Ein Traum von Stunden und von Jahren

Vergessene Stunden sehe ich vorüber wallen.
Francis Vielé-Griffin.

Die Schatten schmückte ich mit kalten

Und blassen Blüten, mit den Falten

Versäumter Tage meine Wand.

Erstorbnen Abenden war ihre Farbe gleich,

Und meiner Träume Land

Erschien in dem Gewebe, schattenhaft und bleich,

Die goldne Blume zitterte in reiner Hand.

Und die Erinnerung irrt durch das stumme Haus im Dämmerlicht

Von Stund zu Stund, von Raum zu Raume,

Sie weint, sie lacht im Traume,

Sie ist’s mit ihrem alt vertrauten Angesicht.

Doch die Sandale

Schwebt still dahin, sie stört ja nie den Schlaf.

Ein goldner Strahl aus ihrer Silberlampe traf

Hellblitzend die getreue Wächterin, die Hand, die fahle,

Die schirmend ihr Gewicht

Auf die vergessne Zeit legt, die im Aschenkleide,

Geschlossnen Auges und mit funkelndem Geschmeide

Auf reichgeschnitztem Sessel ruht im weiten Saale.

Und dieser düstere Raum ist meiner Seele Zelt,

Wo von der Decke auf die Fließen

Die Falte an den Wänden fällt.

Versäumter Tag, erstorbner Abend mahnt mich dort,

Die Fenster, ach, sie schauen alle gegen Nord,

Am Horizont sind Himmel, Straßen und das Meer.

Ihr Träume, tragt mich doch noch einmal fort,

Wie einst, zur Welt,

Auf fernen Straßen bis ans Meer,

Ihr Träume, führt mich wieder fort,

In Eurer Hand die goldne Blume weiß den Ort.

Ein Traum von Morgenrot und Schatten

Die Zeit ist ewig, nur die Stunden, sie verfließen!

Gar lieblich rinnt der Strom zum Meere, hell und klar,

Noch steht die Pforte auf, doch schnell wird sie sich schließen,

Schon heut kann Asche sein, was gestern Leben war.

Der Herbst zeigt mir die Frucht in seiner Gärten Schatten

Im Augenblick, da sie des Daseins Höhe mißt,

Geschwellt im Saft erscheint sie mir, dem Übersatten,

Wie bald, und sie fällt ab ...! noch eine kleine Frist.

Mein Leben, Klinge in der Scheide, ruhmlos träumend!

Heiß glüht der goldne Griff in meiner zagen Hand,

Die mit der Waffe spielt, die Stunde feig versäumend ...

Und doch — —, vielleicht ist dieses Abends blutiger Brand

Das Bild des Tages, den das Schicksal morgen sendet!

Geweint hab ich, da gestern freundlich mir’s gelacht,

Weh mir, weh, wenn es weint, dem Strom abgewendet,

Der meinen Tag hinabschwemmt in die ewige Nacht!