Personen: Sämmtliche Personen des ersten Akts und der Oberst Scalosúb. — Es ist etwas später am Tage, aber noch Vormittags um die Zeit der Visiten. Fámussoff kommt in seinen Empfangssalon und beschäftigt sich in einem köstlichen Monologe Einladungen aller Art, die er erhalten hat, durch einen Diener in einen Kalender eintragen zu lassen. Der erste Fremde ist Tschatzki; in dem nun folgenden Gespräch zeichnet sich beider Character aufs deutlichste; die Kluft zwischen ihren Ansichten deckt sich auf; Tschatzki sagt die Wahrheit ganz freimüthig und als er gar die Ideale Fámussoff’s lächerlich und niedrig findet, so fängt letzterer an, ihn entschieden zu hassen. Der Oberst Scalosúb erscheint nun und wird von Fámussoff aufs schmeichelhafteste empfangen — theils um ihn zu gewinnen, theils um Tschatzki zu demüthigen. Der Oberst erscheint in seinen lakonischen Reden, die sich nur um das handwerksmäßige seines Standes drehen, als ein Glückspilz und gänzlich bornirter Kamaschenheld, der von der höheren Bedeutung des Militairstandes keine Ahnung hat. Nachdem Fámussoff ihm seinen Herzenswunsch, nämlich daß er um Sophiens Hand werben möchte, sehr deutlich zu verstehen gegeben hat, geht er zu einem allgemeinen Lobe Moskau’s über, welches aber durch Übertriebenheit und einen naiven Unverstand zur bittersten Persiflage wird. Tschatzki mischt sich zum Ärger des Alten zuletzt ins Gespräch, geräth in Feuer und schildert in einem lebhaften Gemälde eine Reihe von Schwächen oder gar Schändlichkeiten, die in der vornehmen Welt Moskau’s vorgekommen waren. — Der Alte ist in Verzweiflung, daß solche Reden in seinem Hause gehört würden und läuft davon; gleich darauf stürzt Sophie außer sich herein — sie hat aus dem Fenster gesehen, daß Moltschálin vom Pferde gestürzt ist und fällt darüber in Ohnmacht. Bei dieser Gelegenheit tritt ihre Liebe zu Moltschálin und ihr Haß gegen Tschatzki immer schärfer hervor; aber so gering denkt Tschatzki von Moltschálin, daß ihm ein Liebesverhältniß Sophiens mit diesem doch ganz unmöglich erscheint. Von Sophien gereizt und beleidigt geht er voller Sorge ab; Moltschálin findet Gelegenheit Lisetten seine Liebeserklärung zu machen und diese deckt in einem komischen Monologe die Liebesintriguen aller Personen des Stücks auf. — Tschatzki liebt Sophie, diese Moltschálin, dieser Lisette, diese aber gesteht ihr Ideal im Silberdiener Petrúscha gefunden zu haben. — (Eine ähnliche Idee liegt einem Lustspiel von Calderon: „das offene Geheimniß“, zum Grunde.) Wir erfahren in diesem Akt, daß am Abend noch ein kleiner Ball bei Fámussoff Statt finden soll.
Analyse des dritten Akts.
Personen: Sämmtliche Personen des Stücks mit Ausnahme Repetíloff’s. — Tschatzki, dem die Heftigkeit seiner Liebe keine Ruhe läßt, erscheint noch vor der gewöhnlichen Versammlungszeit; er will endlich klar sehen und seinen wahren Nebenbuhler entdecken. — Ein leidenschaftliches Gespräch mit Sophien dient nur dazu ihren Haß und Tschatzki’s Schmerz zu vermehren — sie geht in ihr Zimmer, wo sie Moltschálin hinbestellt hat und läßt ihn in seinem alten Zweifel; — wie Moltschálin in Sophiens Zimmer will, bemerkt er plötzlich Tschatzki, erschrickt und bleibt wie eingewurzelt stehen. Tschatzki läßt sich in ein Gespräch ein, in dem Moltschálin sich in der ganzen Jämmerlichkeit eines bornirten Actenmenschen zeigt. Er ist das im Civil, was Scalosúb im Militair ist. Tschatzki wird im Betreff Sophiens ganz beruhigt. Die Gesellschaft versammelt sich indessen, und nacheinander treten allerlei moskau’sche oder besser gesagt großstädtische und menschliche Charactere auf. Die sinnliche Natalie, Góritscheff, der unter ihrem Pantoffel aus einem tapfern Soldaten ein weibischer Ehemann geworden ist; eine armselige, fürstliche Familie, — eine alte taube Gräfin, die kaum noch lebt, aber alle Bälle besucht, ihre Enkelin, eine ältliche Unvermählte, die mit vielem Stolz auf die andern herabsieht; — (bei der großen Unzahl russischer Fürsten und der sehr begränzten Zahl russischer Grafen wird auf letzteren Titel im Grunde fast ein höheres Gewicht gelegt.) — Sagorétzki, ein falscher Spieler, Lügner, Spion und Dieb — dennoch überall wegen seiner Dienstfertigkeit wohl aufgenommen, — endlich eine Tante vom Hause, eine unbarmherzige alte Klatschschwester, eine von den Plagen einer Stadt, die, nach verblühten Reizen, durch eine böse Zunge und unverschämte Intriguen sich einen Kreis von Verehrern und gefüllte Salons zu verschaffen wissen.
