von Fluelen, gegenüber der einströmenden Reuß! Wie einfach und doch wie bedeutungsvoll die kleine Kapelle von Kindleinsmord, auf dem Hüglein zwischen jungen Tannen! Ich sah den Vater, wie er sein Söhnchen, das um Brod bittet, mit dem Kopfe an den Stein schlägt. Was die Schrift als Unmöglichkeit annimmt, hier ist's geschehen. Dann der Pilat, als Berg was der See als See ist, ja, recht eigentlich der Berg des Sees, ganz so zackig, so phantastisch, so drachenhaft, wie dieser. Luzern dürfte gar nicht am Vierwaldstätter See liegen, wenn es nicht den Pilat hätte, diesen Nebelkönig mit seinem Hofstaat von Teufelchen. Ich erkannte den Pilat augenblicklich, ohne daß man ihn mir genannt, so deutlich und wahrhaftig hatte ich mir ihn vorgestellt. Und ich wollte durchaus hinauf, aber sie versicherten mir Alle, für Frauen sei es völlig unmöglich, höchstens junge Herren gelangten hinauf, und auch die nur unter Angst und Gefahren; man müßte die Nacht im Freien zubringen, auf Baumstämmen über Abgrundsspalten hinweg – ich hatte bei dem Nebelritt von der Rigi herab meinen Muth messen können – es war ein kleines, sehr kleines Endchen Muth, und ich blickte den Pilat, den einzigen Berg in der Schweiz, auf den ich mich wirklich hinaufgewünscht, traurig an und fuhr nach Fluelen.

Von hier aus entschieden wir uns für den Weg nach der Teufelsbrücke. Wie der Pilat der Berg, so ist der Gotthardspaß die rechte Straße von und nach dem Vierwaldstätter See und von den großen Verbindungswegen, welche die Ströme den Menschen durch die Gebirge gebahnt, gewiß einer der fahrwürdigsten. Goethe war ihn hinangewandert – wir halten diese Erinnerung gebührend an Ort und Stelle. Desgleichen vergegenwärtige ich mir mit Vergnügen die wilden tyrolischen Längenthäler und ebenso mit einem Lächeln den Brenner, der gegen diesen energischen Durchbruch der Alpen sich ausnimmt wie ein Blumenpfad neben einem Klippensteige. Wie es im Frühling hier sein möge, war auch leicht sich auszumalen – die Lawinenbetten, die jetzt versiegten Bäche, die weißen Wasserfälle, wir durften sie uns nur gefüllt, geschwellt und überbrausend denken, und wir hatten den Frühling im Reußthale. Etwas fiel mir noch fortwährend ein – der Franzose, welcher in Töpfer's Schilderung vom großen Bernhard durchaus auf die Lawine gefallen sein will und die höfliche Einwendung: »Aber, mein Herr, gewöhnlich fällt die Lawine auf Sie,« gar nicht beachtet. Hier würde die Lawine unfehlbar auf ihn gefallen sein und er mit ihr unfehlbar in die Reuß. Wenn schon im ganzen Thale die Blöcke wie ein Hagelschlag lagen, wilder noch ward's im Schöllenenthal, von Göschenen hinauf zur Teufelsbrücke. Rechts erschien in einiger Entfernung die prächtige Gruppe der Göschenen Gletscher und links bog die Schlange der Straße zwischen die starren, aufrechtstehenden Felsenhöhen hinein. Ein kleiner Bube, begleitet von einem gleich kleinen schwarzen Pudelchen, bot uns hier Krystalle vom Gotthard an, Rachtepasse, wie der Rauchtopas in der hiesigen Sprache heißt. Die Gemsenjäger bringen diese und andere Krystallisationen aus den verborgenen Grotten mit herab und verkaufen sie an Knaben, denen sie die Namen davon lehren. Die Knaben ihrerseits verhandeln sie an die Fremden – wir hatten in Amsteg welche ausgewählt, mochten jedoch den Kleinen nicht abweisen und nahmen seine beiden Stückchen für anderthalb Batzen. Die Münze war ihm fremd; gravitätisch ging er zum Kutscher und erkundigte sich, wie viel es wäre. Der sagt' es ihm. »Einen und einen halben Batzen?« fragte er, »dann dank' ich schön.« Wir kamen bald darauf langsam genug im feuchtkalten Nebelsturme an die Teufelsbrücke. Sie überraschte uns nicht – die vielen Brücken vorher hatten uns vorbereitet, aber sie befriedigte. Die alte verlassene unter ihr würde den Blick anziehen, ginge nicht schon viel früher eine über den grünweißen Strom, die auch verlassen, grün bewachsen und mit abgebrochenen Brüstungen daliegt und dabei viel besser gesehen werden kann. Von Regenbogen auf dem Sturz war weder an diesem, noch am folgenden Tage die Rede, obgleich wir in schöner, heißer Sonne nach Fluelen zurückfuhren. Denn wir fuhren zurück – wir machten es Goethe nach, doch nicht um es ihm nachzumachen, sondern weil wir nicht anders konnten. Schnee war in der Nacht von Neuem gefallen, sowohl die Furca, wie der Paß nach Bündten schwierig zu unternehmen geworden, und das Thermometer zeigte im Zimmer nur sieben Grad. Wir schwankten ein wenig zwischen Links und Rechts, zwischen den Rheinquellen und den Rhonegletschern, dann sagte ich gefaßt: wir wollen zurück. Goethen ward es schwer, von hieraus nicht nach Italien hinabzueilen, sondern freiwillig umzukehren. Hätten wir Italien nicht verwüstet, verstört, für eine Zeit verwandelt gewußt, es wäre uns ebenfalls nicht leicht gewesen; vielleicht war es uns auch nicht leicht, aber wir fuhren mit würdiger Ruhe nach Fluelen zurück.

Am späten Abend, als wir zum letzten Male auf dem scheinend blauen See schwankten und die halbumwölkten Berge uns einen feinen Nebelregen in das Gesicht sprühten, da ergriff uns wehmüthiger und mächtiger denn seit lange die Sehnsucht nach einem Hause. Im Herbst möchte man einfliegen wie im Frühling aus – wir konnten's nicht; ungewiß lag auch dieser Winter wieder vor uns. Otto sagte tröstend: »Laß gut sein, besser Liebe ohne eine Heimath, als eine Heimath ohne Liebe.« Ich drückte ihm die Hand, aber ich mußte mir doch einige bittere Thränen abtrocknen.

Ein Sonnenaufgang auf der Rigi.

»Und wenn Sie in die Schweiz kommen, so reiten Sie hinauf auf den Rigi. Den Rigi müssen Sie sehen, es ist eine gar zu große Herrlichkeit« – so sprach vor drei Jahren in Breslau Dr. Anton Theiner, drückte mir zum letzten Male herzlich die Hände und ließ uns fortfahren nach Venedig.

Wenn wir nach unserer Heimkehr durch Tyrol und nicht durch die Schweiz, bisweilen davon redeten, ob, wie und wann wir diese letztere besuchen würden, so fragten wir uns jedes Mal: »Und werden wir auch Theiner's Willen thun?« Und Eines gestand dann immer dem Andern: »Du, ich habe eigentlich gar keine Sehnsucht auf den Rigi.«

Wir waren fast seit einem Jahre in der Schweiz, doch Kummer und Radikalismus, Kranksein und Ueberdruß am Leman nahmen uns dermaßen ein, daß wir des großen Rigi vielleicht kaum einige Male und da stets nur mit der größten Gleichgültigkeit gedachten.

In Baden am Stein lernten wir, daß man nicht der Rigi, sondern die Rigi sagen müsse. Wir nahmen diese Belehrung ebenfalls mit vollkommener Gleichgültigkeit an, denn wir beabsichtigten durchaus weder auf den, noch auf die Rigi hinaufzureiten.

Jede Schweizergegend fast hat ihr Nizza oder ihr Italien, nämlich irgend einen Ort, wo irgend Etwas im Freien wächst. Von Genf sollte es Morner, Richterschwyl von Zürich, von Luzern endlich Wäggis sein. Wir wollten nach diesem Nizza. Ein Engländer, der mit einer englisch häßlichen Frau und einer gleichen Tochter auf dem Dampfschiffe saß, fragte mich, ob auch wir »to the Rigi« gingen. »O nein,« antwortete ich, »auf den Rigi geht oder reitet Jedermann; ich liebe das nicht; wir bleiben in Wäggis.« Vier Stunden später sagte ich zu dem Engländer auf dem Kulm: »Very happy to see you.« Wäggis-Nizza war eins von den prosaischen Dörfern, wie sie an den Schweizerseen liegen, und der Sohn und Kellner des einzigen Gasthofes ein so unbeschreiblich langweiliges Geschöpf, daß ich vor Langeweile gestorben wäre, hätte ich mich nur acht Tage lang von ihm bedienen lassen müssen. So ritten wir denn, um doch Etwas zu thun, auf die Rigi.

Wenn in künftigen Jahrhunderten von diesem unserm Jetzigen und nebst seinen Sitten auch von seinen Absonderlichkeiten geschrieben werden wird, so wird man in irgend einer Novelle folgende Schilderung zu lesen bekommen:

»Es gab in jener Zeit« – ich sage mit Bedacht: es gab, denn die Rigi könnte dann ja eingefallen, oder die Schweiz ein unbekanntes Land geworden sein, also – »es gab in jener Zeit einen Berg, der hieß Rigi. Dieser Berg war, was viele andere Berge auch sind, so und so viel tausend Fuß hoch, übrigens durch keine eigenthümliche Merkwürdigkeit ausgezeichnet, man müßte denn als eine solche annehmen, daß man von seiner Höhe aus elf kleinere und größere Seen sah. Ob mit oder ohne Grund, genug, dieser Berg war »in die Mode gekommen«, wie man damals sprach, d. h. man mußte ihn gesehen haben. Weil man das nun mußte, kamen aus Europa und Amerika, zuweilen auch aus andern Welttheilen, aber hauptsächlich doch aus diesen beiden, und aus Europa hauptsächlich von England, Leute beider Geschlechter und jeglichen Alters und ritten oder stiegen auf diesen Berg hinauf. Sie hießen die Rigireisenden. Waren sie auf der Höhe, welche die Kulm genannt wurde, so hüllten sie sich in Mäntel und Tücher, brachten Lorgnetten und Operngläser an die Augen, ließen sich von den Führern, die sie hinaufgeleitet, die Namen der verschiedenen Seen nennen und suchten die Sonne. Wenn diese sich sehen ließ, so war das »Panorama«, wie man den Anblick nannte, ein sehr prachtvolles: die Seen blitzten, die Gletscher wurden roth und die Bergspitzen schwammen in einem blauen Oceane. Es geschah jedoch äußerst selten und man nannte es der Seltenheit wegen den »Sonnenuntergang vom Rigi.« Geschah es nicht, lag das Panorama in Bleigrau da, so zogen die Rigireisenden sich frierend und gelangweilt – nebenbei, das Gelangweiltsein war eins ihrer kenntlichsten Merkmale – gelangweilt und frierend also, in das Haus zurück, welches von Holz auf dem Kulm erbaut worden war. Dort schliefen sie, bis die Stunde des »Sonnenaufgangs vom Rigi« gekommen sein sollte. Diese Stunde war indessen noch ungewisser als die des Sonnenunterganges. Unter hundert Rigireisenden schlug sie nur für zehn, die übrigen neunzig ritten oder stiegen wieder hinunter, ohne die Sonne gesehen zu haben, gewöhnlich im dichten Nebel, häufig im starken Regen und manchmal sogar im Schnee. Das nannte man die »Tour auf die Rigi.«

Die Rigi ist trotz ihrer ganz alltäglichen Gestaltung ein Auszug der gemäßigten Alpennatur. Die Obstbäume, selbst die weicheren, an ihrem Fuße, das Laubholz auf ihrer Mitte, weiter die Tannen, endlich die Steilheit und die Nacktheit, zusammengewachsene Felsenriffe, einzelne seltsame Steine, den Epheu, die Quellen und die Mattenblumen, die blaue Tiefe zu den Füßen und das letzte spärliche Gras oben, sie hat Alles – wer einen Tag und eine Nacht zu verlieren hat, reite hinauf und sehe zu, ob er die Sonne zu sehen bekommt; aber doch hat »die Tour auf die Rigi« am meisten meine heftige Begierde gezähmt, den Pilatus, diesen Brocken der Schweiz, in seiner Unbesuchtheit zu stören.

Im Hotel Weber.

»Und so reisen Sie wirklich heute Abend noch?« fragte ich den Grafen Wladislav.

