Goritscheff (von горесть — Herzeleid), ehemals ein tüchtiger Mensch, ist er durch eine sinnliche und herrschsüchtige Frau ganz verweichlicht; er fühlt das und ist daher verdrüßlich und melancholisch.

Repetíloff (von répéter), ein leerer, verlebter Wüstling, der selbst ohne Bedeutung sich an bedeutendere Naturen anhängt und repetirt was andere sagen. Er ist das Bild eines Mannes, der schon im vorgerückten Alter noch nicht zur Besinnung gekommen ist und der jung zu bleiben glaubt, wenn er die Thorheiten und Ausschweifungen der Jugend in sein Alter hinübernimmt.

Sagorétzki (von загорѣть — durch Brennen schwarz werden?), ein berüchtigter (gebrandmarkter) Spieler, Lügner und Dieb, der aber durch allerlei Gefälligkeiten, die ihm nichts kosten, in der Gesellschaft sich zu erhalten weiß. Ein Beweis von dem Mangel einer öffentlichen Meinung, von der laxen Moral großer Städte.

Mad. Chlestow (von хлесть — Spießruthe), eine alte, brutale zänkische Dame.

Chrumin (von хромѣть — lahm werden), eine abgelebte Dame, die sich von dem schaalen Treiben der Bälle nicht losmachen kann.

Tugoúchoffski (von туго und ухо — Steifohr), ein stocktauber und armer Fürst.

Analyse des ersten Akts.

Die Personen dieses Aktes sind: Fámussoff, Sophie, Tschatzki, Moltschálin, Lisa und ein Diener. Wir sehen in ein unheilvolles Innere. Die Frau vom Hause ist längst verstorben, und die Erziehung ihres einzigen hinterbliebenen Kindes hatte der vielbeschäftigte Vater, ein Mann von laxer Moral, Miethlingen überlassen. Sehen wir nun, daß Sophie mit einer lebhaften Sinnlichkeit, dem Erbtheil ihrer Eltern begabt und mit einer listigen und leichtfertigen Soubrette wie Lisa zur Vertrauten, in ihrem siebzehnten Jahre schon den zweiten Roman ihres Lebens spielt — bedenken wir, daß diese Natur auf dem üppigen Boden einer großen Stadt emporwuchs, so erscheint diese Frühreife ganz motivirt. Der Held ihres ersten Romanes war ihr Vetter und Spielgefährte Tschatzki, der Held auch des Stückes. Mit einer feurigen Einbildungs- und Urtheilskraft und mit einem rechtlichen Sinne begabt, waren ihm seine Dienstverhältnisse und dann besonders das ganze Wesen im Hause Fámussoff’s unerträglich geworden; drei Jahr vor Beginn des Stückes hatte er Moskau plötzlich verlassen. Wie aus der zweiten Scene im dritten Akt hervorgeht, hatte er sein Glück in Petersburg versucht, und auch die Gunst eines Ministers gewonnen, aber er verlor sie ebenso bald durch eine Lebhaftigkeit, die hochgebildeten, edlen Seelen nie gestattet zu schweigen wo die Klugheit es auch gebietet. So hatte er durch seine Reise nichts gewonnen, in seiner Abwesenheit aber das Herz Sophiens verloren; denn das Sprichwort: les absents ont tort bewahrheitet sich wieder hier vor uns. Theils aus Langerweile — denn aus einer unerklärlichen Bizarrerie hat Tschatzki in den drei Jahren nichts von sich hören lassen, — theils aus Herzensbedürfniß hat Sophie sich einen andern Helden gewählt, und dieser, der stärkste Gegensatz von Tschatzki, der geistlose, geschniegelte Allerweltsdiener Moltschálin, mit einem leidlichen Äußeren und einer hündischen Geduld ausgestattet — erheuchelt Gegenliebe, aus Furcht, die Tochter seines Chefs zu beleidigen. Es folgt daraus eine ganz schiefe Stellung; — das Verhältniß muß vor dem ehrgeizigen Vater streng verheimlicht werden, und Moltschálin, der die früheren Gefühle Sophiens für Tschatzki kennt, betrachtet sich nur als Spielzeug ihrer Laune, und denkt nicht an die Möglichkeit einer festen Verbindung. Ebenso unheimlich ist der Soubrette zu Muthe, weil Moltschálin arm ist und bei Entdeckung des Verhältnisses sie vorzüglich als die Vertraute gestraft werden würde. — Indeß muß sie, von ihrer jungen Herrin gezwungen, die heimlichen Zusammenkünfte bewachen, bei denen es übrigens durch Moltschálins Disposition nur auf viel Musik und frostige Liebeleien herausläuft. — Diese Beziehungen der Hauptpersonen zu einander glaubte ich zu einem besseren Verständniß der nun folgenden Scenen voranschicken zu müssen.

