Wie aber, wenn . . . der Brief kein Scherz war, wenn er . . . wirklich verurteilt ist . . . Nein, nein, nein! Solche Schrecknisse gibt es nicht in der Welt; nicht einmal unter Tieren fänden sich solche, die einen wahnsinnigen Sohn zwingen würden, gegen den Vater die Hand zu erheben. Das waren Albernheiten der Freunde. Wie dumm war sie doch — vor einem einfachen Spaß zu erschrecken! Aber: auch ihn erschreckte der Scherz der Freunde; er war doch ganz einfach ein Feigling: auch damals, am Kanal, lief er nicht vor dem Signal des Polizisten davon?

Er benahm sich damals nicht wie ein Held: er rutschte aus, fiel hin, und so prosaisch lugte unter dem Atlas die gewöhnliche, graue Hose hervor . . . Und auch jetzt: er lachte nicht über den naiven Scherz der revolutionären Freunde, er erkannte die Überbringerin nicht; er rannte durch den Saal ohne Maske, machte sich zum Lachobjekt aller Herren und Damen. Nein, Ssergeij Ssergeijewitsch mußte diesem Feigling eine Lektion erteilen! Ssergeij Ssergeijewitsch muß den Feigling herausfordern . . .

Der Leutnant! . . . Ssergeij Ssergeijewitsch! Der Leutnant Ssergeij Ssergeijewitsch führte sich seit dem gestrigen Abend in unanständigster Weise auf; er brummte sich etwas in den Bart und ballte die Faust; er wagte es, in bloßer Unterhose zu ihr ins Schlafzimmer zu treten, und wagte es dann, hinter ihrer Wand bis zum frühen Morgen auf und ab zu schreiten.

Undeutlich fiel ihr das gestrige wahnsinnige Schreien, fielen ihr die blutangelaufenen Augen ein, die auf den Tisch donnernde Faust: ist Ssergeij Ssergeijewitsch am Ende vom Wahnsinn befallen worden? Er schien ihr schon seit langem verdächtig: verdächtig schien ihr seine Schweigsamkeit in den letzten drei Monaten; verdächtig schien ihr dieser dienstliche Eifer. Ach, sie war so einsam und arm: und jetzt brauchte sie so sehr eine feste Stütze; wie wünschte sie, ihr Mann, Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin, hätte sie wie ein Kind in seine Arme genommen und von hier weggetragen . . .

Sofja Petrowna fuhr zusammen, da sie sich der Geste erinnerte, mit der er ihr gestern den Abendmantel gereicht und die Tür devot geöffnet hatte. Wie mochte er hinter ihrem Rücken dann gestanden haben! Wie verächtlich aber hatte sie ihm ins Gesicht gelacht, und wie sie dann mit leicht gerafftem Panierrock knicksend an ihm vorbeigegangen war (ach, warum hatte sie nicht auch bei der Übergabe des Briefes vor Nikolai Apollonowitsch einen Knicks gemacht: das Knicksen stand ihr doch sehr gut!), wie sie sich dann in der Tür umgedreht und dem Offizier eine lange Nase gemacht hatte! Und jetzt: sie ängstigte sich doch ein bißchen, nach Hause zurückzukehren . . .

Geärgert stampfte sie mit dem Füßchen.

»Na, warte, du sollst es schon sehen!«

Und doch war es ihr ängstlich zumute, nach Hause zurückzukehren.

Aber noch ängstlicher, hier noch länger zu verweilen; denn schon waren die meisten der Gäste fort, der gutmütige Wirt trat, ein wenig niedergedrückt, bald zu dem einen, bald zu dem anderen der übriggebliebenen Gäste und erzählte irgendeine Anekdote; dann sah er sich verwaist in dem immer leerer werdenden Saale um, sah die kleine Schar der noch anwesenden Harlekine und Narren, und sein Blick bat unverhohlen, den Rest der Fröhlichkeit doch nun aufzugeben.

Der weiße Domino