Vergessene Weisen

I.

Mir ist es oft, mein Lieb, wie wenn ich Chören

Aus längst verklungnen Zeiten könnte lauschen,

Dazwischen wähne ich das helle Rauschen

Des Morgens, welcher kommen wird, zu hören.

Zwei Augen sind auch meiner Seele eigen,

Und alle Töne schwingen in den Saiten,

Die leise oder laut vorübergleiten

In meiner Tage unruhvollem Reigen.

O stürbe ich von diesem Spiel umgaukelt!

Du fürchtest dich, der Horen Tanz zu sehen,

Ich aber möchte enden und vergehen,

Wenn sich Vergangenheit und Zukunft schaukelt.

II.

Still gleiten zarte Finger durch die Tasten,

Ein letzter Strahl vergoldet Turm und Dach,

Die alte Weise zwingt den Tag zu rasten,

Entschlafne Zeiten werden wieder wach,

Verschüchtert suchen Töne im Gemach

Nach ihres Atems Hauch, dem längst verblaßten.

Was ist es nur, das mich zur Ruhe wiegt,

Mag noch ein Glück mein armes Sein umwerben?

Was will das Lied, das schmeichelnd mich umschmiegt,

Die Melodie, die plötzlich mich besiegt,

Die in den kleinen Garten, um zu sterben,

Durch das halboffne Fenster zitternd fliegt?