Ihm entgegen liefen zwei kleine, rötliche Häuschen, die, ein Einfahrtstor bildend, auf dem Platz vor dem Palast standen; links drohte heulend eine Baumgruppe; die gebogenen Gipfel der Stämme neigten sich, wie zum Überfall; die dünne Turmspitze blinkte oben aus den nebligen Flocken hervor.
Schwarz zeichnete sich eine Reiterstatue aus dem Nebelgrau des Platzes; die Reisenden, die Petersburg besuchen, schenken diesem Denkmal keine Aufmerksamkeit; ich selbst pflegte oft vor ihm zu stehen: ein herrliches Werk! Wie schade, daß ein armseliger Witzbold seinen Sockel, wie ich bei meinem jüngsten Hiersein bemerkte, mit Gold bestrichen hat.
Ein Selbstherrscher und Urenkel hatte dieses Denkmal seinem großen Urgroßvater errichtet; dieser Selbstherrscher war es gewesen, der das Schloß hier bewohnt hatte; in dieser rosaroten Steinburg hat er auch seine unglücklichen Tage beendet; er hat nicht lange hier gelitten; sein Leiden konnte nicht lange währen; zwischen starrsinniger Eitelkeit und edlen Wallungen wurde seine Seele zu Tode gezerrt; in Stücke zerrissen, entfloh die kindliche Seele ihrem Körper.
Wie oft mag das stumpfnasige Gesicht mit den weißgepuderten Locken aus diesen Fenstern hinausgeblickt haben, vielleicht aus dem dort? Wie oft mochte hinter diesen Scheiben das stumpfnasige Gesicht mit den weißgepuderten Locken voller Sehnsucht seine Augen in die Ferne getaucht haben, in das rosige Verbleichen des Himmels, in das silberne Spiel des Mondlichts im dunklen Blättergewirr der Sträucher . . . Vor dem Tor stand die Schildwache mit breitkrempigem dreieckigem Hut auf dem Kopf, und salutierte mit dem Gewehr, wenn die Majestät mit goldbestickter Brust und dem Andrejewschen Band über der Schulter aus der Tür trat, um seinen aquarellbemalten Wagen zu besteigen, auf dessen hohem Bock ein flammenroter Kutscher saß, während auf den Trittbrettern zwei dicklippige Neger standen.
Alles mit flüchtigem Blicke streifend, setzte Kaiser Pawel Petrowitsch das sentimentale Gespräch mit dem in duftige Gazeschleier gehüllten Hoffräulein fort; das Hoffräulein lächelte und ihre Wangen zeigten zwei neckische Grübchen, und — ein schwarzes Schönheitspflästerchen . . .
In jener verhängnisvollen Nacht fiel silbernes Mondlicht durch die Scheibe auf die schweren Möbel des kaiserlichen Schlafgemachs; es fiel auf das Bett und vergoldete den am Rande sitzenden, kleinen schelmischen, funkensprühenden Amor; auf dem blassen Linnen zeichnete sich das wie mit Tusche leicht hingeworfene Profil ab; irgendwo schlug eine Turmuhr; irgendwo tönten Schritte . . . Es waren kaum drei Minuten vergangen und zerwühlt war das Bett; an der Stelle, wo das blasse Profil sich abgehoben hatte, sah man nur eine Vertiefung im Kissen; das Bettleinen war noch warm; der Schlafende war verschwunden; ein Häufchen weißgepuderter Offiziere mit blanken Säbeln stand über das Lager gebeugt; jemand suchte eine Seitentür von außen zu sprengen; man hörte eine weinende Frauenstimme; plötzlich hob ein Offizier mit rosigen Lippen den schweren Fenstervorhang; in dem durchsichtigen Silber hinter dem Fenster sah man — einen schwarzen, hageren, zitternden Schatten.
Der Mond fuhr fort sein leichtes Silber noch weiter in das Gemach zu streuen, auf die schweren Möbel des kaiserlichen Schlafgemachs; es fiel auf das Bett; es vergoldete die kleinen Amoretten an dem Kopfende; es fiel auch auf das todblasse, wie mit leichter Tusche hingeworfene Profil . . . Irgendwo schlug eine Turmuhr; Schritte tönten in der Ferne.
Gedankenlos betrachtete Nikolai Apollonowitsch diesen düsteren Platz und merkte nicht, daß das rasierte Gesicht des neben ihm sitzenden Leutnants sich ihm immer wieder zuwandte; der Blick, mit dem Leutnant Lichutin sein Opfer streifte, schien von Neugierde erfüllt; Lichutin rückte fortwährend auf seinem Platze hin und her; stieß seinen Nachbar in die Seite; allmählich erriet Nikolai Apollonowitsch, daß der Leutnant es nicht über sich bringen konnte, ihn zu berühren — wenn auch nur mit dem Ellbogen, und er rückte immer weiter fort und beschenkte den anderen mit Seitenpuffen.
In diesem Augenblick riß ein Windstoß Ableuchow den italienischen Hut vom Kopf und er war genötigt, ihn mit unwillkürlichen Bewegungen von den Knien seines Nachbars aufzufangen; er berührte dabei Lichutins kalte Finger und diese Finger zuckten zusammen und sprangen wie durch die Berührung von etwas Widerlichem zurück; der spitze Ellbogen machte eine rückwärtige Bewegung; als hätte der Leutnant Lichutin nicht die Haut seines guten Bekannten, ja seines Spielkameraden, berührt, sondern . . . ein Reptil . . . das man am liebsten . . . mit dem Fuß zerdrücken möchte . . .