»Calclire, muß sein,« versetzte er.

Wir saßen im südlichen Fenster eines Salons im ersten Stock des Hotel Weber. Es war ein trüber Tag, welcher eben in einen trüben Abend übergehen wollte. Die Waldhöhen, zwischen denen der Rhein hervorkommt, fällt und sich weiter windet, waren bunt und feucht, der Rhein sah so dunkelgrün aus wie das Glas der Römer, aus denen sein Wein getrunken wird; der Fall erschien noch weißer als gewöhnlich.

Das Hotel Weber ist ein unwillkürlicher Stelldicheinort für alle Welt. Wir waren dort von mehreren Bekannten getroffen worden, unter andern von Wladislav, und hatten eine Menge Bekanntschaften gemacht, zuerst die des zweiten großen Unbekannten Charles Sealsfield. In dem »Süden und Norden« dieses Verfassers hatte Wladislav eben an diesem Nachmittage eifrig studirt, und so kam es, daß er mir halb absichtlich und halb absichtslos auf gut kentuckisch antwortete.

»Kommt mir vor, wär' noch nicht nöthig,« sagte ich lachend in derselben Weise.

»Sag' Euch, muß nach Hause,« antwortete er höchst ernsthaft.

Wladislav war groß, schlank und dunkelblond. Sehr gehalten in seinem Betragen, sehr überlegt in seinen Handlungen, und dabei doch der seltsamsten Extravaganzen fähig, nur daß er sie eben auch so gelassen unternahm und zu Ende brachte, wie alles Andere. Was ich an ihm sehr gern hatte – er war originell wie ein Kind, ohne es zu wissen. Vollkommen ruhig in der Gewißheit, es gerade so zu machen wie Jedermann, wunderte er sich ungemein, wenn man sich über ihn wunderte. Wir kannten uns schon mehrere Jahre – er mochte ungefähr fünf- bis sechsundzwanzig sein, dabei Herr über drei- bis viermalhunderttausend Thaler. Jetzt war er unsertwegen vier Tage hiergeblieben, wir hätten ihn gern noch länger gesehen, aber er wollte sich nicht länger mehr halten lassen.

»Was versäumen Sie denn aber?« fragte Otto.

»Haben Sie gar kein Heimweh, nicht Sie, und Sie auch nicht?« fragte er uns Beide.

»Und wenn wir's haben – wir müssen doch noch hier bleiben.«

»Um ein Buch zu schreiben, das überall just eben so gut geschrieben werden kann, einen Brief zu erwarten, der nichts Gescheidtes bringen wird, denn Briefe, auf die man so wartet, bringen nie etwas Gescheidtes.«

»Sie sind sehr tröstlich.«

»Ich will Sie gern hier fort haben. Sie entwickeln ein schreckliches Talent zum Sitzenbleiben. Ich sehe Sie noch den ganzen Winter über hier kleben und dann im Frühjahr mit Mr. Sealsfield nach Louisiana fahren, um sich dort, wie er Ihnen versprochen hat, in eine Blumenvase setzen zu lassen.«

»Er hat ihr auch verheißen, sie könne vielleicht eine kleine Revolution zu Stande bringen,« bemerkte Otto.

»Wollen Sie das etwa?« fragte Wladislav feierlich.

»Nein,« antwortete ich lachend, »eine Revolution in Amerika machen, lockt mich nicht. Mein kleiner gigantischer Wunsch – Sie wissen, Jedermann hat einen solchen, nur größer oder winziger, – meiner also wäre ein hübsches, niedliches, comfortables Privat-Königreich im Orient.«

»Wo Sie das biblisch-patriarchalische Verhältniß zwischen Herren und Sklaven einführen würden, welches Mr. Sealsfield so wunderschön findet?«

»Sklaven würde ich natürlich kaufen. Wie sollte man es denn anders machen?«

»Vollkommen einverstanden, Majestät. Und wie würden Sie denn heißen? Sie haben Mr. Sealsfield Herrn über Neger, Alligatoren und Klapperschlangen genannt – welchen Titel wollen Sie annehmen?«

Ich ließ den Scherz fallen und sah trübselig hinaus. Wenig elastisch in meiner Stimmung, wurde es mir jetzt leicht zu mühsam, den Federball des Humors zu werfen.

»Glauben Sie mir, kommen Sie zurück,« fing Wladislav nach einer Pause wieder an, aber jetzt ernsthaft. »Da nun einmal für den Augenblick Mr. Sealsfield im Zenith Ihrer Schätzung steht –«

»Bekennen Sie es,« unterbrach ich ihn, »Sie sind etwas vaterländisch eifersüchtig auf den ›überseeischen Autor‹.«

»Aergerlich eher, weil er Deutschland so ganz und gar herunterreißt.«

»Glauben Sie mir, wenn er das thut, verabscheue ich ihn so von Herzen, daß ich mich am liebsten mit ihm auf Tod und Leben schießen möchte. Aber er thut's nur in Stunden. Gewöhnlich ist er gar nicht so hyperamerikanisch, dagegen ganz human und deßwegen mit seiner in die literarische Civilisation verkleideten Urwäldlernatur sehr lieb und wacker.«

»Das ist eine curiose Lobrede,« sprach Wladislav kopfschüttelnd, »die haben Sie sich vermuthlich ganz eigens für Sealsfield ›auscalculirt‹.« »Aber,« fuhr er, wieder zu seinem vorherigen Gedanken zurückkehrend, mürrisch fort, »warum, wenn er Deutschland so geringachtet, hat er sich die Mühe gegeben, Deutsch zu lernen? Warum fuhr er nicht in aller Bequemlichkeit fort, Englisch zu schreiben? Bei uns konnt' er ja sicher sein, übersetzt zu werden?«

»Warum haben Sie ihn das nicht gefragt, ehe er gestern abreiste?«

»Ich wollt' es thun, da sah ich einen Regenbogen auf dem Fall, das zerstreute mich.«

»O diese Regenbogen sind hier sehr häufig,« warf ich nachlässig hin.

»Freilich, wenn man vier Wochen am Rheinfall sitzt, ist's das Wenigste was man gewinnt, so von den Regenbogen auf ihm reden zu können. Es ärgert mich – ich möchte Sie entführen und mit Gewalt nach Deutschland zurückbringen. Daß Sie nicht schon an der bloßen Sehnsucht nach Musik verschmachten, bei der Unmöglichkeit, ein gutes Piano zu finden, und bei der zweiten Unmöglichkeit, selbst das schlechte Piano ohne horrende Kosten gestimmt zu kriegen!«

»Herr Weber wird nächstes Frühjahr ein gutes Piano kaufen.«

»Auf welchem Sie jetzt schon im Vorgefühl spielen können – sehr genügend! Und dann diese Einsamkeit – das ganze Hotel ist ja schon leer geworden.«

»Schade genug,« sagte ich, »es sollte im Winter benutzt werden so gut wie im Sommer. Diese hohen, großen Zimmer, diese freie Lage in der Gegend, welche es einem mehr und mehr anthut, je länger man sie sieht, die freundliche Familie, welcher es wirklich so Ernst ist –«

Wladislav wollte mich unterbrechen – ich ließ es nicht zu, sondern fuhr fort: »und diese Stille – wirklich, kein Ort ist mehr zu einem Schriftsteller-Einsiedeln geeignet als dieses Hotel.«

»Oder zu einer Schriftsteller-Colonie,« bestätigte Otto.

»Sogar zu einer Schriftsteller-Colonie!«

Wladislav hielt sich die Ohren zu. »Still, wenn Sie Beide erst mit Ihren Extragedanken anfangen, so sind wir den nächsten Augenblick mitten in der willkürlichen Absurdität, und vor der fürchte ich mich, denn man kann sie bei einiger Uebereilung für die Vernunft nehmen. Ich sage Ihnen, alle Schriftsteller-Verbindungen sind unheilsvoll – aus einer jeden wird eine Schule, in jeder Schule herrscht Zwang, und jeder Zwang drückt den Geist, der nur ein Element hat – die Schönheit in der Freiheit. Aber eben so wenig taugt für den Schriftsteller einsiedlerisches Vornehmthun. Im Gedräng soll er sich Bahn brechen, sich an die Ellenbogen stoßen, auf die Füße treten lassen –«

»Da wäre ich Ihnen bei der Tombola auf dem Markusplatze wahrhaft idealisch erschienen, denn gedrängter kann es kein Gedränge geben – man wurde nicht nur gestoßen und getreten, sondern auch gelegentlich etwas entzweigedrückt.«

»Werden Sie denn ernsthafte Dinge nie ernsthaft behandeln lernen, oder zu behandeln die Gnade haben?« fragte Wladislav mit dem Uebersehen des Mannes, des durch die Gymnasialklassen geläuterten und in den verschiedenen Collegien verschiedener Universitäten vollendeten Mannes. »Was ich meine und was Ihnen auch Sealsfield sagte – wenn Sie auf Ihr Vaterland wirken wollen, so müssen Sie in und mit Ihrem Volke leben.«

»Ja,« sagte ich geängstigt, »wenn nur die unglückliche Zweiheit in meiner Natur nicht wäre! Intellectuell bedarf ich Deutschlands, physisch der Sonne, folglich des fernsten Südens oder des Orients, denn das werden Sie mir doch eingestehen – die Sonne scheint in Deutschland nicht recht.«

»Scheint sie hier in Schaffhausen mehr?«

»Wenigstens eben so viel wie anderswo in der Schweiz.«

»Ja,« sprach Otto, der es bei Wladislav immer darauf anlegte, mit ganz ungehörigen Dingen dazwischen zu kommen, »ich finde, man thäte viel gescheidter, sich hier in Pension zu geben, als im Waadtlande, wenigstens die letzten Herbst- und die ersten Frühlingsmonate. Veranlassen Sie doch recht viel Landsleute dazu – wir wollen's auch thun.«

»Man soll sich gar nicht in Pension geben,« schrie Wladislav ungeduldig, »das ist eine moderne Albernheit. Man soll entweder vernünftig zu Hause bleiben oder ordentlich reisen, aber nicht wie Sie sich immer zehn oder zwanzig Meilen weiter von einem Schreibtisch an den andern schieben.«

»Sie haben klug reden,« rief ich, auch ungeduldig. »Wenn man nun kein eigen Haus hat und von zehntausend Hindernissen im ordentlichen Reisen gehemmt wird?«

»Die Zahl ist wieder gigantisch. Sie würden mit Cockley einen ganz harmonischen Dialog führen.«

»Und wo sind Sie denn den ganzen Sommer über gewesen?« fuhr ich fort. »Auch in der Schweiz. Also –«

Er bat schön, ich solle nicht böse sein – ich habe Recht. Dann fragte er mich, wie viel ich an meinem Buche noch zu schreiben habe. Ich antwortete ihm, ich müsse, um die gehörige Form heraus zu bekommen, noch eine meiner Schweizer-Erinnerungen ausarbeiten. Ob ich da nicht eine Novelle von ihm als Schluß annehmen wolle? Sie sei noch nicht ganz fertig – er habe sie, angeregt durch das Geschwätz mit uns, am vorigen Morgen angefangen und in der Nacht so weit gebracht wie sie jetzt sei. Sie spiele im Waadtlande, unter den Heimathlosen, von denen ich doch gehört? »Wer hätte im Waadtlande nicht von den »Hehmathlosen« gehört, wie sie's dort aussprechen,« sagte ich. »Nun gut,« sprach Wladislav, »wollen Sie da meine Erzählung hören? Nämlich, ich erzähle, und Alles ist mir buchstäblich begegnet.« Ich sah ihn lächelnd an. – »Ich betheure es,« sprach er. So hieß ich ihn sein Manuscript holen und wollte sehen, ob es gut genug sein werde, um mir eine Mühe zu ersparen.

Wir hatten etwa noch eine Stunde bis zu Wladislav's Abfahrt. Die Lichter des Dorfes Neuhausen brannten röthlich links in der Senkung diesseits des Rheins, die im Schlößchen Laufen blinkten rechts auf der jenseitigen Erhöhung. Der weiße Fall spielte und rauschte geisterhaft durch die dunkle Nacht. Sonst war die ganze Gegend einsam, das ganze Haus still, und Wladislav las:

Die Heimathlosen.

