Die Dachkammer

Die Bude unterm Dach! Ich seh sie wieder,

Wo frohe Armut Lehrerin mir war,

Ich hatte meine Freunde, meine Lieder,

Mein Mädchen hatte ich und zwanzig Jahr.

Der Narren lachte keck ich und der Weisen,

Da ich des Lenzes Blütentraum genoß,

Sechs Treppen hoch durft ich mich glücklich preisen

Mit zwanzig Jahren hier im Dachgeschoß.

Ein Bodenloch! Ich kann es nicht bestreiten;

Hier war’s, wo meine harte Bettstatt stand,

Dort seh ich noch die Verse, die vor Zeiten

Mit Kohle ich gekritzelt an die Wand.

Doch ach, die Freuden, die sind längst entschwunden,

Die meine Uhr mir mitleidvoll erschloß,

So oft den Weg ins Leihamt ich gefunden,

Mit zwanzig Jahren aus dem Dachgeschoß.

Wie gern ist Liese mit vergnügter Miene

Hier oben einst erschienen zum Besuch!

Vorm Fenster hat die Gute als Gardine

Flink aufgehängt ihr schönes neues Tuch.

Am Boden lag der Hut. Nie mocht ich fragen,

Wer ihn bezahlt hat, weil sie dies verdroß;

Wer wird sich auch um solche Fragen plagen

Mit zwanzig Jahren hier im Dachgeschoß.

Hier haben wir begeistert und verwegen

Die ganze Nacht gesungen und gezecht,

Da bei Marengo Bonapartes Degen

Die schlug, die ihm zu trotzen sich erfrecht.

Viktoria schossen sie! Wir aber dachten,

Nie kehrt zurück in unseres Helden Schloß

Die Sippe Ludwigs, die wir stolz verlachten

Mit zwanzig Jahren hier im Dachgeschoß.

Hinweg! hinweg! Ich könnte mich berauschen,

Wo der Erinnerung Zauber mich umschwebt ....

Ach, dürfte meiner Tage Rest ich tauschen

Für einen Monat, den ich hier gelebt,

Für Liebe, Leichtsinn, Torheit, für Sekunden,

Daraus im Traum ein Leben mir entsproß,

Für alle Hoffnung, die ich einst gefunden

Mit zwanzig Jahren hier im Dachgeschoß!