»Aaaa . . . Seine Frau so im Stich zu lassen! . . . Er verwaltet irgendwo dort den Proviant! . . . Geht fort! . . . Weiß nichts! . . .«

»Es ist nicht richtig, Ssonjuschka, wenn du glaubst, ich wüßte gar nichts . . . Sieh mal . . .«


»Sieh mal, Liebling: seit der Zeit, wo ich . . . in dieses Zimmer übersiedelte . . . Kurz, auch ich habe mein Selbstgefühl; dich aber will ich in deiner Freiheit, das mußt du wissen, nicht stören . . . Noch mehr: ich kann dich in deiner Freiheit nicht stören: ich verstehe dich; ich weiß, Liebling, sehr gut, daß es dir nicht leicht ist . . . Ich lebe, Ssonjuschka, in einer Hoffnung: vielleicht wird einmal wieder . . . Na, nicht, nicht! Aber verstehe mich auch: meine Fremdheit, meine, wie soll ich es nennen, Gleichgültigkeit kommt keinesfalls von Kälte . . . Nein, nicht, nicht! . . .«


»Du möchtest vielleicht Nikolai Apollonowitsch Ableuchow sehen? Es ist etwas zwischen euch vorgefallen, wie mir scheint! Erzähl’ mit doch alles: erzähle alles, ohne etwas zu verheimlichen: wir wollen dann beide über deine Situation nachdenken.«

»Sie dürfen nicht von ihm sprechen! . . . Er ist ein Schuft, ein Schuft. Ein anderer Mann würde ihn längst erschossen haben . . . Ihre Frau wird verfolgt, verhöhnt . . . Und Sie? . . . Nein, lassen Sie mich.«

Und verworren, erregt, mit auf die Brust gesenktem Köpfchen erzählte sie alles, alles.

Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin war ein einfacher Mensch. Einfache Menschen sind aber von einer unverständlichen, sinnlosen Tat mehr überrascht als von einer Gemeinheit, als von Mord und tierischer Bluttat. Ein Mensch kann Verrat, Verbrechen und Schmach menschlich verstehen. Verstehen aber heißt ja beinahe — rechtfertigen; wie ist es aber zu begreifen, wenn ein Mann aus guten Gesellschaftskreisen und, wie man annehmen konnte, ein durchaus ehrlicher Mensch, auf den absurden, sinnlosen Gedanken kommt, sich an der Schwelle eines Salons auf alle viere hinzustellen und die Falten seines Fracks in der Luft zu bewegen? Dies wäre, wie ich aussprechen muß, eine völlige Schufterei! Die Unbegreiflichkeit, die Zwecklosigkeit einer solchen schuftigen Handlungsweise kann keine Rechtfertigung finden, ebensowenig wie eine Gotteslästerung, Kirchenschändung oder ähnliche sinnlose Bosheiten. Nein, mag ein ehrlicher Mensch lieber straflos Staatsgelder veruntreuen, als sich auf alle viere stellen, denn durch eine Handlung wie die letztere wird alles geschändet.

Zornerfüllt stellte sich Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin deutlich vor, wie der Harlekindomino im unbeleuchteten Stiegenhaus ausgesehen habe und . . . Ssergeij Ssergeijewitsch begann zu erröten, bis er purpurn wurde: das Blut stieg ihm zu Kopfe. Er hatte ja schon als Kind mit Nikolai Ableuchow gespielt; später bewunderte er oft seine philosophischen Fähigkeiten; edelmütig erlaubte er Nikolai Apollonowitsch, sich zwischen ihn und seine Gattin zu stellen, weil er ihn für einen Mann aus guter Gesellschaft, für einen ehrlichen Mann hielt, und nun . . . zornerfüllt stellte sich Ssergeij Ssergeijewitsch den grimassierenden roten Domino im unbeleuchteten Stiegenhaus vor. Er erhob sich und begann erregt durchs winzige Zimmer zu schreiten; er ballte die Hand zu einer Faust und schwang sie bei den scharfen Kurven wuterfüllt in die Luft; wenn Ssergeij Ssergeijewitsch außer sich war (und das war zwei-, dreimal in seinem Leben geschehen), kam diese Geste immer wieder zum Vorschein; Sofja Petrowna verstand wohl diese Geste; sie fürchtete sich ein wenig: sie fürchtete sich immer — nicht vor der Geste, doch vor dem Schweigen, das die Geste ausdrückte.