Ich kam im September vorigen Jahres in Vevey an. Sollt' ich den Winter über am Genfer See bleiben? – ich wußte es noch nicht. Ich kannte ihn schon, ohne je an ihm gewohnt zu haben. Die Luft war nicht blos warm, sondern heiß – das that mir wohl – in Dresden war's so kalt gewesen. Ich will hier bleiben, dacht' ich, als ich in den »drei Kronen« am Fenster meines Zimmers stand. Warum nach Italien? Ist's dein Italien? dein Bilderland? In Neapel, in Sicilien der König gegen Etwas, das Constitution heißt und es nicht ist. In Rom der Radicalismus gegen den armen Pius, welcher hätte der auferweckte Sixtus V. sein müssen, um wollen zu dürfen, was er gewollt. In Mailand unmöglich etwas anderes als Krieg, in Venedig endlich – ja, was war denn in Venedig? Ich konnte nicht wissen, ob Heldenmuth, ob kindische Einbildung. So blieb ich am Genfer See.

Ich empfehle die »drei Kronen«! Sie sind nicht zu theuer für den, der Geld hat, und sehr unterhaltend für den, welcher keine Gesellschaft braucht. Ich brauchte keine, war mir selbst genug, aß auf meinem Zimmer. Nicht daß ich trübsinnig gewesen wäre, melancholisch über die Zeit, wie es eben Mode war. Es hat noch ärgere Zeiten gegeben, wird noch ärgere geben. Die Welt geht eben noch nicht unter, wenn es mit ihr auch einmal drüber und drunter geht. Es ist dergleichen blos ein Ausrecken der gewaltigen Menschheitsglieder, die da Völker heißen. Etwas Geräusch, etwas Störung, dann ist's wieder gut und der wundervoll riesige Organismus vollführt weiter, was zu vollbringen ihn Gott lehrt. Wenn wir an der Menschheit zweifeln wollen, wie wollen wir denn da an uns glauben?

O mein Vaterland, Deutschland, Heimatherde, an deiner Grenze sitz' ich, da ich dieses schreibe! Der Rheinfall rauscht unten – ich bin seines Rauschens schon gewohnt, hör' es nur, wenn ich eben daran denke. Es ist hier fast wie in Deutschland – nein, es ist ganz wie am Rhein, wo er unser ist – Rebenhügel, Wald, Felsen – Alles lieblich, einfach poetisch. Und herüber weht's wie vom Siebengebirg. Und ich bin im Geist auf jenen Hügeln, labe mich an jenen Trauben, sehe, Mondscheinerscheinung, the castled cliff of Drachenfels, sumse vor mich hin von Heine:

Die Luft ist kühl und es dunkelt,
Und unten flimmert der Rhein –
Der Gipfel des Berges funkelt
Im klaren Mondenschein.

O, der Rhein ist ein Heim Heinescher Lieder, wie Heidelberg eines für Uhlandsche, und ich lieb' den grünen Rhein und den hellen Neckar und die blaue Elbe, und du, ganz Deutschland, bist mein Schatz, mein Heiligthum und meine Hoffnung, und böte man mir die ganze übrige Welt dafür, ich vertauschte mein Deutschland nicht.

Einer Brustwunde wegen sollte ich in's Warme. Bei einer Barrikade am Pfingstfeste in Prag hatte ich sie bekommen. Ich war gerade auf dem Hradschin, als es unten in der Stadt anfing. Um nach meinem Hotel zu kommen, mußte ich über mehrere im Bau begriffene Barrikaden. Bei der einen wurde ich angehalten und sollte helfen. Ich weigerte mich; natürlich, wo werde ich? Ein Stoß in die Brust streckte mich nieder – ein wüthender Student war's, der ihn gab. Mit Hülfe einiger minder patriotischen Musenjünger rettete mich ein junger Kurländer, der mit mir war, und – klüger als ich, sich nicht geweigert hatte. Todtkrank lag ich den ganzen Pfingsttag über, während Kleingewehrfeuer, Kanonendonner und Sturmläuten abwechselten – gerade keine angenehme Musik, wenn man in die Brust gestochen ist. Am nächsten Tage mußten alle Fremde aus der Stadt – wie sie mich fortgebracht, weiß ich nicht recht. Aber ich kam auf die Elbe und auf der Elbe nach Dresden, welches seine Barrikaden noch erwartete. Dort genas ich langsam, doch die Brust blieb angegriffen. Und deßwegen saß ich jetzt am Genfer See.

Er ist schön, besonders wenn man ihn nicht zu lange sieht. Manche Gegenden kann man nicht genug sehen – der Genfer See ist keine davon. Doch gefiel mir's recht gut, nur ein Bischen langweilig war's. Gerne wäre ich manchen Tag noch wo anders hin gereist, aber ich wußte nur nicht wohin. Ausdrücklich war mir die Politik untersagt, damit ich mich nicht aufregen möchte, und wo konnte ich hoffen ohne Politik zu leben, wenn nicht in der Schweiz, die gerade ruhig war? So schickte ich mich denn in Geduld, las was ich eben fand, und ging spazieren, wenn es nicht allzu heiß war.

Bald wurde es mir öfter etwas zu scharf, dann saß ich am Fenster, sah den See blau sein, grau, grün, schwarz und dann wieder blau werden, und hatte Gedanken, bisweilen dumme, manchmal aber auch recht vernünftige.

Auf meinen Spaziergängen unterhielt ich mich öfter mit den Bewohnern der vielen kleinen Dörfer, die von Vevey nach Villeneuve zu liegen. Die Leute waren prosaisch, aber auch recht vernünftig, und interessirten mich, wie etwas Gleichgültiges interessiren kann.

Eines Tages erzählte mir ein junger Mensch von einem Diebstahle, der in Clarens begangen worden. Eine Uhr oder dergleichen. Die Heimathlosen sollten es gewesen sein.

»Die Heimathlosen?« fragte ich, überrascht durch das deutsche Wort in dem französischen Munde.

»Ja, Monsieur, so nennen wir die Leute, welche keine Papiere haben und deßwegen überall vertrieben werden.«

»Und wo sind sie denn da?«

»Dort oben, in den Wäldern gegen Freiburg zu.«

»So duldet man sie hier im Canton?«

»Ja, Monsieur, man kann sie doch nicht fortjagen.«

»Wenn man es überall thut –« sagte ich ironisch.

»Irgendwo müssen sie doch bleiben können,« meinte der junge Mensch.

Ich lobte die Menschenfreundlichkeit des Cantons und fragte dann: »Aber wovon leben sie?«

»Sie machen Körbe und andere Dinge – betteln, stehlen.«

»Kommen sie in die Kirche?«

»Nie.«

»Aus welchem Stamme sind sie?«

»Man weiß es nicht.«

»Woher sind sie gekommen?«

»Man weiß es auch nicht. Wir nennen sie die Heimathlosen.«

Die Heimathlosen – die Zigeuner sind heimathlos. Waren die Heimathlosen in den waadtländischen Gebirgen Zigeuner?

Ich fragte rechts und links. Kein Aufschluß. Die Waadtländer sind so gelassen über Alles, was nicht entweder sie selbst, oder Kaiser und Könige betrifft. Immer bekam ich dieselbe Antwort: »Man weiß nicht, wer sie sind, man weiß auch nicht, woher sie kommen – wir nennen sie die Heimathlosen.«

»Kommen sie denn nie herunter?« fragte ich eines Tages ungeduldig, »da sie doch ihre Körbe verkaufen –«

»Diesen Morgen ganz früh war eine Frau von ihnen hier,« antwortete mir der dümmste der sehr dummen Kellner.

Ich war sehr verdrießlich. Es war nun schon tiefer Spätherbst – die »drei Kronen« langweilten mich bereits etwas – eine Heimathlose wäre mir eine Zerstreuung gewesen. Der Kellner erhielt den ausdrücklichen Befehl, jedes sich zeigende Individuum dieser geheimnißvollen Kaste zu mir zu führen, und wäre es auch um fünf Uhr Morgens. Der Kellner sah noch dümmer aus als gewöhnlich – er wunderte sich.

Acht Tage gingen hin. Nicht ein Heimathloser. »Unerträglich!« rief ich am neunten Tage. Ich will es nur gestehen – ich vegetirte in einer trostlosen Einförmigkeit, und es ist kaum glaublich, wie sich bei einem solchen Zustande alle Gedanken krankhaft auf einen Gegenstand heften können. Meine Ungeduld wurde wirklich nervös. Die Heimathlosen reizten mich, peinigten mich, ließen mir keine Ruhe. Ich wollte zu ihnen, da sie nicht zu mir kamen. Entschlossen erkundigte ich mich nach dem Wege.

»Erlauben der Herr Graf,« sagte der Kellner, »Sie werden doch nicht dieses Gesindel besuchen wollen?« Der Kellner war – ein Landsmann von mir.

»Warum denn nicht?« fragte ich kurz.

»Das Gesindel ist sehr unsicher.«

»So?«

»Ja gewiß – es ist ihm nicht zu trauen.«

»Wie der Bauer von der Viper sagte,« murmelte ich, an Shakespeare denkend. Dann dankte ich dem Kellner für seine Warnung und versprach ihm, mich in Acht zu nehmen. Den andern Morgen steckte ich meine Pistolen ein, aber nur wenig Geld, ließ mir noch einmal die Richtung andeuten, in welcher die Heimathlosen hausen sollten, nahm eine Tasche mit Brod und Wein um und machte mich auf.

Meine Brust war nun wieder so weit gut, daß ich diese Entdeckungswanderung wagen durfte. Und hätte ich auch gewußt, daß es mir schaden würde, ich hätt' es doch gethan.

Die Gegend werde ich nicht erst beschreiben. Von jeher sind mir die Localitätsschilderungen unausstehlich gewesen. Was kann dem Leser daran liegen, ob, während eine Begebenheit vor sich geht, rechts der und der Fluß, links die und die Stadt und im Hintergrunde das und das Gebirge zu sehen gewesen? Vielleicht versteh' ich es nicht, aber ich kann nun einmal dergleichen in sein sollende Poesie übersetzte Landkarten nicht leiden und sage von der Gegend nur ganz schlechtweg, daß sie aus Gebirgen und Tannenwald bestand. Abgestorbene Bäume hie und da, bisweilen Felsen, Bäche, manchmal ein wenig Gefahr auf den überschwemmten Steinen – es waren unermeßliche Regen gefallen, auch Schnee hatte es hier oben schon gegeben. Tiefe Stille, völlige Einsamkeit – die letzten Sennhütten waren längst hinter mir geblieben – kein rüstiger Waadtländer kam mir mit einer Holzladung oder einem Baumstamme entgegen – ich stieg allein im menschenleeren Walde hinan.

Menschenleer – war er's? Die Heimathlosen sollten ja hier horsten wie die Raubvögel, sich verbergen wie die Schlangen? Noch hatte ich indessen keine Spur von ihnen entdecken können.

Da plötzlich zwischen hohen Tannen eine kleine Strecke Schnee wie ein glatter Teppich, und darauf, in das Dickicht hineinführend, frische, tief eingedrückte Fußstapfen.

Ich war, wo ich sein wollte, sah, was zu suchen ich hier herauf gekommen war.

Warum hemmte ich meinen bisher raschen Gang?

Mein Herz hatte eine stärkere Bewegung angenommen. Fürchtete ich mich? An der Barrikade, umbrüllt von tobenden Schwachköpfen hatte ich nur Verachtung empfunden, hier – schauerte mich.

Wenn wir auf uns allein angewiesen sind, einer zugleich ungewissen und möglichen, zugleich sichtbaren und räthselhaften Gefahr gegenüber – es ist das ein eigenes Gefühl. Die Civilisation verwöhnt uns so sehr, immer auf den Beistand außer uns zu zählen, welcher Gesetz heißt, daß es uns wohl seltsam zu Muthe sein darf, wo er nicht ist. Die Amerikaner behaupten sogar, wir Deutschen riefen, ehe wir uns unserer Haut zu wehren wagten, immer erst pflichtgehorsamst nach der hohen Polizei. Das ist bei mir wenigstens nicht der Fall gewesen – gerieth ich beim Berliner Carneval etwa in eine Schlägerei, so gebrauchte ich meine Hände tüchtig. Man warf mich hinaus, doch nicht ungerächt. So konnte ich mich denn ziemlich auf mich verlassen, allein hier handelte es sich um etwas mehr, als den Berliner-Schönen auf die wunderbare Manier, wie man sie vielleicht nur dort kennt, den Hof zu machen.

