Des Mönches Tod
Des alten Mönches Stündlein schlägt. O Herr, erbarm
Dich seiner Seele, nimm sie gnädig in den Arm,
Wenn Mühsal endlich ihn erkennen läßt und ahnen,
Daß er nicht länger sich den steilen Pfad kann bahnen;
Wenn starr und gläsern schon sein mattes Auge blickt,
Ein letztes Lebewohl dem Sternenhimmel schickt;
Wenn seine bleichen Lippen, die im Fieber brennen,
Noch einmal Deinen heiligen Namen leise nennen;
Wenn kalter Schauer Not das schwache Fleisch ergreift
Im Augenblicke, da der Todeshauch es streift;
Wenn schwere Finsternis schon auf dem Geiste lastet
Und zitternd noch einmal die Hand zum Kreuze tastet;
Wenn man ihm, da des letzten Kampfes Schrecken dräut,
Die Arme kreuzt und Asche auf die Stirne streut;
Wenn sie zum Abschied Deinen Leib dem Müden reichen
Als Zehrung für den Weg und der Erlösung Zeichen;
Wenn bitterer Todesschweiß, der aus den Poren bricht,
Das blasse Antlitz wäscht beim Kerzenflackerlicht;
Wenn sich die Brüder betend zu der Leiche bücken,
Für alle Ewigkeit die Augen zuzudrücken;
Wenn dieser abgezehrte Leib, im Tod erstarrt,
Den Keim des Wurmes trägt, der seines Mahles harrt;
Wenn er, bevor die Sonne noch zur Rüste schreitet,
Zur Ruhe bei den andern draußen wird geleitet;
Wenn gleich darauf sein Grab Vergessenheit verschließt,
Ein Schloß auf einem Buch, das keiner kennt noch liest;
O Herr, empfange Deinen Diener dann in Gnaden,
Laß seine Seele sich in Deinem Lichte baden.
Betrachtung
Beglückt, o Herr, wer ruhig in Dir wohnt und still!
Des Tages Qual wird niemals ihm den Frieden rauben,
Der Tod erschreckt ihn nicht, nie frißt an seinem Glauben
Der finstere Wahn der Zeit, die Dich nicht kennen will.
Der Ruhm ist eitel, Menschenwerk zählt nur nach Tagen,
Was ward aus jenen Spöttern, die sich frech gebläht?
Ihr alle, die Ihr an der Gruft vorüber geht,
Fragt nur die Würmer, die an ihrem Fleische nagen.
Die Tage folgen sich in ruheloser Hast,
Kurz währt die Freude nur, ob Ihr auch klagt und jammert;
Dieweil Ihr Euch an Euer Glück, das hohle, klammert,
Fühlt Eure Hand den Moder nicht, den sie umfaßt.
Kein Wissen, das den Zweifel nicht im Innern trüge
Gleich einer Frucht, erstorben schon im Mutterschoß!
Zieht Eures Weges nur und dünkt Euch frei und groß,
An dieser Schranke enden Eures Geistes Flüge.
Das Fleisch vergeht, ach, seine Stunde naht gar schnell,
Von Anbeginn setzt sich der Fluch auf seine Fährte,
Zerrissen ward noch jede Brust, die Hochmut nährte — —
Denkt an die Hunde jener stolzen Jezebel!
Die Bäume
Des Abends, wenn im Herbst die Sonne rosig zart
Im Untergehen färbt das bleichende Gelände,
Sieht man vom Kreuzweg aus in Fernen ohne Ende
Die Bäume alle wandern auf der Pilgerfahrt.
Die Pilger brechen auf, in stiller Trauer wallen
Sie durch den Abend fromm, gedankentief einher.
Die Riesenpilger ziehn die Straße, langsam, schwer,
Verdüstert lassen sie des Laubes Träne fallen.
Die Pilger schreiten fort im langen Doppelglied,
Seit wieviel Jahren schon? kein Ruhen und kein Rasten
Verzögert ihren Gang nach dem schon längst verblaßten,
Verwelkten Ruhm, der sie zum Horizonte zieht.
Die Pilger gehn des Wegs, im Dämmerlicht verlängert
Der Mantel sich, er schleppt von goldnem Glanz getränkt,
Den ihm die Sonne in die dunkeln Falten hängt,
Die Straße ist von Staub und Weihrauchdunst geschwängert.
Die Pilger steigen an, wo es zur Höhe geht,
Stumm blicken auf den Zug entlang der ganzen Strecke
Verzückte Dörfer, glut- und inbrunstvolle Flecke,
Sie fallen auf die Knie und harren im Gebet.
Die Tränke
In einer tiefen Falte der gewellten Erde
Dehnt stille träumend sich des Teichs Melancholie,
Als Schwemme dient der Ort dem bunt gefleckten Vieh,
Im Wasser bis zum halben Leibe steht die Herde.
Da sind sie, wo der Weg zur Tränke niedersteigt,
Die Kühe schreiten schwer, die muntern Rosse laufen,
Die Ochsen schwarz und rot, die stets in dichten Haufen
Den Hals zur Sonne blökend strecken, die sich neigt.
Nun sinkt das All ins Nichts, mit jedem Tage sterben
Den längst gewohnten Tod die Dinge, es entfärben
Sich Licht und junger Trieb und Glanz und Blütenduft;
Ein Leichentuch legt auf die Saat sich feuchte Luft,
Endlos versinkt der Weg in Wolken grauen Dampfes,
Die Rinder röcheln wie im Schmerz des Todeskampfes.