Dezembernacht

Als Schüler hab ich eine Nacht

In meinem Zimmer mal durchwacht,

Die Stunden wollten kaum entweichen;

Da plötzlich mir zur Seite stand

Ein Knabe, schwarz war sein Gewand,

Er glich mir, wie sich Brüder gleichen.

Bleich war sein schönes Angesicht,

Bei meiner Lampe trautem Licht

Hat er gelesen und geschrieben;

Mild lächelnd und gedankenschwer

Und träumend blickte er umher,

Die ganze Nacht ist er geblieben.

Grad war ich fünfzehn Jahre alt,

Und wollte einmal durch den Wald,

Quer durch die braune Haide streichen.

Da plötzlich an dem Raine stand

Ein Jüngling, schwarz war sein Gewand,

Er glich mir, wie sich Brüder gleichen.

Ich suchte aus dem Wald nach Haus,

Der fremde Gast hielt einen Strauß

Und eine Laute in den Händen;

Er grüßte freundlich mich, doch stumm,

Dann drehte er sich halb nur um,

Des rechten Weges mich zu senden.

Als dann mein Herz zum erstenmal

Verraten ward und sich in Qual

Gewunden unter schweren Streichen,

Da plötzlich an dem Herde stand

Ein Fremdling, schwarz war sein Gewand,

Er glich mir, wie sich Brüder gleichen.

Stumm stand er dort, in sich gekehrt,

Die Rechte trug ein blankes Schwert,

Die Linke zeigte starr nach oben;

Als hätt er um mein Leid gewußt,

Rang sich ein Seufzer aus der Brust,

Dann ist er wie ein Traum zerstoben.

Als ich in der Gesellen Kreis

Von edlem Weine einmal heiß

Zu kecker Rede gab das Zeichen,

Da plötzlich mir vor Augen stand

Ein Zecher, schwarz war sein Gewand,

Er glich mir, wie sich Brüder gleichen.

Ein Purpurlappen, ganz geflickt,

Hat unterm Mantel vorgeblickt,

Die magere Hand hat ihm gezittert;

Stumm hob das Glas der fremde Mann

Und schweigend stieß er mit mir an,

Da ist mein Glas im Nu zersplittert.

Ein Jahr darauf, die Zeit entflieht,

Hab ich an einem Bett gekniet,

Des Vaters Mund sah ich erbleichen.

Da plötzlich ihm zu Häupten stand

Ein Waisenkind, schwarz sein Gewand,

Es glich mir, wie sich Brüder gleichen.

Ein Engel, der dem Schmerz erliegt,

Erschien er dort, vom Leid besiegt,

Gleich mir, des teuren Toten Sohne;

Die frohe Laute war umflort,

Das Herz von einem Schwert durchbohrt,

Das Haupt trug eine Dornenkrone.

Noch oftmals hab ich ihn gesehn

An meiner Seite schweigend stehn

In meines Lebens schwersten Stunden,

Die rätselhafteste Vision!

Ist er ein Engel, ein Dämon?

Ich hab ihn überall gefunden.

Da später, müde und verzagt,

Ich Frankreich Lebewohl gesagt,

Der bittern Qual mich zu entwinden,

Da all mein Hoffen war verdorrt,

Da ich an einem fremden Ort

Wollt sterben oder Leben finden,

Zu Pisa und im goldnen Mainz,

Zu Cöln, im Angesicht des Rheins,

Zu Nizza unter grünen Myrten,

In den Palästen von Florenz,

Im Wintersturm, im jungen Lenz,

Hoch in den Alpen, bei den Hirten,

Zu Genua, wo wild die See

Das Ufer peitscht, und zu Vevey,

Zu Havre an der Klippe Wänden,

Dort wo Venedig schläft und träumt,

Die Adria am Lido schäumt,

Um in Lagunen feig zu enden,

Wo ich auch immer ohne Mut

Gewandert bin, wo mir das Blut

Geströmt aus meines Herzens Wunden,

Wohin mich meine Unrast trieb,

Wo mich durch ihr verdammtes Sieb

Gepreßt die ewig gleichen Stunden,

Wo nur das Rätsel dieser Welt

Des Daseins Freude mir vergällt,

Wenn ich dem Durste wollt genügen,

Wo immer, was ich längst gesehn,

Ich wieder sah vorübergehn,

Den kleinen Menschen mit den Lügen,

Wohin auf meiner Fahrt ich kam,

Wo in die Hand das Haupt ich nahm,

Um mich am Wege auszuweinen,

Wo ich durch das Gestrüpp gehetzt

Und wie ein Lamm zerzaust, zerfetzt

Dann niedersank auf kalten Steinen,

Wo immer mir ein Leid gedroht,

Wo ich verzweiflungsvoll dem Tod,

Dem letzten Freund, die Hand wollt reichen,

Stets plötzlich mir zur Seite stand

Der Ärmste, schwarz war sein Gewand,

Er glich mir, wie sich Brüder gleichen.