Mein Vorrath war noch unangetastet. In einer Sennhütte hatte ich für einen Frank ein Alpenfrühstück eingenommen, wie die Schweizer Schriftsteller es seit zweihundert Jahren auf deutsch und lateinisch gerühmt haben: Honig, Brod, Butter, Käse und Crême; denn nie bekommt man Milch, immer nur Crême. Meine Tasche war also voll, und ich setzte mich auf einen Baumstrunk, brach Brod und trank aus meiner Flasche. Kraft wollt' ich gewinnen für jeden Fall – der Gesättigte hat Muth; der Hungrige, welcher friert, schwerlich.

Der Himmel war fahl, die Luft nicht rauh, aber feucht, durchfröstelnd, um mich her Einöde, mir zur Seite die Spur der Fußstapfen.

Ich aß mein Brod ungewöhnlich langsam, als hätte ich keine gute Zähne mehr. Endlich schämte ich mich, stand auf und dachte: »Nun ist's wahrlich Zeit. Im Schweiße deiner Stirn hier herauf zu klettern, um hier auf einem alten Baume sitzen zu bleiben und trocknes Brod zu essen – es wäre eine Schande, die nicht mehr zu verlöschen wäre. Die Heimathlosen sind ja eben nichts mehr als arme Korbmacher und dergleichen – an's Todtschlagen werden sie, weiß der Himmel, nicht denken, vielleicht dein Geld dir abbetteln – gut, dazu hast du's ja mitgenommen. Und wollten sie etwas Anderes, gut, so wolle du dich tüchtig wehren, und nun vorwärts.«

Ich folgte der Spur, drang langsam und vorsichtig weiter in das Gebüsch ein. Verwirrt war's wie kraus Haar. Die Zweige schlugen mich in die Augen, streiften mir beinah die Mütze vom Kopfe. Der Nachtreif hing hier noch an den Nadeln, kalte Tropfen fielen in mein Haar, auf meine Stirn. Naß geworden und doch erhitzt erreichte ich endlich eine Lichtung. Eine Hütte stand da, ein Hund schlug an. Die Hütte war ein Dach von Tannenreisern auf einem Viereck von Stämmen und Zweiggeflechten. Auf einer Skizze hätte sie sehr malerisch ausgesehen, in der Wirklichkeit war sie buchstäblich ein Wohnplatz der Armuth. Desolation, anders kann ich keinen Ausdruck finden für sie selbst und ihre Umgebung von Tannen, Gestrüpp, etwas Reisholz und einigen Krautköpfen. Ja, Krautköpfe waren da, und Kartoffeln mußten auch da gewesen sein, denn ich sah ein Paar auf dem bischen Acker liegen, wozu die Lichtung benutzt war. Diese paar Kartoffeln, dieses umgewühlte Erdreich trösteten mich in der Seele, nicht meinetwegen – ich fürchtete Nichts mehr – nein, wegen des Bewohners der Hütte. Oder hatte sie Bewohner, diente sie einer Familie Heimathloser als Heimath?

Heimath – was ist Heimath? Die Heimath habt ihr auf jeder Erde, unter jedem Schatten – wo ihr wohnt. Die Heimath ist nicht der Geburtsort, nicht das Vaterland, sie braucht selbst nicht ein eigenes Haus zu sein, sie ist – der eigene Heerd. Wo dessen Feuer flackert oder glimmt, wo dessen Rauch aufwirbelt oder sich niedersenkt, da ist die Heimath.

Ich wollte sehen, wer hier seine Heimath hätte. Der Hund, der kleine, graue, braune, gelbe, struppige, nackte Hund, ein Nondescript, für welches ich keine andere Benennung weiß, als das gutmüthig schimpfende »Köter«, kauerte mißtrauisch vor dem Brette, welches als Thür diente. An meiner Kleidung erkannte er mich für einen Eindringling. Zu bellen wagte er nicht, aber knurrend schielte er zu mir empor, als ich an der sogenannten Thür pochte.

»Entrez!« sagte es von innen.

Ich drückte das Brett zurück, bückte mich und trat in das Zweighaus. Ein Mann saß da und schnitzelte. Italienische Figur und Physiognomie. Ohne aufzustehen, maß er mich mit einem festen Blick, dann schnitzelte er weiter. Doch sah man, daß diese Gleichgültigkeit nur gemacht war.

»Parlate italiano?« fragte ich.

»Si, Signore,« erwiederte er.

Ich hatte etwas von Verirren u. s. w. vorbringen wollen, doch von diesem Menschen fühlte ich instinktmäßig, er werde mich durchschauen. So sagte ich denn: »Ich komme, um Euch zu besuchen.«

Ein mißtrauisches Runzeln der Augenbrauen, ein augenblicklicher stechender Seitenblick.

»Nicht Euch persönlich,« beeilte ich mich hinzuzusetzen. »Die Heimathlosen.«

Das Gesicht wurde wieder italienisch gleichgültig.

»Ihr gehört auch zu ihnen?«

Gemessenes Kopfneigen.

»Ihr seid aus –«

»Hier geboren, Signor.«

»Aber der Vater?«

»Der Vater? Aus Toscana.«

»Und hierhergekommen – wann?«

Der Mensch faßte mich wieder schärfer in's Auge. Ich sah, daß er meine Fragen unverschämt fand.

»Erlaubt mir, daß ich mich ein wenig zu Euch setze,« sagte ich einlenkend. »Ich bin ermüdet, weit hergekommen.«

Er rückte etwas weiter auf seiner Bank, so daß Raum für mich wurde. Ich setzte mich, wirklich angegriffen.

»Von Vevey?« fragte nun er.

Ich bejahte.

»Der Signor wohnt dort?«

»In den Kronen.«

»Wegen der Gesundheit?«

Ich zuckte die Achseln.

»Warum steigt da der Signor in solchem Wetter so weit herauf?« fuhr er mit halbem Lächeln fort.

»Wie ich Euch sagte – um Euch zu besuchen.«

Das Lächeln auf seinen Lippen wurde deutlicher. Er schien mich für thöricht zu halten. Nach einigen Secunden sagte er humoristisch: »Bei uns ist doch wenig zu finden.«

»Auch begehre ich Nichts, als Euch kennen zu lernen.«

»Uns Alle?« antwortete er zweideutig.

»Seid Ihr nicht Alle –« forschte ich.

»Ehrlich?« ergänzte er. »O gewiß, Signor. Aber sonderbar – sonderbar, ein klein wenig excentrisch. Man läßt uns ungestört.«

Das war verständlich. Ich blieb jedoch sitzen. Saß ich einmal neben einem Heimathlosen, wollte ich ihn auch durchforschen, wenn es mir gelang nämlich.

Es schien mir nicht gelingen zu sollen. Der Mensch neben mir war wie versiegelt. Absichtliche Ruhe ganz und gar, und dabei ganz und gar ruhig in der Absicht, mich fortzuschicken.

Denn als er sah, daß ich mich nicht rührte, stand er auf und fragte: »Soll ich den Signor vielleicht ein Stück hinunterbegleiten? Vielleicht könnte der Signor den Weg hinunter doch verfehlen, wenn er ihn hinauf gleich gefunden hat.«

Auf dieses im reinsten Toskanisch gemachte Anerbieten ließ sich dann eben Nichts erwiedern. Mißmuthig stand ich auf. »Da bin ich so weit hergekommen,« sagte ich, »mit den besten Gesinnungen hergekommen, die sich denken lassen, und Ihr gönnt mir nicht einmal fünf volle Minuten Ausruhen unter Euerm Dache.«

»Mein Dach ist ein armes Dach,« erwiederte er demüthig spöttisch, »und es schickt sich nicht, daß ein solcher Signor darunter verweile.«

»Aber warum wollt Ihr nicht, daß wir besser bekannt mit einander, daß wir Freunde werden? Ich würde so gern Etwas für Euch thun.«

»Danke, Signor. Freundschaft ist nur zwischen Gleich und Gleich, nicht zwischen einem Reichen und einem Heimathlosen. Wollt Ihr mir Etwas geben, so werd' ich's dankbar annehmen, denn ich wäre ein Narr, wenn ich den Stolzen spielen wollte; aber von Freundschaft redet nicht und kommt auch nicht wieder.«

Der Mensch sprach italienisch höflich, aber bestimmt. Es klang gerade, als glaube er sich mir überlegen. Ich zuckte verächtlich die Achseln. »Wenn Ihr's denn so wollt – ich werde Euch nicht bitten.«

Damit reichte ich ihm das Geld, welches ich aus meiner Börse in die Hand geschüttet. »Gott segne Euch, Signor,« sagte er freimüthig, mit sichtlichem Vergnügen. »Da nehmt auch das noch,« sprach ich milder, zog den Rest des Brodes und die noch halb volle Flasche hervor und bot ihm Beides. Ueberrascht blickte er mich einen Augenblick an und sprach dann mit Rührung: »Erlaubt mir, Euch bei der Hand zu fassen, Signor. Wer mir Geld giebt, der ist mein großmüthiger Wohlthäter; aber wer sein Brod mit mir theilt, der erkennt mich für seines Gleichen, für einen Menschen. Das habt Ihr gethan, Signor, und nun befehlt über mich. Was Ihr zu wissen wünscht, – wenn Pietro es Euch sagen kann, so sollt Ihr es erfahren.«

Aber ich sah nach dem Himmel, wo er über der Lichtung sichtbar war. Der Abend brach bereits herein, und ich hatte noch mehrere Stunden bis hinunter, ja, wer wußte, ob ich Vevey noch vor der Nacht erreichen konnte. Das sagte ich meinem Heimathlosen, den ich nun wenigstens bei einem christlichen Namen nennen konnte. Abermals, und jetzt eifriger als vorher, erbot er sich, mich zu führen, einen kürzeren Weg, einen vortrefflichen Weg. Der Signor würde sehen. Jetzt nahm ich seine Begleitung gern an. Ich fürchtete keine Begegnung, aber einen möglichen Fehltritt, ein Ausgleiten, einen gebrochenen oder doch verstauchten Fuß. Treu meinem Grundsatz, mich vor allem unnöthigen Schaden vorzusehen, wollte ich mich lieber führen lassen, als romantisch allein verunglücken. Pietro lief zu seinem Hunde, streichelte ihn, gab ihm den ersten Bissen von dem Brode und gebot ihm, sich vor die Thür zu legen und das Haus zu bewachen. Der Hund begriff sicherlich die Wichtigkeit und das Ehrenhafte dieses Auftrages – er streckte sich mit der Majestät eines Löwen vor der sogenannten Thür hin. Pietro legte neben ihn noch drei Bissen Brod, das übrige fing er selbst an zu essen. Den Wein hatte er Anfangs verwahren wollen, ohne davon zu nehmen; vermuthlich sollte das gute Getränk in einer recht ruhigen Stunde mit dem gehörigen Behagen genossen werden. Aber als er an die Thür gelangt war, hielt er still, erhob die Flasche und besah den Wein mit einem Liebesblicke. Ich nahm seinen Kampf mit sich selbst wahr und hieß ihn trinken – er solle in Vevey mehr erhalten. Hurtig und vergnügt trank er nun, doch nur in kleinen Zügen. Mir schmeckte es mit. Als kein Tropfen mehr aus der Flasche herauswollte, machte er ihr ein komisch-wehmüthig Gesicht; dann wischte er sich den Mund, sprang zu mir zurück, verbeugte sich und erklärte sich für bereit zu meinen Diensten, und nicht nur für jetzt, sondern in alle Ewigkeit. Der Mensch war wie umgewandelt. Vorher ein Grande des Waldes, jetzt ein großes Kind. Auch jünger dünkte er mir jetzt um Vieles. Für einige dreißig hatt' ich ihn gehalten – er war erst zweiundzwanzig Jahr. »Man hungert manchmal – das macht alt,« sagte er, aber ganz vergnügt, ja, mit wahrer Komik. Seiner Laune nach war das Heimathlosendasein eine Shakspeare'sche Comödie, wunderlich, aber ganz gleich gemischt aus Lust und Wehe. Gewiß wenigstens keine Tragödie des Elends, und am allerwenigsten eines jener Proletariats-Dramen, woran sich jetzt so viele stumpfe Federn versuchen, ohne irgend etwas einzuernten als ein mäßiges Honorar, oder irgend etwas anzustiften als eine unermeßliche Langeweile.

Pietro stieg hinab und ich folgte durch das Doppeldunkel des Waldes und des Abends, auf Pfaden, die außer ihm vielleicht nur Kinder beim Beerensuchen aufgefunden hatten. Und dennoch nicht nur furchtlos, sondern völlig vertrauungsvoll, so sicher, gut geleitet zu werden, wie ich sonst als Kind unserm alten treuen Kammerdiener gefolgt. Es liegt eine heilige Brüderschaft im Theilen des Brodes – Pietro hatte mir nicht umsonst so herzlich gedankt, und ich konnte mich ihm unbedingt überlassen.