Tschatzki findet Gelegenheit sich mit all dieser Welt zu verfeinden ohne ein schlimmes Wort gesagt zu haben, nur weil er so spricht und urtheilt, wie ein gebildeter Mann. Durch ein Mißverständniß theils, theils durch Sophiens Rachsucht wird er zuletzt für verrückt erklärt. — Vortrefflich hat der Verfasser den Gang des Gerüchts geschildert; und wie von Mund zu Mund eine Sache in kurzer Zeit entstellt wird. Unser Autor findet in diesem Akt häufig Gelegenheit zu einer lebendigen Sittenschilderung. Die Grundsätze, die Sagorétzki, Fámussoff und Scalosúb an den Tag legen, sind der Kern der Opposition, die der ungebildete Theil einer Gesellschaft der Bildung und Civilisation stets entgegensetzen wird. So erzählt Scalosúb mit frohem Munde, daß aller Unterricht fortan im Exerciren bestehen soll, und daß Bücher nur für feierliche Gelegenheiten aufbewahrt würden: — Fámussoff will sie lieber alle verbrannt wissen. Sagorétzki findet Fabeln vorzüglich gefährlich; die alte Fürstin erzählt mit Schaudern, daß ihr Vetter, ein Fürst, in Petersburg Chemie studirt habe! — Dagegen spricht Tschatzki die Ansichten einer andern Fraction in Rußland aus, die gegen die Halbheit eifern, die eine Folge einer zu schnellen Annäherung an den europäischen Westen war. In der Annahme der Gebräuche des Abendlandes sieht er das größte Unglück für Rußland; er opponirt gegen die Form, seine Gegner gegen das innerste Wesen des Westens. Vorzüglich ergrimmt ist er gegen die leichtsinnigen Franzosen und die Einführung ihrer Sprache in alle geselligen Verhältnisse, sowie gegen pedantische und unwissende Deutsche. Die Schwächung des Nationalgefühls und eine demüthigende Abhängigkeit des Urtheils scheint ihm die Folge solcher Zustände. — Dieser Haß gegen das Ausland ist das, was die beiden Extreme dieser Gesellschaft, Fámussoff und Tschatzki, gemeinschaftlich haben; daß beide hierin übereinstimmen ist beherzigenswerth. Doch gehen sie nicht beide zu weit? Fámussoff sieht in den Fremden nicht den fleißigen Colonisten, nicht den geschickten Fabrikanten, nicht den gebildeten Gelehrten, er sieht in den nach Rußland strömenden Fremden nur die Hefe, Abentheurer, Landstreicher und Kuchenbäcker. Tschatzki nimmt vorzüglich daran Anstoß, daß jedes Französchen wie ein Orakel angehört wird und Tanzmeister Orden erhalten und ihr Auge zu Fürstinnen zu erheben wagen, sowie daß man in jedem Deutschen ein Lumen mundi erblickt. — Dieß mag einer jetzt verschollenen Zeit angehören; die Aristokratie in Rußland mag liberal genug denken, sie geht gern um mit Gebildeten, weß Standes diese auch sein mögen; aber in gewisse Gesellschaften und Familienkreise wird kein Adliger zweiten Rangs, ja kaum ein Würdenträger des Reichs gelangen, wenn er nicht von altem, nationalem Adel ist. (Es giebt also wohl Exclusivität, aber für gewisse Zeiten nur.) Mit Fremden nimmt man es endlich nirgends sehr genau — eine momentane, vorübergehende Artigkeit verpflichtet ja zu nichts; wird der einfachste russische Reisende in Paris nicht ebenso schnell zum Grafen und in Italien zum Principe gestempelt?
Wir können die Bemerkung nicht unterdrücken, daß unser Autor in den Fehler der meisten russischen Lustspieldichter verfallen ist: er trägt mit zu starken Farben auf. Manche Charactere sind dadurch ans Absurde gerückt. Die nämliche Erscheinung wiederholt sich wohl bei allen jungen Literaturen; Molière und Holberg wären solche Beispiele.
