Es ist nichts bekannt über die Vorgänge in der Ebene an diesem Mittag. Der Baron muß schon beim Eintritt in die Einöde vom Pferd abgesessen sein und sich zu Fuß durch den Sand und Morast gemacht haben. Beim nächsten Morgengrauen fand man den Vermißten besinnungslos auf der weißen Klippe liegen, lang auf dem Rücken ausgestreckt, über und über mit Lehm bedeckt, als sei er gestürzt und hätte sich um sich gerollt auf einer Flucht, das Gesicht geschwollen wie verbrannt, unter Bläschen glühend. Auch der Ärmel über seiner rechten Hand und die rechte Schulter war versengt. Man lagerte den Ohnmächtigen auf eine Bahre, trug ihn schräg herüber zur Chaussee, wo man ihn auf einem Heuwagen in die Stadt fuhr. Die wunden Flächen heilten. Der Baron sprach nicht; er schien nicht sicher zu wissen, was ihm geschehen war. Nur sahen die Krankenschwestern, daß seine Augen gegen Abend einen entsetzten Ausdruck annahmen, daß er den rechten Arm, die rechte Schulter wie zur Abwehr in die Höhe hob, sich duckte, versteckte, hinsank und trostlos wimmerte.
Als er genesen war, schenkte er die Jacht seinem ersten Steuermann, entließ die Leute und zog in die Stadt.
Zuerst bewohnte er ein Haus im Süden, ganz im Freien. Er pflog mit keinem Menschen Verkehr, viele Singvögel umgaben ihn. Nach einigen Monaten zog er an die Stadtmauer in eine ganz alte Wohnung, die einen Blick auf die dunstige Heide gewährte. Auf der Stadtmauer spazierte nun und saß der unzugängliche völlig veränderte Mann oder ritt auf der Chaussee langsam zum Meer.
Bis er nach Jahresfrist einmal frühmorgens durch die Straßen der Stadt ging, auf dem Marktplatz nach dem Baumeister fragte und diesen dann beauftragte mit kurzen Worten, ihm in der Heide auf der höchsten Anhöhe um die Klippe herum ein Wohnhaus zu bauen. Der Baumeister brauche sich nicht beeilen, sagte er, indem er die Arme verschränkte. Es solle ein Schloß werden, heimlich, weitläufig, mit vielem festlichem Schmuck, denn er wolle in sechs Monaten seine Gemahlin heimführen.
So zogen die Wegebauer in die entsetzliche Heide, stampften von der Chaussee her einen sicheren Weg nach der Klippe. Maurer fuhren lärmend an, planten den Hügel ab, gruben Pfeiler ein. Sie umbauten den Felsen, der sich bis zum ersten Stock des Hauses erhob und frei in die Zimmer ragte. Ein weitgedehntes Gebäude aus grauem Kalkstein richteten sie auf, mit bunten Fenstern, zierlichen Türmen. Mitten in der Einöde erhob sich das Schloß, zum Gelächter der Bauleute, zum Kopfschütteln der Städter.
Knapp einen Monat, nachdem Zimmer und Wände mit Kostbarkeiten gefüllt waren, führte der Baron eine fremde junge Frau in sein Schloß. Sie erschien einmal im Theater der Stadt, die Portugiesin, ein braunes, kindliches Wesen, das nicht vom Arm des Mannes wich. Der lachte wie früher, bezauberte alle. Sie tanzten an dem Abend im Bürgersaal. Der Baron spitzte seinen Mund und pfiff im Tanz. Er strich den braunen Vollbart, zeigte spottend die Brandnarben seiner rechten Hand. Das zweite Mal, daß man von der Portugiesin hörte, war eine Woche später, als ein reitender Bote nachts vom Schloß her jagte, dem Arzt die Tür einschlug, ihn nach der Heide schleppte an die Leiche der jungen Frau. Sie lag mit blaurotem Gesicht im Nachtkleid auf dem dunklen Korridor vor ihrem Zimmer. Neben ihr lag zerbrochen Leuchter und Kerze, mit denen sie gegangen war.
Der Baron folgte der Untersuchung des Arztes mit starren Augen. Keine Miene verzog er, keine Frage beantwortete er. Aus den Worten einer schluchzenden Zofe hörte der Arzt von einem Herzleiden der fremden Frau. Er knöpfte seinen Pelz zu; sie war wohl einer Lungenembolie erlegen.
Nach drei Wochen erschien der Baron wieder in der Stadt. Man lud ihn zu Gesellschaften. Oft und öfter ritt er in die Stadt, er fuhr zur Jagd, beteiligte sich an Rennen, saß abends beim Wein, erzählte versunken von seinen Fahrten und Abenteuern. Lange Zeit sah man ihn schwärmend, träumerisch mit den Soldaten und Seeleuten der Stadt. Er fuhr eines Märztages mit einigen von ihnen wieder in See. Es kam nach einem halben Jahr ein Brief von ihm an bei dem Verwalter seines Schlosses, daß die Wohngemächer grün auszuschlagen und grüne Läufer zu legen seien. Im Damenzimmer sollten Orchideen gesetzt werden.