Aber das Unternehmen war für meinen Gesundheitszustand ein tolles gewesen – das sah ich ein, als ich endlich um zehn Uhr wieder in Vevey anlangte. Zwölf Stunden fast immer auf den Füßen und noch dazu gestiegen, entweder hinauf oder hinunter – ich fühlte mich wie entzwei, der Frost der Ueberreizung blieb auch nicht aus – ich mußte mich legen, doch nicht ohne für Pietro ein Abendbrod nebst einer Flasche Wein befohlen zu haben. Er verzehrte die für ihn märchenhafte Anrichtung in meinem Zimmer und machte dabei ein fürchterliches Geräusch. So hatte ich noch nie essen hören – ich dankte dem Himmel, als er sich für gesättigt erklärte und was noch vorhanden war, in die einzige Tasche steckte, die er an seinem Kittel hatte. Er versicherte mir, es sei für das arme Hündlein, für den Liebling, den er allein habe lassen müssen, um dem Signor zu dienen, wie es seine Schuldigkeit gewesen, setzte er mit tiefem Ernst hinzu. Eigentlich beabsichtigte ich ihm noch eine Flasche Wein mitgeben zu lassen, aber bei näherer Ueberlegung hielt ich es für rathsamer, ihn nicht gleich zu verwöhnen und dadurch überbegehrlich, wenn nicht gar schlimm zu machen. Er hatte heute schon Geld, zwei Mal Wein, ein Abendessen erhalten und außerdem mich noch zum Freunde – das war genug – ich entließ ihn mit meinem Dank, meinen guten Wünschen. Mit ganz unnöthiger, und eben darum erheiternder Feierlichkeit gelobte er, morgen wieder bei seinem Gönner und Herrn, dem edelmüthigsten aller christlichsten Cavaliere, zu sein. Ich hieß ihn auch seinen Hund mitbringen; er dankte für die Ehre, welche ich dem armen Thiere erwiese, aber, setzte er wichtig hinzu, er muß durchaus oben bleiben und unser Haus bewachen. Ich hatte es schon bemerkt – er redete von sich und dem Nondescript, welches nebenbei gesagt, Tiger hieß, immer in der Mehrheit.

Diese Nacht hatte ich tüchtiges Fieber, aber für den nächsten Tag keine Langeweile zu befürchten. So war ich dann musterhaft in der Geduld.

Pünktlich kam am andern Morgen Pietro an, dermaßen pünktlich, daß ich, ermattet von der bösen Nacht, noch im tiefsten Schlafe lag. Getreu dem vor elf Tagen erhaltenen Befehl weckte der Kellner mich auf. Ich fluchte sowohl über den Kellner wie über meinen Heimathlosen. Aber Pietro zeigte eine so wahre Freude, seinen groß- und edelmüthigen Gönner wieder zu begrüßen, daß ich nicht böse bleiben konnte, sondern ihm Frühstück geben und mir seine Geschichte erzählen ließ.

Das war eine Vagabonden-Novelle trotz einer, so gut, so frisch, so bunttoll und tollbunt, wie gewiß keiner unserer Schriftsteller sie erfinden könnte, wer weiß sogar, ob ein englischer.

Ich schreibe sie nicht nach – ihr würden zu sehr die schwarzen Augen fehlen, welche, wetteifernd mit dem überströmenden Munde, sie erleuchteten, ihre Schatten schwärzer und ihr Helles greller machten. Nur so viel, daß Pietro's Vater in Neapel erst Priester und dann Bandit gewesen, dann da und dort gegaunert hatte, überall gehetzt, verfolgt, verjagt worden war. Endlich hatte er sich ins Waadtland geflüchtet und hier »niedergelassen«, wie Pietro emphatisch sagte. Ein Weib sei mit ihm gekommen, hätte –, gesegnet sollte sie sein! – unter dem Dache, welches ich kannte, Pietro geboren. Pietro würde ungern den Glauben preisgegeben haben, daß sie eine der ersten Familien der »Niederlassung«, vielleicht gar die älteste seien. Aristokratie auch unter den Heimathlosen! Ich lachte –, Pietro sah ernstlich aus; ich entschuldigte mich, er wurde wieder freundlich. Großen Werth legte er darauf, daß er lesen und schreiben könne. Sein Vater habe ihm die gebührende Erziehung gegeben, meinte er mit nicht geringer Genugthuung. Um es mir zu beweisen, holte er aus seiner Tasche einen beschmutzten, aber vollständigen Ariosto hervor und las mit feuriger Declamation einige Ottaven.

Ich unterbrach ihn, um ihm allerlei Vorschläge für ein Einbürgern in unsere Welt zu thun. Mit großer Demuth hörte er mich an, begleitete Alles, was ich sagte, mit seinem Beifall, erschöpfte sich in Danksagungen und am Ende kam es doch heraus, er wolle bleiben, wo und wie er sei. Es werde nicht recht gehen, meinte er bedenklich. Er verstehe Nichts, sei zu alt und zu dumm Etwas zu lernen. »Vielleicht auch zu träge,« bemerkte ich mit einiger Strenge. »Vielleicht« – er gab es mit schmerzlichem Bewußtsein seiner Unwürdigkeit zu. »Wenn man nicht geboren ist zu etwas, ist's sehr schlimm, Signor«, sagte er kläglich. »Aber, Pietro, Ihr werdet dann nie mehr Hunger haben.« – »O, Signor, der Hunger kommt selten, selten, und es ist immer besser, bisweilen einen Tag zu hungern, als alle Tage thun zu müssen, was uns nicht gefällt«. Damit küßte er mir die Hand, bat mich, nicht auf ihn erzürnt zu sein, und ich konnt' es nicht. Er war so con amore Vagabond, Heimathloser – es wäre Grausamkeit gewesen statt Güte, ihn zu einer ordentlichen Existenz zu zwingen. Was seine Festhänglichkeit an sein sogenanntes Haus noch vermehren mochte, war, wie ich erwähnte, die Erinnerung an einige unschuldige Fehltritte, begangen auf dem Markt des Lebens und angemerkt von der bête noire der Amerikaner, der Polizei. Denn Pietro's Füße hatten die Grenzmarken der Civilisation überschritten – er war mit seinem Vater und allein einige Male zu kleinen Besuchen in Italien, Savoyen, der übrigen Schweiz gewesen, aber wie ich denke, nicht immer mit besonders gutem Gewissen wieder in sein Waldasyl zurückgehuscht. Wenigstens zeigte er gar keine Lust, sich legitim bei Tageslicht und Angesichts der Menge sehen zu lassen.

»Nun wohl«, sagte ich, als ich meine Ueberredungskünste vergeblich fand, »thut wie Ihr wollt, aber bei denen, welche Ihr Eure Leute nennt, werde ich nichtsdestoweniger versuchen, sie für etwas Besseres als die Heimathlosigkeit zu gewinnen.«

Pietro wiegte bedächtig den Kopf, nahm seinen klugen Blick an und antwortete: »Ich zweifle, daß sie wollen werden – ich bin gewiß, daß sie nicht wollen werden.«

»Aber was habt Ihr in Euren Wäldern, auf der rauhen Erde, unter dem oft mitleidlosen Himmel?«

»Ihr sagt's, Signor, wir haben die Wälder, die Erde und den Himmel – wir haben die Freiheit. Wir schlafen, wann wir wollen, lachen und weinen, wann wir wollen. Das ist viel. Es giebt in Eurer Gesellschaft tausend Fesseln, von denen eine einzige uns die ganze Welt mit allem ihrem Golde zum Gefängniß machen würde. Ihr seid's gewohnt, diese Ketten als Schmuck zu tragen – wir würden das nicht verstehen. Wundert Euch nicht, mich so reden zu hören. Wir flechten nicht blos Körbe, fangen nicht blos Vögel – wir denken auch nach und verständigen uns über unsere Gedanken. Auch haben wir einige Studirte unter uns, die – irgendwie unglücklich gewesen sind. (Also dieser zarte Ausdruck auch hier gebräuchlich.) Von denen lernen wir, wie es in der Welt zugeht,« fuhr Pietro fort, »und, Signor, verzeiht mir, es geht nicht immer so schön zu, daß man Euch beneiden möchte. Ihr werdet auch uns nicht beneiden – das ist natürlich, noch mehr, Euch muß unser Zustand schrecklich dünken, und weil Ihr ein gutes Herz habt, möchtet Ihr ihn ändern. Aber glaubt mir, am besten ist's, Ihr lasset uns, wie Ihr uns findet.«

Da hatte ich die Philosophie des Heimathlosen. Ich konnte mich nicht überzeugen, daß sie auch die der übrigen Zweihundert sein sollte – so viel dieser Horster in den Wäldern giebt es, wie man mir sagt. Gewiß waren unter ihnen welche, die an Zurückverlangen nach dem bürgerlichen Dasein litten, für welche diese gepriesene Freiheit, zu jeder Stunde schlafen zu können, nicht mehr und nicht weniger war, als ein ungeheures Gefängniß, in welches das Elend sie eingeschlossen.

Sobald ich also wieder gesund war, kehrte ich zu meinem Vorhaben zurück, die Heimathlosen kennen zu lernen. Nur machte ich mich von nun an nicht mehr zu Fuße auf, sondern ritt morgenländisch auf einem Esel. Man ist hier solcher Reiterei gewöhnt; die Jungen liefen mir nicht nach, obwohl meine langen Beine von dem kleinen Thier beinah bis auf den Boden reichten.

Dieser gute Graue nun trug mich in die Schlupfwinkel der Heimathlosen; wohin Pietro mich geleitete – er wußte sie alle. Ich wurde meistens gut empfangen – von Gefahr war nie die Rede, wenigstens glaub' ich es nicht. Tiger trabte immer mit uns. Ein Schloß verwahrte jetzt das Haus – Tiger brauchte nicht mehr zurückzubleiben. Das Nondescript hing unbeschreiblich an mir – er konnte, leider, nicht mit dem Schwanze wedeln, weil er keinen hatte, aber es war eben so gut, als thäte er's.

Manchmal, wenn wir einherzogen in den winterlichen Bergen, ich auf dem Esel, Pietro mit Stock und Provianttasche neben mir und der unbeschreibliche Tiger vor uns, manchmal fragte ich mich, ob ich's wirklich sei. Aber ich war's.

Im Hotel, glaub' ich, hielten sie mich für ein wenig verrückt, wenn nicht für ganz und gar. Anfangs machte man mir Vorstellungen über das, was ich wage – selbst der Wirth ließ sich herab: Mais, monsieur! zu mir zu sagen. Ich gab ihm Recht, bedankte mich und war den nächsten Tag wieder mit Pietro auf den Wegen der Abenteuerlichkeit.

Waldzauber, Waldeinsamkeit, Wildheit, Vagabondenthum – ich fing an, das Alles zu begreifen. Nicht daß ich mich verlockt fühlte, auch Waldmensch, oder was gleich ist, Heimathloser zu werden, dazu war ich zu sehr, um mit Immermann's Münchhausen zu sprechen, das gebildete Kind gebildeter Eltern. Aber ein scharfer, eigener Reiz lag in diesem Verkehr mit dieser Horde, die mitten in Europa ohne Gott, Gesetz und Obrigkeit lebte. Ohne Gott – das muß ich zurücknehmen. Gott war mit ihnen in ihrem Walde. Sie beteten zu ihm, die Einen so, die Andern so.

Und wer waren sie dann? Waren's Zigeuner, Heiden, Christen, Verbrecher, Herumtreiber, Verfolgte?

Sie waren das Alles, und waren das Alles nicht – sie waren Heimathlose.

Ein verwitterter Knäuel dunkler, wunderbarer Existenzen.

Die Prosa des Elends.

Die Poesie der Armseligkeit.

Gemeinheit und wieder manchmal Melancholie.

Voll Rohheit und voll Weichheit.

Seelen zum Schaudern und zum Weinen.

Unwissend über sich selbst wie Findelkinder, verschwiegen über sich selbst, wie das böse Gewissen.

Dennoch hörte ich viel. Wäre ich Schriftsteller, hätte ich studiren können.

Epopöen der Schuld hört' ich.

Elegieen des Mangels an Allem, nicht nur an Brod, auch an Gottes Wort.

