Apollon Apollonowitsch Ableuchow richtete den Zylinderhut zurecht, hob wieder die Schultern hoch und schritt weiter durch den faulen Nebel und das nicht weniger faule Leben des Bürgers dahin — durch das Netz schleimig-feuchter, modriger, halbeingesunkener Mauern, Tore, Bretterzäune — durch den ekligen, stinkenden, leeren, allgemeinen Abort. Und es schien ihm auf einmal, als werde auch er von dem Haß jenes modrigen Zauns und jener blinden Mauer verfolgt. Aus Erfahrung wußte Apollon Apollonowitsch, daß sie ihn haßten; doch wer waren diese sie? Ein armseliges, wie alles andere stinkendes Häuflein? Das Gehirnspiel Apollon Apollonowitschs baute vor seinem Blick neblige Flächen; die Riesenkarte Rußlands erschien ihm winzig klein: War das der Feind? Die ungeheure Zusammenhäufung von Völkern, die auf dieser Fläche wohnen: hundert Millionen. Nein, mehr . . .
Was? Er wird gehaßt? . . . Nein, Rußland liegt gedehnt vor ihm. Ihn selbst aber . . . ihn will man . . . will man . . . Nein, brr — brr . . . Müßiges Spiel des Gehirns.
Mit wem sollte er nun durch das Leben gehen? Mit dem Sohn? Aber sein Sohn ist ja ein ausgemachter Schuft. Mit dem Bürger? Aber der Bürger will ihn . . . Apollon Apollonowitsch erinnerte sich, daß er einst vorhatte, mit Anna Petrowna durchs Leben zu gehen; nach Beendigung seiner Laufbahn ein Landhaus in Finnland zu beziehen . . . Aber nun — Anna Petrowna hatte ihn verlassen, ja, verlassen!
Apollon Apollonowitsch sah plötzlich ein, daß er keinen Lebenskameraden besaß (bis zu diesem Augenblick hatte er darüber nie nachgedacht), und ein Tod, der ihn auf dem Posten ereilt, erschien ihm als eine eigentliche Verschönerung seines dahingegangenen Lebens. Und kindliche Trauer überkam ihn und Ruhe und Behaglichkeit. Er hörte nur das Säuseln des dahinfließenden Rinnenwassers, als betete jemand, betete immer um dasselbe, um das eine: um das, was nie war, was aber auch nie sein wird . . .
Das Grauschwarz, das ihn die ganze Nacht bedrückt hatte, begann sich langsam zu dehnen. Die Häusermauern verschmolzen matt mit der entschwindenden Nacht. Die rotgelben Laternen, die soeben noch rotgelbe Flammen von sich warfen, begannen gleichsam zu schwinden — und entschwanden allmählich vollständig. Die fiebernden Lichter auf den Mauern erloschen. Die Laternen verwandelten sich schließlich in dunkle Punkte, die verwundert in den trüben Nebel blinkten. Einen Augenblick lang schien es, als wäre die graue Zusammenhäufung von Linien, Turmspitzen, Mauern mit den huschenden Flächen der Schatten und der unendlich vielen Fenster — daß das alles keine Zusammenhäufung von Steinen, sondern ein in die Luft sich erhebendes Spitzengeflecht von feinster Arbeit, durch dessen Muster die Sonne zaghaft hervorblickte.
Plötzlich tauchte vor Apollon Apollonowitsch ein armgekleidetes, etwa fünfzehn Jahre altes Mädchen mit einem Tuch auf dem Kopfe auf; hinter ihr her zeichnete sich im nebligen Morgengrau die Gestalt eines Mannes; die Gestalt schien mit niedrigen Vorschlägen an das Mädchen herangekommen zu sein. Apollon Apollonowitsch hielt sich für einen Ritter; unerwartet für sich selbst lüftete er den Zylinder.
»Darf ich Ihnen meinen Arm anbieten und Sie nach Hause bringen? In dieser späten Stunde ist es für junge Personen von Ihrem Geschlecht nicht ungefährlich, allein durch die Straßen zu gehen.«
Sie gingen in tiefem Schweigen; alles erschien näher, als es in der Wirklichkeit war; naß und alt schien sich alles in die Jahrhunderte zu entfernen; all das hatte Apollon Apollonowitsch auch schon früher aus der Ferne gesehen. Aber jetzt — jetzt war es unmittelbar vor ihm: kleine Häuschen, Mauern, niedrige Tore und an seinen Arm ängstlich gedrückt dieser Backfisch, für den er, Apollon Apollonowitsch, kein Schuft, kein Senator war, sondern einfach nur so ein unbekannter gütiger Greis.
Sie kamen bis zum grünen Häuschen mit schiefem Tor und morschen Stufen; hier lüftete der Senator wieder den Zylinderhut und verabschiedete sich vom Backfisch; als die Tür sich hinter dem Mädchen schloß, verzog sich traurig der greisenhafte Mund; die toten Lippen begannen zu kauen; in diesem Augenblick ertönten in der Ferne Laute wie von einem Violinbogen: es war die Stimme des Petersburger Gockels, der etwas verkündete, das nicht existierte, jemand weckte, der nicht vorhanden war.
Ende des vierten Kapitels.