Mit einer Nachtwache Lisa’s und einer heimlichen musikalischen Soirée die bis zum dämmernden Morgen gedauert hat, beginnt das Stück. — Lisa erwacht erschreckt, klopft an die Thür des Zimmers und sucht die Liebenden zu trennen. Da nichts hilft, so will sie sie dadurch auseinanderjagen, daß sie die Spieluhr in Bewegung setzt; darüber kommt der Alte hinzu, der auf der andern Seite des Hauses wohnt, zu dem aber auch allerlei Töne hinübergeklungen sind; die Spieluhr erklärt ihm dieses so ziemlich, aber er traut doch dem listigen Kammermädchen nicht recht und gestattet sich bei der Gelegenheit allerlei Freiheiten. — Indem hört man Sophiens Stimme und das böse Gewissen treibt den Alten von der Scene; die jungen Leute treten nun auf und nehmen Abschied, aber der Alte erscheint in dem Augenblick wieder und ist nicht wenig erstaunt, sie schon so früh am Tage zusammenzufinden. Sein erster Gedanke ist, daß es ein Rendez-vous sei; es wäre ihm nichts verhaßter, als wenn seine Tochter einen blutarmen Menschen zu lieben sich in den Kopf gesetzt hätte, und in ärgerlicher Stimmung ergießt er in dieser Scene seine Galle über die jungen Damen in Moskau, sowie über das Unterrichtswesen und schiebt die Schuld alles Unheils schließlich auf die Franzosen und ihre moralischen und physischen Leckereien. — Er geht, nur halb beruhigt, mit Moltschálin fort, und in dem Zwiegespräch der beiden Mädchen erfahren wir nun, daß der Alte sich den reichen Oberst Scalosúb zum Schwiegersohne wünscht, daß dieser aber durchaus nicht Sophiens Beifall hat. Lisa horcht nun ihre Herrin in Bezug auf Tschatzki aus, aber es ergiebt sich, daß ihre frühere Neigung zu ihm einer vollkommenen Kälte Platz gemacht hat — indessen hegt sie noch große Achtung vor seinem gebildeten Geiste. In diesem Augenblick wird die Ankunft Tschatzki’s gemeldet. Sein Auftreten ist stürmisch und feurig, Sophie ist kalt und einsylbig; Tschatzki erscheint ihr wie ein Gespenst, wie ein lästiger Gläubiger, und sie ist nicht willens seine Forderungen anzuerkennen. Tschatzki ist hier sowohl, als das ganze Stück hindurch so verblendet wie ein wahrhaft Liebender. Es ist vergeblich, daß Sophie sich voll des lebhaftesten Gefühls für Moltschálin zeigt und gegen Tschatzki kalt, spitz, unbarmherzig, ja endlich im dritten Akt ganz aufrichtig ist. — Tschatzki hält es wohl für möglich, daß er ihr Herz verloren habe, daß sie es aber an Moltschálin habe schenken können, begreift er nicht, und sein ganzes Bestreben geht nun dahin, den Nebenbuhler zu finden, der an dem kalten Empfang Schuld sein muß. — Tschatzki’s Character, auf den wir durch Sophiens Schilderung schon vorbereitet wurden, zeichnet sich in dieser Scene aufs trefflichste; seine Bildung und ein tiefes Gefühl hebt ihn hoch über seine Zeitgenossen und seine Umgebung, aber er handelt unrecht es merken zu lassen, er lacht laut wo er lächerliche sieht und hieraus erfolgen tausend Unannehmlichkeiten und jene Leiden, die der Dichter die Leiden des Gebildeten nennt. Sophie, obgleich durch Tschatzki’s Erscheinung beunruhigt, nimmt doch einen gewissen Antheil an seinen witzigen Schilderungen lächerlicher Charactere von Moskau, wie er aber unglücklicherweise auch Moltschálins erwähnt und ihn unbarmherzig kritisirt, so verwandelt sich ihr Rest von Achtung in bittern Haß. Nun tritt Fámussoff herein, abermals erschreckend über den neuen mißliebigen Prätendenten; denn Tschatzki’s Grundsätze, sowie sein sehr mittelmäßiges Vermögen, lassen ihn als solchen durchaus nicht erwünscht erscheinen. Sophie durchschaut alles schnell und mit ächt-weiblicher List wälzt sie den Verdacht des Vaters von Moltschálin ab auf Tschatzki; — der Stoßseufzer Fámussoff’s, der nun in Zweifeln zwischen zwei unerwünschten Schwiegersöhnen über die Plage mit erwachsenen Töchtern klagt, schließt den Akt ganz vorzüglich ab.

Analyse des zweiten Akts.