Die kaum eine Tradition über sich kannten, waren mir die liebsten – die Studirten dagegen sehr zuwider. Sie sprachen so viel, waren so erhitzte Ankläger der ganzen Menschheit und so weitschweifige Vertheidiger von den schlechtesten Bruchstücken derselben, von sich selbst. Dabei hatten sie immer so ungeheuer viel zu heischen. Ich hätte ein Rothschild im Kleinen sein müssen, um sie befriedigen zu können. Was meine Mittel nicht überstieg, that ich. Aber bekennen muß ich, daß ich in ihnen wahre Contrebande nach Amerika versendete.

Ob »Uncle Sam« nicht ein Mal protestiren wird gegen die tausend socialen Ueberflüssigkeiten, welche wir ihm so freigebig aufbringen.

Gerade für Diejenigen, die ich unter meinen neuen Freunden am liebsten gewonnen, konnte ich am wenigsten thun. Ihr Geschick war fertig, ihr Gemüth hineingewachsen. Einige Kinder übergab man mir – was aus denen zu machen ich hoffen darf, würden die Tage lehren, die noch kommen sollen. Bei den Großen wär' ich mir, um abermals mit Immermann's Münchhausen zu reden, wie ein Ziegenbock vom Helikon vorgekommen, hätte ich irgend mir einbilden können, sie auch nur halb zu civilisiren.

Ich kaufte meinen Ausgestoßenen ein paar Ziegenböcke und dazu Ziegen. Was diese Thierchen brauchten, konnten sie sich immerhin ohne Gesetzverletzung von den Bäumen und Felsen nehmen. Webstühle, Decken, Flachs, Kessel kaufte ich auch – für wenig Geld möblirte ich meine Heimathlosen königlich.

Aber sie liebten mich auch! Messias hieß ich ihnen, Herr, Freund. Die Welt war in mir zu ihnen gekommen, und Gott sei Dank, wenigstens nicht lieblos.

Eine einzige Hütte hatt' ich noch nicht betreten. Sie war größer, etwas fester gebaut als die übrigen Wohnungen, aber immer verschlossen. Die Heimathlosen sagten mir: dort wohnten die Einsiedler.

Ein Mann und eine Frau, erfuhr ich weiter. Sie lebten ganz geschieden von den sie Umwohnenden. Beide waren nicht mehr jung. Die Frau müßte schön gewesen sein, meinte Pietro, wenigstens fein, sehr fein.

»Woher könnt Ihr das sehen?« fragte ich. »Trägt sie sich gut, haben sie's besser als Ihr?«

»Nein, eher sind sie noch ärmer; aber die Frau sieht Euch so an, bewegt die Hand so, wie nur vornehme Damen es thun. Signor, ich verstehe mich darauf, seit ich in Genua vornehme Damen gesehen habe.«

Das natürlich machte mich neugierig. Ich bat Pietro, dem Manne von mir Dienstleistungen anzubieten. Pietro brachte mir einen Dank und eine Ablehnung.

Ein vornehmes, stolzes Unglück, dachte ich, und meine Gedanken waren in der Hütte.

War's nicht meine Pflicht, dort einzudringen? Wenn ich vielleicht eine unerträgliche Lage beenden konnte –

Aber wenn ich im Gegentheil vielleicht noch mehr verstörte?

Das Hausrecht ist mir immer noch um Vieles natürlicher und ehrwürdiger vorgekommen, als jedes andere. Wenn ich in meinem Hause nicht thun darf, wie mich's dünkt, wo soll ich's da dürfen? Versteht sich von selbst nur nach dem Gesetz.

So wagte ich denn nicht, dieses Haus zu verletzen, untersagte mir selbst die Neugier und fing nach und nach auch an, mich wieder nach etwas Anderm zu sehnen. Ich muß zu einem thätigen Leben geboren sein, so schnell verzehr' ich alle Interessen, die sich mir darbieten.

Da erhielt ich eines Tages durch Pietro einen Brief »von der Frau aus der stillen Hütte«, wie er ausdrucksvoll sagte.

Hastig, wie noch nie einen Liebesbrief, machte ich das nothdürftig zugeklebte Blatt auseinander und las in deutscher Sprache:

»Herr Graf!

»Verzeihung, daß ich schreibe. Sie haben zu uns kommen wollen und sind nicht angenommen worden. Jetzt komme ich zu Ihnen – werden auch Sie mich zurückweisen?

Nicht ich bin es, welche die großmüthig dargebotene Hand zurückgestoßen. Er that es, Er, für den ich keinen Namen weiß; denn jeder Name, den ich ihm geben würde, wäre eine Schande für mich. Doch ja, meinen Kerkermeister will ich ihn nennen.

Morgen geht er fort. Ich erwarte Sie. Werden Sie kommen? Es hängt von Ihnen ab, ob verzweifeln oder gerettet werden soll

Feodora Freiin von S.«

Ich hielt den Brief ganz erstarrt in meinen Händen und sah noch immer hinein, nachdem ich ihn schon lange gelesen hatte. Ich kannte die Frau, die mir schrieb – sie war aus Berlin – eine Jugendfreundin meiner Mutter. Von ihrem Schicksale nachher, jetzt nur so viel, daß ich ihrer Aufforderung hätte Folge leisten müssen, selbst wenn ich mich nicht freiwillig zum Bankier aller Heimathlosen gemacht gehabt. Sie hatte an mich ohne Adresse geschrieben, mein Name war in den Bergen nicht bekannt, nur meine Person und mein Geld. Was wird sie sagen, wenn ich mich ihr nenne? dachte ich. Doch sie schien »to take it coolly« wie Jacob Faithful sagt. Ihr Brief mißfiel mir ungemein. So ganz und gar theatralisch, und das von einer Frau, die wenigstens gegen funfzig Jahr sein mußte. Und wie sie nur dort hinauf und hineingerathen sein mochte? – Was ich von ihrer Geschichte wußte, war schon nicht sehr erbaulich, aber noch widerlicher mußte der Fortgang derselben sein. Indessen noch ein Mal, entziehen durfte ich mich ihrer Aufforderung nicht, und so stieg ich den andern Morgen in kalter grauer Frühe zu Esel und ritt hinauf.

»Die stille Hütte« lag etwa noch eine Stunde hinter der Pietro's. Gegen elf ungefähr kam ich an, – allein, denn Pietro sollte mich nicht begleiten, hatte die Dame gesagt. Aber wenn gleich der Herr nicht, der Hund lief mit mir – Tiger wäre nicht zurückzuhalten gewesen, sobald er mich sah. Mit Tiger langte ich demnach bei der Freiin von S. an, welche sich in einer so ungewöhnlichen Wohnung und in einer so unglaublichen Lage befand.

Ich war etwas entfernt vom Hause abgestiegen, doch mußte sie mich gehört haben, denn sie öffnete die Thür, noch ehe ich davor war. Pietro hatte Recht – die Frau mußte schön gewesen sein. Sie hatte eines jener Profile, die unzerstörbar sind, weil sie klassisch sind. Ihre Haltung war graziös – etwas Magdalene darin, aber auch noch viel Hochmuth. Die Frau gefiel mir eben so wenig als ihr Brief.

Unsere Begrüßung war die sonderbarste und lächerlichste für den Ort und die Umstände, gerade weil sie an jedem andern Ort und unter allen andern Umständen die alltägliche gewesen wäre.

Ich sagte: »Ich habe die Ehre –«

Sie antwortete, mir die Thür zeigend: »Darf ich bitten.«

Ich folgte ihr – den Esel hatte ich angebunden – Tiger folgte mir.

»Was haben Sie da für einen eigenen Hund, Herr Graf«, sagte sie im natürlichsten Tone.

»Verzeihung, meine Gnädige«, rief ich und stieß Tiger hinaus.

Als ich zurückkam, bot sie mir einen Schemel an. Ich setzte mich und überreichte ihr meine Karte. Sie las meinen Namen, »Gott!« rief sie, und gerieth in Aufregung, »dieser Name! Ich kannte Ihre Familie, wenn Sie aus Berlin sind?«

»Und Sie, gnädigste Frau, entflohen vor zwanzig Jahren mit – –« ich schämte mich fortzufahren.

Sie lächelte bitter: »Ja, es war vor zwanzig Jahren einmal Mode, daß vornehme Frauen mit Candidaten – entflohen, wenn Sie die Güte haben wollen, es so zu nennen. Ich nenn' es anders. Hoffentlich ist mein Geschlecht wenigstens von dieser Thorheit zurückgekommen?«

»Ja, gnädige Frau, die Candidaten sind jetzt ungefährlich. Sie verloben sich, ehe sie Hauslehrer werden.«

»Tant mieux, tant mieux,« sagte sie nachlässig. Plötzlich faßte sie mich scharf und energisch ins Auge und sprach mit Lebhaftigkeit: »Ich sehe, daß ich Ihnen keine Theilnahme einflöße. Auch begehr' ich keine, aber Hülfe fordere ich. Wollen Sie mir die versprechen?«

»Wozu?« fragte ich mißtrauisch.

»Wozu?« wiederholte sie spöttisch. »Fürchten Sie, ich wolle Sie zu einer Rolle in einem Trauerspiele dingen? Wozu anders, als mir zu helfen, daß ich von dem Menschen loskomme.«

»So sprechen Sie von Demjenigen, um dessenwillen Sie Alles verlassen haben, sogar Ihre zwei Kinder?« fragte ich mit Ironie.

»Wenn ich nicht um seinetwillen meine Kinder verlassen hätte, würde ich wahrscheinlich anders von ihm sprechen,« sagte sie rauh. »Glauben Sie mir, wir verzeihen es einem Manne nicht, ihm Alles geopfert zu haben.«

»Haben wir denn Zeit, ein solches Gespräch zu führen, gnädige Frau?«

»Ja. Er ist nach Gruyères hinüber, kommt erst heute Abend wieder.«

»So läßt er Sie denn doch allein?«

»Weil er mir vertraut.«

»Wie es scheint, etwas zu sehr,« bemerkte ich.

»Er glaubt, daß ich ihn noch liebe,« sprach sie verächtlich. »Ihn noch lieben nach zwanzig Jahren der Entbehrung, der Erniedrigung, besonders nach den letzten Jahren, die ich hier zugebracht! Es gehört eine Eitelkeit wie die seine dazu, um das glauben zu können.«

»Verzeihung,« sprach ich ernst, »ich glaubte bisher immer, Nichts verkettete so unauflöslich wie gebrachte Opfer, gemeinschaftliche Entbehrungen.«

»Phrasen«, erwiederte sie mit ungeduldiger Bewegung. »Bringen Sie z. B. ein Mal einer Frau Ihre ganze Carriere zum Opfer –«

»Ich habe keine Carriere.«

»Oder Ihre Ehre.«

»Das thäte ich nicht.«

»Dergestalt, daß Sie nie Etwas aufopfern würden? Dann können Sie mich freilich nicht begreifen.«

»Ich würde um einer Geliebten willen Alles aufgeben, was ein Mann aufgeben darf – alles Persönliche außer der Ehre, Alles sonst, außer dem Vaterlande. Und wenn ich es gethan, würde ich wo möglich noch mehr lieben, was auch logisch wäre; denn wie theuer muß uns nicht ein Wesen sein, welches wir mit der Totalsumme unserer Existenz erkauft haben?«

»Haben Sie nie werthlose Dinge sehr theuer bezahlt?« fragte sie kalt.

»So ist Herr – Herr –«

Sie souflirte mir seinen Namen, den ich nicht wußte. Wenn meine Mutter die Geschichte erzählte, sagte sie immer blos: »und so ein Candidat!«

»Sie sagen mir also, daß Herr W. Ihrer unwerth sei?«

Sie zögerte einen Augenblick. Dann sprach sie, als mache sie ein erhabenes Zugeständniß: »Vielleicht ist er's nicht mehr geworden, als er von Anfang an war, aber ob er's immer war«, setzte sie stolz hinzu, »wenn Sie ihn gesehen haben, werden Sie mich's nicht mehr fragen.«

»Ich will gern glauben, daß er ein unverdientes Glück gehabt,« sagte ich; »aber, gnädigste Frau, wenn Sie das so gut wußten, warum da –«

Sie sah mich an – ihre ganze Gestalt zitterte vor Zorn. »Und Sie muß ich um Hülfe bitten,« sprach sie langsam; »Es geschieht mir Recht.«

Ich saß stumm, verlegen. Kein gutes Wort wollte über meine Lippen. Nie hatte ich mich so vollkommen abgestoßen gefühlt. Ich, der ich eine fast lächerliche Scheu davor habe, Jemand wer es auch sei, zu beleidigen, ich hätte dieser Frau am liebsten die herbsten Dinge gesagt. Und was hatte sie gethan? Ueber ihren Fehltritt mit ihr zu rechten, fiel mir nicht ein. Sie empfing mich in ihrer Hütte, die übrigens auch inwendig um einige Grade bequemer war, als die andern – sie empfing mich wie in einem Salon – das machte, sie hatte sich das Bewußtsein ihrer Kaste erhalten, und in einer solchen Umgebung bewies das wahrlich einen ungewöhnlichen Charakter. Daß sie verächtlich von dem Manne sprach, dem sie sich hingegeben – vielleicht konnte er kein dauerndes Gefühl einflößen, vielleicht war er ein ordinairer Mensch, was in einer tragischen Situation doppelt unerträglich ist. Was war's denn also, was mich an ihr störte, mich hart gegen sie stimmte? Plötzlich fiel es mir ein – sie hatte noch nicht nach ihren Kindern gefragt. Das war es gewesen, worauf ich gewartet, was ich vermißt.