Der Akt wird mit allerlei Tänzen aus der Restaurationszeit beschlossen; eine ritterliche Mazurka von Scalosúb, wobei er zuletzt hinkniet und sich von seiner Tänzerin umschweben läßt, verfehlt nie eine allgemeine Hilarität hervorzurufen.
Analyse des vierten Akts.
Personen: Sämmtliche Personen des dritten Akts und Repetíloff. Die Herren N. und D. brauchen nicht wieder zu erscheinen. Die Scene ist eine Vorhalle mit Säulen und einer im Hintergrunde sichtbaren oberen Treppe, die zur Thür des Balllokals im zweiten Stock führt; außer dieser Thür sind noch drei Thüren unten zu merken, die Aussenthür und neben ihr die des Portiers und gegenüber die Thür zu Moltschálins Zimmer. Es ist etwa drei Uhr Morgens; der Ball ist zu Ende und die Gesellschaft zieht sich nach und nach zurück. So begegnen wir allen nochmals und in kurzen Worten prägt sich der Character eines jeden aufs wahrste und ergötzlichste aus. Tschatzki kommt sehr unglücklich über diesen fatalen, ersten Tag die Treppe herab, noch ahnt er nichts davon, was die Gesellschaft über ihn erfunden hat. Er muß unten etwas auf seinen Wagen warten und indem öffnet sich die Aussenthür und der Wüstling Repetíloff fällt, so lang er ist, hinein. In einer starken Weinlaune überhäuft er Tschatzki mit Freundschaftsversicherungen und Zärtlichkeiten und beschwört ihn, mit ihm zu einer Compagnie von Bacchusbrüdern zu kommen, in deren meisterhafter Schilderung man eine zu jener Zeit berüchtigte Gesellschaft junger, unruhiger und unzufriedener Köpfe zu erkennen gemeint hat. — Tschatzki weiß nicht, wie er sich losmachen soll, da kommt Scalosúb herbei; mit einer ähnlichen Aufforderung und gleicher Zärtlichkeit geht Repetíloff auf diesen los und den Moment benutzt Tschatzki um in die Loge des Portiers zu schlüpfen. — Von hier hört er mit seinen eigenen Ohren, was die fortgehenden Gäste über den angeblichen Verlust seines Verstandes äußern. Als alle fort sind, tritt Tschatzki empört hervor — er kann es zuerst nicht fassen — aber bald denkt er sich den Zusammenhang, nur das ahnt er nicht, daß Sophie die Urheberin des Gerüchts war, und daß diese mit wenigen Worten die Lächerlichkeit desselben darthun konnte und es nicht that, ist auch das, was man ihr nicht wohl verzeihen kann.
Indem er der Quelle dieser Bosheit noch nachsinnt, erscheint Sophie oben auf der Treppe, glaubt in ihm Moltschálin zu erkennen und ruft ihn leise an, — wie sie sieht, daß sie sich getäuscht hat, verliert sie ihre gewöhnliche Geistesgegenwart und eilt schnell zurück. Diese Eile verräth sie, — denn jetzt erst entdeckt Tschatzki den wahren Zusammenhang der Sache; — er bleibt um keine Zweifel mehr zu haben, und versteckt sich hinter einer Säule. Bald erscheint Lisa um sich nach Tschatzki umzusehen und Moltschálin zum Fräulein zu beordern. Moltschálin kommt aus seiner Stube und macht Lisetten ein aufrichtiges Bekenntniß von seinem Verhältniß zu Sophien; oben horcht Sophie, die ihrer Soubrette leise gefolgt war, wahrscheinlich auch aus Unruhe über Tschatzki’s Erscheinung; Tschatzki hinter dem Pfeiler verborgen, hört ebenso wie Sophie alles mit an. Sophie wird empört über Moltschálin und behandelt ihn überhaupt so, daß man sieht, es war nicht Liebe was sie zu ihm fühlte, sie liebte sich nur selbst in ihm. — Sie gebietet ihm für immer das Haus zu verlassen. Nun tritt Tschatzki vor; Moltschálin entflieht; Tschatzki überhäuft Sophie mit den bittersten Vorwürfen. — Auf die lauten Reden erscheint der Alte und glaubt an ein Rendez-vous, und in seiner tragi-komischen Wuth droht er die Sache bis vor Senat und Kaiser zu bringen. Tschatzki entfernt sich mit tiefgekränktem Gefühl im Herzen und beissendem Spott auf den Lippen; er fühlt, daß seine Bildung ihn aus diesem Kreise verbannt, und gekränkt in seinen heiligsten Empfindungen einer glühenden Liebe zu Sophien und seiner Vaterstadt, entflieht er beiden.