»Gnädige Frau,« sagte ich, »wenn Sie von mir länger keine Hülfe begehren wollen – ich kenne Ihre Tochter, Frau von M., sehr genau. Sie ist ein edles, liebes Wesen, und ich weiß, daß sie oft um ihre Mutter geweint hat. Schreiben Sie ihr – ich werde den Brief besorgen – Sie werden mir dann für Nichts zu danken haben, als eben für einen besorgten Brief. Was meinen Sie?«

Ich hoffte jetzt auf einige wenige Rührung, oder doch mindestens auf etwas Affekt. Täuschung. Ihre Miene veränderte sich nicht. Mit derselben finstern Bitterheit, die seit dem Beginne des Gespräches um ihren Mund gelegen, erwiederte sie: »Glauben Sie, daß ich mich an meine Tochter wenden will? Daß ich geneigt bin, vor einem edlen Wesen, wie Sie sie nennen, als reuige Sünderin, als arme Bettlerin zu erscheinen? Nein, wahrlich nicht, so lange ich noch meine Sinne habe. Ich bitte Sie, diese Erniedrigung! das wäre ärger, als gebrandmarkt am Pranger zu stehen.«

»Gnädige Frau, Sie sind immer die Mutter.«

»Die Mutter soll ein Vorbild und keine Schande sein.«

Sie mochte in meinen Augen gelesen haben; denn sie fragte: »Sie meinen, das sei ich schon? Gut, doch bin ich dann wenigstens nur eine vergangene, halbvergessene. Eine gegenwärtige, aufgefrischte mag ich nicht werden.«

»Wollen Sie denn Ihre Tochter nie wiedersehen?«

»Hab' ich das Recht dazu? Ich richte mich, Graf, ich weiß, was ich verdiene und was nicht. Doch Sie sprechen immer nur von meiner Tochter – mein Sohn –«

»Ihr Sohn ist todt, gnädige Frau.«

Sie bebte innerlich zusammen; dann sagte sie leise: »Für mich war er ja schon lange todt. Wie war er?« setzte sie fast bittend hinzu.

»Liebenswürdig und gut.«

»Aber nicht bedeutend? Ja, das erkannte ich schon damals; nur sein Vater wollte durchaus ein Genie in ihm sehen.« Sie war wehmüthig geworden.

»Der Baron, gnädige Frau –« sagte ich zögernd.

»Ich weiß«, unterbrach sie mich. »Er starb bereits vor sechs Jahren. Damals las ich noch Zeitungen – so erfuhr ich's. Es war ein braver, rechtlicher Mann.«

»Da Sie nun frei sind,« fing ich nach einigem Schweigen wieder an, »wollten Sie nicht –«

»Mich etwa noch trauen lassen, die Frau dieses Menschen werden, der mich – nachdem ich –« Sie machte eine Geberde des Abscheues, wenn nicht des Ekels.

»Aber Sie müssen ihn doch geliebt haben – sollte denn nicht ein Gefühl mehr –«

»Weiß ich, ob ich ihn je geliebt habe? Ob ich nicht blos aus Langeweile auf dem Lande –« ich sah, sie verachtete sich. Vielleicht aber verläumdete sie sich auch. Ich sagt' es ihr; sie sagte ungeduldig und gereizt: »Möglich, möglich, kann sein – es ist so lange her. Aber jetzt ist's ja auch einerlei, warum ich es that, jetzt handelt es sich nur darum, daß ich frei werde. Verschaffen Sie mir eine Stelle als Ausgeberin, als Verwalterin irgend eines Hauswesens, als Unterlehrerin irgend einer Schule. Ich habe zwar furchtbar viel vergessen, in diesen entsetzlichen Jahren, aber so viel werd' ich doch noch wissen.«

»Und was soll aus Herrn W. werden?«

»Befördern Sie ihn auch nach Amerika. Sie haben ja schon zwei bis drei Subjecte hingeschickt – eines mehr wird ihre Großmuth nicht erschöpfen, nicht wahr? Für mich nur Arbeit und Freiheit vor ihm.«

»Wird er wollen?«

»Behüte,« sagte sie, die Schultern zuckend, »er liebt mich noch. Begreifen Sie das – nach zwanzig Jahren!«

»Aber dann ist's ja entsetzlich, daß Sie ihn verlassen wollen,« rief ich heftig.

»Es klingt so und ist's doch nicht. Glauben Sie, daß ich ihm etwas Anderes bin, als ein stündlicher Vorwurf? daß ich in meinem Herzen etwas Anderes für ihn finde, als Abscheu, besonders seit – Sie haben mich noch nicht gefragt, warum ich hier bin. Wollen Sie es hören?«

»Wozu?« fragte ich wieder.

»Genügt es Ihnen, daß wir unglücklich und strafbar sind?«

»Vollkommen. Es bedarf bei mir keines andern Empfehlungsbriefes; denn ich kann auch unglücklich und strafbar werden.«

»Auf die Manier wie Herr W. nicht. Dazu kenne ich Sie jetzt schon genug, um das zu wissen. Wollen Sie mir die Hand geben?«

Ich that's und sagte: »Verlassen Sie ihn nicht.«

»Ach!« rief sie, mir die Hand entziehend und sich von mir wendend.

»Sie machen eine Schuld durch eine andere nicht gut. Und wenn er Sie liebt. Vielleicht hat er um Ihretwillen auch Alles verlassen –«

»Das Alles des Herrn W!« sagte sie lachend.

»Verzeihung,« sprach ich ernster als bisher; »das bleibt sich gleich. Wer Alles giebt, der giebt Alles, und mag sein Alles sich in einer hohlen Hand verschließen lassen.«

Sie war in Zerstreuung gefallen. Plötzlich fuhr sie auf und sagte lebhaft zu mir: »Sonderbar, daß ich mitten in dieser Misère nie daran gedacht habe, mir das Leben zu nehmen. Das beweist – Feigheit oder Kraft.«

»Ich traue Ihnen Kraft zu,« sagte ich. »Wenden Sie sie nur zum Guten an.«

»Das heißt werden Sie nachträglich die ehr- und tugendsame Ehefrau des Herrn W.«

Dieser Hohn empörte mich. »Wenn Sie es vorziehen, nur seine Maitresse gewesen zu sein – ich habe Nichts dagegen.«

Sie maß mich. »Spricht man jetzt so in guter Gesellschaft?«

»Nein,« erwiederte ich, »aber in schlechter.«

Ich war wüthend auf diese Frau, die gefallen, schlecht, und meiner bedürftig wie nur je ein Wesen des andern sein kann, mir doch trotzte und wie! – Moralisch. Denn ich hatte Recht. Was konnte sie mehr hoffen, als noch ein Mal eine Gattin zu werden, noch ein Mal in eine Gesellschaft zurückkehren zu dürfen? Wenn W., wie ich mir vorstellen konnte, wegen einer infamirenden Schuld sich hier verborgen hatte – ich wollte ihm ja Mittel bieten, sich wieder rehabilitiren zu können. Meine Kasse würde etwas darunter leiden, das sah ich mit ziemlicher Bekümmerniß, indessen, ich wollte mich gern einschränken, um meine Don Quixoterieen wieder einzubringen, nur diese Trennung zwischen zwei Menschen, die so lange Sünde und Noth mit einander getheilt, kam mir unsittlich, ja, förmlich barbarisch vor.

Sie war meinen Ueberlegungen auf meinem Gesichte gefolgt und sagte jetzt unendlich moquant: »Sie rechnen, ob es Ihnen nicht zu theuer kommen könnte, mir zu helfen.«

Erzürnt sprang ich auf. »Gnädige Frau, wenn Sie wollen, daß ich gern thun soll, was ich thun will und thun werde, so beschimpfen Sie mich nicht.«

»Beschimpften Sie mich nicht?« erwiederte sie kaltblütig. »Ich habe nie eine Beleidigung angenommen, ohne eine wiederzugeben.«

»Nein, Sie passen nicht zu Ihrer Tochter,« sagte ich gedankenvoll, fast traurig. Ich hatte jene junge Frau wahrhaft lieb – sie war ganz Strenge in ihren Grundsätzen, Milde in ihren Gesinnungen. Wie konnte sie die Tochter einer solchen Mutter sein?

»Waren Sie immer so, wie Sie jetzt sind?« fragte ich die Baronin.

»Den Anlagen nach, gewiß,« erwiederte sie gleichgültig. »Das Leben entwickelt nur was in uns ist.«

»Ich glaube das nicht. Ich glaube – kennen Sie die Geheimnisse von Paris?«

»Wann erschienen?«

»Vielleicht vor fünf oder sechs Jahren.«

»Also nach der Zeit, wo ich noch las. Nein, ich kenne sie nicht, aber was wollen Sie mit diesen Geheimnissen?«

Statt der Antwort fragte ich: »Sechs Jahre sind Sie schon hier?«

»D'rüber,« antwortete sie ruhig.

»Aber, guter Gott, wie haben Sie denn gelebt?«

»Wie?« fragte sie und in ihrem Auge hätte man Bände lesen können, »wie?« Sie schien sich sammeln zu wollen, um ihr Dasein, wie es hier gewesen, ein Mal mit aller Kraft aussprechen zu wollen – dann gab sie den Gedanken plötzlich auf und sagte nur: »nun, wie man als Heimathlose lebt.«

Ich betrachtete sie durchdringend und dieses Mal nicht ohne eine Art Antheil. Wenn sie durch diese Prüfung auch nicht geläutert worden, sie hatte sie doch überdauert, das war immer schon viel von einer Frau, verwöhnt, wie sie gewiß gewesen war, heftig, herrisch von Natur, wie sie sich zeigte. »Wie haben Sie's nur gemacht, um sich so zu beugen?« fragte ich zögernd.

»Ich wollt's,« sprach sie, »und nun will ich's nicht mehr. Damit ist Alles gesagt. Doch was wollten Sie mit dem Buche, dessen Sie gedachten – die Geheimnisse, oder wie hieß es?«

»Darin wird der Glaube durchgeführt,« erwiederte ich, »die Seele könne sich mitten in der größten Verderbniß rein erhalten, eine weiße Nymphäa aus einem Pfuhl blühen. Diese Idee ist aus diesem Buche in die ganze Literatur übergegangen, oder nein, sie war wohl schon früher vorhanden und ist nur in diesem Buche am ausgeprägtesten dargestellt. Lies't man es, lies't man die Romane, welche dasselbe darstellen, so möchte man beinah glauben, eine Frau müsse, um tugendhaft zu werden, erst Ehebrecherin sein, ein Mädchen erst fallen, um die Unschuld zu kennen. Das ist nun aber gar nicht meine Ansicht. Ich habe nie etwas von dieser Apotheose der Untreue, dieser Verklärung der Courtisane hören wollen. Meine Ueberzeugung ist, wer äußerlich fällt, fällt auch innerlich. Sie, gnädige Frau, sind jetzt gewiß eben so wenig noch das, was Sie in Ihrem Hause, als die Mutter Ihrer Kinder und der Gegenstand der allgemeinen Achtung waren, wie ein verführtes Mädchen noch schuldlos ist. Sie sind so gewohnt, Ihrer jetzigen Weise nach zu empfinden, daß Sie sich nicht mehr besinnen, je anders gefühlt zu haben; aber ich wollte meine Hand darauf geben – Sie haben anders gefühlt.«

»Und wie?« fragte sie nicht ohne Erschütterung.

»Nicht so versöhnungslos, nicht so eiskalt, nicht so –«

Sie unterbrach mich wieder. »Was Sie sein Advokat sind!«

»Nicht seiner allein, auch der Ihrige. Was wollen Sie anfangen allein in der Welt?«

»Besser tausend Mal allein sein, als länger mit ihm zusammen.«

»So denken Sie jetzt, aber Sie haben es noch nicht versucht. Wenn Sie erst wissen werden, daß in dem Gewirre der Welt kein Herz mehr nach Ihnen frägt, wenn Sie Niemand mehr haben, um sich lieben zu lassen, kein anhänglich Geschöpf mehr, um es zu mißhandeln –«

»Dazu brauch' ich ihn wahrlich nicht. Mißhandeln ist mir kein Bedürfniß.«

»Doch, gnädige Frau, Charaktere wie der Ihrige brauchen das gar sehr.«

»Ich kaufe mir einen Hund,« sagte sie bitter-humoristisch.

»Der beißt Sie,« antwortete ich.

Sie sah mich eine Weile an. »Wenn ich nicht das Lachen verlernt hätte, würd' ich lachen. Was sind Sie eigentlich? Können Sie etwas ernstlich wollen – haben Sie mich zum Besten? Antworten Sie mir – es ängstigt mich jetzt, Sie zu sehen; was wir gesprochen, kommt mir so verrückt vor. Bedenken Sie, ich bin trotz meiner Unwürdigkeit eine arme Frau, die schon deswegen Ansprüche an Sie hat, weil sie sich unbedingt Ihnen anvertraute. Gott, wenn ich mich getäuscht hätte – wenn Sie Hohn mit mir trieben!«

»Gnädige Frau,« rief ich, »vertrauen Sie sich mir an, aber auch wirklich unbedingt, ohne Rück- und Vorbehalt. Legen Sie Ihr Schicksal in meine Hand – ich will es ordnen, Sie sollen noch glücklich werden.«

Sie brach in Thränen aus. Die künstliche Kraft, mit welcher sie sich mir gegenüber gestellt, verließ sie. Jetzt konnte ich Theilnahme empfinden, jetzt mit tiefer Bewegung auf ihre Bekenntnisse lauschen, Bekenntnisse, die Alles enthielten, was ein verirrtes, aber nicht schlechtes Weib in zwanzig Jahren voll Unterdrückung ihres ganzen Wesens, voll Hoffnungslosigkeit, ohne Aussicht, erleiden kann.

Sie war stolz, nicht nur durch Geburt und Erziehung, auch ihrem ursprünglichen Wesen nach – wenn sie keine Scheidung nachgesucht, so war's nur gewesen, um sich nicht zur Heldin eines juristischen Skandals herzugeben – »ich wußte,« sagte sie mir, »das Geschwätz über meine Flucht würde aufhören, sobald ich vergessen wäre, und bis dahin hat es gewiß nicht lange gewährt – höchstens einige Freundinnen außer Ihrer Mutter haben noch bisweilen ihre Kinder von mir unterhalten –«

»Gnädige Frau,« fiel ich ungeschickt ein, »wahrlich, meine Mutter hat stets nur mit großem Bedauern von Ihnen gesprochen.«

»Eben dieses Bedauerns wegen bin ich nicht Pfarrfrau, nicht Das geworden, wozu Sie mich jetzt machen wollen, die Gattin meines interessanten Verführers. Ich hätte es bis an mein Grab ertragen müssen, dieses liebevolle Bedauern! Man hätte gesagt: Die arme Feodora! wie anders hat sie's jetzt, als früher – ja freilich, wenn eine Frau es sich einfallen läßt, einen Candidaten nicht nur zu lieben, sondern auch zu heirathen – glauben Sie mir, eine kleine Liebschaft mit Herrn W. hätte man mir gern verziehen – es gab noch andere Damen, denen er recht gut gefiel – eine Heirath mit ihm wäre ohne Barmherzigkeit als lächerlich verurtheilt worden.«

Ich antwortete absichtlich nicht ohne Spott: »Gnädige Frau, und meinen Sie, man habe Sie weniger lächerlich gefunden, weil Sie sich nur entführen ließen? Glauben Sie mir, Ihr Schicksal hat nie für tragisch gegolten, obgleich es so tragisch ist, wie es nur eines geben kann. Warum Sie keine Scheidung und keine neue Ehe wollten – soll ich es Ihnen sagen? Ihr Stolz als vornehme Frau und als feine und energische Natur sträubte sich gegen die Heirath mit Herrn W. Er war Ihnen nicht ebenbürtig, nicht nur den äußeren Verhältnissen, auch dem innern Standpunkt nach – eine augenblickliche Schwäche allein führte Sie aus Ihrer höhern Sphäre zu ihm. Habe ich Sie und ihn richtig gewürdigt?«

»Ja!« antwortete sie mir schmerzlich und doch mit einer gewissen Freude, erkannt worden zu sein; »daß ich ihn wählte, war mein eigentlicher Fehltritt. An einer bloßen Schuld wäre ich nicht zu Grunde gegangen – an meiner Dummheit verzweifle ich noch heute, wo sie schon zwanzig Jahr alt ist. Doch je älter eine Dummheit ist, je fürchterlicher wird sie. Sie wächst immerfort.«

»Verwandeln Sie die Dummheit.«

»In was?«

»In ein, wenn Sie wollen, freudenarmes, aber lohnreiches Loos?«

Sie verstand mich, ließ die Hände matt sinken, und sah mich mit einem Blicke an, der mich um Erbarmen flehte.

»Sie wollen mir doch gewiß nicht Ihren Beistand nur verkaufen? Quälen Sie mich wenigstens erst, wenn Sie ihn gesehen haben.«

Diese Bitte entwaffnete mich nicht nur, sie war vernünftig. Was für den ersten Augenblick anzufangen, war nun die Frage. Sie bat mich, ich möchte ihr in einem der nächsten Dorfwirthshäuser eine kleine Stube ausmitteln, wo sie sich vor W. verbergen könne, bis ich ihn gesehen und geprüft. Dann sollte ich über die Form ihres ferneren Schicksals entscheiden. »Sie haben vielleicht Recht,« sprach sie traurig, »wenn Sie mich für moralisch incompetent halten. Meine Seele möchte in die Einsamkeit und da ihrer Sünde vergessen. Aber es kann sein, daß dieses Begehren Aufruhr ist, daß es fortan meine Pflicht ist, dieses Mannes zu bleiben, daß meine Buße darin besteht. Finden Sie es so, will ich thun, wie Sie fordern. Sie sind jung und unverdorben – Sie werden besser das Rechte erkennen, als ich.«

Hier ließ der Vorleser das Manuscript sinken, und sah mich an.

Ich sah ihn ebenfalls an, wartend der Dinge, die nachkommen sollten. Als er aber nicht wieder anfing, fragte ich ungeduldig: »Nun, geht's denn nicht weiter?«

»Nein, es geht noch nicht weiter,« versetzte er – »ich habe erst bis hierher geschrieben. Ehe ich fortfahre, sagen Sie mir – würden Sie die Leute verheirathet haben?«

»Ich gewiß nicht,« erwiederte ich ohne mich zu besinnen. »Es heißt: Was Gott zusammenfügt, das soll der Mensch nicht scheiden, und nicht: Der Mensch soll zusammenfügen, was Gott geschieden hat.«

»Also glauben Sie, die Beiden seien von Gott geschieden gewesen?«

»Versteht sich.« Ich antwortete in meinem Eifer mit einem Schweizer Ausdruck. »Durch Gott sowohl, wie früher durch das Gesetz.«

»Nun, ich habe sie trauen lassen,« sagte er trocken.

»Da werden Sie was Schönes angerichtet haben!«

»Calclire, nicht, war moralisch,« sprach er, wieder yankeesirend.

»Moralisch, aber dumm,« versicherte ich ihm.

Er legte sein Manuscript auf den Tisch, stützte Arm und Kopf auf und vertiefte sich in Nachdenken, bis der Thee kam. Dann sagte er plötzlich bestimmt, seine Tasse entgegen- und vom Teller eine Brezel wegnehmend: »Sie täuschen sich; ich bin ganz gewiß, daß die Ehe gut ausfallen wird.«

»Wenn Sie dessen gewiß sind, ist's ja gut,« sprach ich lachend. »Beweisen Sie es nur dem Leser.«

»Ich schreibe das Ding nicht fertig,« sagte er entschieden.

»Und warum denn nicht?«

»Sie sprechen heute klassisch schweizerisch. Weil Sie die Heirath dumm finden.«

»Ich finde sie dumm, Andere finden sie vielleicht klug.«

»Möglich, ich hoffe es sogar, aber ich mache die Novelle doch nicht fertig.«

»Des Menschen Wille –« sagte ich. »Nehmen Sie Quittensaft?«

»Danke. Nehmen Sie meine Novelle?«

»So wie sie da ist?«

»Und warum denn nicht?« machte er mir nach. »Sie wollten sie ja als Schluß Ihres Buches?«

»Aber ordentlich geschlossen, nicht so in der Mitte abbrechend, wie eine nicht fertig gewordene Brücke.«

»O,« sprach er mit unnachahmlicher Kühle, »für Ihr Buch ist sie schon noch gut genug.«

»Dann schreibe ich auch unser jetziges Gespräch dazu.«

»Alles, was Sie wollen.«

»Und Sie müssen mir noch sagen, wohin Sie Ihr glückliches Paar befördert haben. Vermuthlich auch nach Amerika?«

»Nein,« versetzte er gelassen, »nach Australien.«

»Das ist jedenfalls eine Abwechselung,« sprach Otto, der uns bisher mit ziemlich spottender Miene zugehört hatte.

»So mein' ich auch,« entgegnete Wladislav.

»Aber Pietro?« fragte ich weiter.

»Pietro hat zwei Ziegen und wir correspondiren mit einander.«

»Die Ziegen und Sie?«

»Nein, ich und Pietro.«

»So einen Brief müssen Sie uns ein Mal zeigen,« sprach Otto.

Wladislav schüttelte den Kopf. »Briefgeheimniß – unverletzlich.« Dann bat er mich um die zweite Tasse Thee. Ich goß sie ihm ein, und that eine dritte Frage, nach Tiger.

Wladislav wurde roth. »Haben Sie nie in meinem Zimmer einen Hund kläffen gehört?«

»Allerdings, und ein eigenes, jämmerliches Gekläffe war's.«

»Nun, das ist Tiger,« sagte er lächelnd und zögernd.

»Warum haben Sie ihn denn nie bei sich?«

»Ich schäme mich, weil er so häßlich ist,« bekannte er leise.

Wir lachten ohne Umstände. »Sie sind,« sagte ich –

»Ich bin der Wladislav,« unterbrach er mich treuherzig, bittend.

»Kriegen wir nicht wenigstens das Nondescript zu sehen?«

Wladislav schwankte ein wenig. Dann aber sprach er sanft: »Nein, das arme Vieh ist gar zu schauderhaft – Sie würden ihn gewiß im Traume sehen.«

Hier kam man, ihm den Wagen anzusagen. Er erhob sich etwas widerstrebend. »Aus dem warmen Salon in die feuchte Nacht,« sagte er sich in der Erwartung schüttelnd.

»Es ist erst sieben, also noch Abend,« tröstete ich ihn.

»Und gestern schien der Mond, deßwegen ist's heute nicht finster,« setzte er mürrisch hinzu. »Sie sind –«

»Ich bin Ihre Freundin, die Ihnen eine glückliche Reise wünscht, eine frohe Heimkehr –«

»Und ein langes Leben und eine selige Urständ,« fiel er mir in die Rede. »Ich weiß das Alles schon – bleiben Sie mir gesund, oder vielmehr werden Sie Sich selbst gesund – es ist ein klägliches Ding, immer so krank zu sein.«

Damit reichte er mir ingrimmig die Hand, schüttelte die meine so derb, daß ich schrie, und ging, von Otto begleitet, nach der Thür. Dort kehrte er plötzlich wieder um, kam zurück an den Tisch, sah mich scharf an und fragte: »Wie finden Sie denn nun eigentlich meine Novelle, d. h. meine wahre Geschichte?« – »Barock und formlos,« antwortete ich, »auch mit Nachlässigkeiten des Styles und Wiederholungen von Worten reichlich gesegnet, aber dabei besonders genug und deßwegen –« – »Schon gut!« Damit hemmte er meine Kritik, flüsterte mir dann vertraulich zu: »Ich will es Ihnen nur sagen: gerade so finde ich sie auch;« und ohne mir noch ein Mal Adieu zu bieten, schritt er nun wirklich aus der Thür.

Hofbuchdruckerei der Gebr. Jänecke in Hannover.