Im Salon machte der Senator etwas verwirrt einen Augenblick halt; die außerordentliche Blässe und das nachlässige Aussehen des Sohnes versetzten den Senator in Erstaunen.
Nikolai Apollonowitsch erhob sich an diesem Tage ungewöhnlich früh; nebenbei gesagt, hatte Nikolai Apollonowitsch diese Nacht überhaupt nicht geschlafen: am Abend rollte ein Wagen an das gelbe Haus heran; Nikolai Apollonowitsch sprang aus dem Wagen und begann kräftig zu läuten; als ihm der graue, goldbetreßte Lakai aufgemacht hatte, lief Nikolai Apollonowitsch, ohne den weiten Mantel abgenommen zu haben, die leere Zimmerflucht entlang und sperrte sich in seinem Zimmer ein. Bald darauf begannen vor dem gelben Hause unbekannte Schatten zu spazieren. Nikolai Apollonowitsch wanderte in seinem Zimmer auf und ab; um zwei Uhr in der Nacht, dann um halb drei, selbst um vier hörte man noch immer seine Schritte.
Ungewaschen und übernächtig, saß Nikolai Apollonowitsch im bunten Schlafrock düster vor dem Kamin. Apollon Apollonowitsch, ganz Schimmer und Schauer, blieb unwillkürlich stehen, und auf dem glatten Parkett spiegelte sich sein Glanz; er stand vor einem Trumeau, umgeben von pausbackigen Putten; seine Finger trommelten leise auf der Inkrustation eines Tischchens. Nikolai Apollonowitsch sprang, plötzlich wie zu sich gekommen, auf, wandte sich um und schloß unwillkürlich die Augen: auch ihn blendete der weißgoldene Greis.
Der weißgoldene Greis war ihm Vater; doch verspürte Nikolai Apollonowitsch in diesem Augenblick nicht die geringsten verwandtschaftlichen Gefühle; er empfand im Gegenteil etwas ganz anderes, dasselbe vielleicht, was er schon in seinem Zimmer empfunden hatte; in seinem Zimmer übte nämlich Nikolai Apollonowitsch terroristische Akte an sich selbst: — Nummer eins übte terroristische Akte an Nummer zwei, der Sozialist an dem Edelmann, der Tote an dem Verliebten; in seinem Zimmer verfluchte Nikolai Apollonowitsch sein irdisches Wesen, und da er das Ebenbild seines Vaters war, verfluchte er denselben logischerweise. Es war klar, daß seine Gottähnlichkeit ihn dazu bewog, seinen Vater zu hassen; liebte aber sein irdisches Wesen dennoch den Vater? Dies würde Nikolai Apollonowitsch sich kaum gestanden haben. Lieben? . . . Ich weiß nicht, ob dieses Wort hier am Platz ist; Nikolai Apollonowitsch kannte seinen Vater gewissermaßen mit den eigenen Sinnen, kannte ihn bis zu den verborgensten Seelenwindungen, bis zum Beben der unaussprechlichen Gefühle; noch mehr: er glich, seinen Sinnen nach, dem Vater vollständig; am meisten wunderte es ihn, daß er psychisch nicht wußte, wo er selbst aufhörte und wo in ihm der Geist des Senators begann, des Trägers jenes funkelnden Brillantenordens unter anderen, die jetzt schimmerten auf der goldgestickten Brust. Er stellte sich im Augenblick vor (vielmehr er fühlte sich selbst in dieser prunkvollen Uniform): was hätte er empfunden, angesichts eines solchen unrasierten Kumpans im bunten bucharischen Schlafrock wie er? Es mußte ihm als Verletzung des guten Tones erscheinen. Nikolai Apollonowitsch begriff, daß er Ekel empfunden hätte, daß diesen Ekel jetzt sein Vater empfand. Er begriff auch, daß es ein Gemisch von Haß und Scham war, das ihn bewogen hatte, vor dem weißgoldenen Greis emporzuspringen:
»Guten Morgen, Vater.«
Der Senator aber fuhr fort, mit den Sinnen, instinktiv vielleicht, in dem Sohne das zu sehen, was ihm selbst nicht uneigen war; seinerseits dachte er sich absichtlich im Negligé, den Sohn dagegen als Karrieristen und Emporkömmling ganz weißgolden vor ihn tretend, und — er zwinkerte ängstlich mit den Augen und erwiderte mit äußerst übertriebener Naivität, lustig und besonders familiär:
Der Träger der Brillantenzeichen schien seine eigene Endentwicklung in der Psychik des Sohnes nicht zu erkennen. In beiden war die Psychik zu sehr durch Logik verdrängt. Ihre Psychik erschien ihnen als Chaos, aus dem nur Überraschungen hervorgingen: wenn sie sich aber psychisch berührten, so waren sie wie zwei gegeneinander gerichtete, in einen Abgrund führende Luftlöcher, und vom Abgrund zum Abgrund lief ein höchst unangenehmer Luftzug; diesen Luftzug verspürten jetzt beide; und die Gedanken der beiden mischten sich, so daß der Sohn sicher die Gedanken des Vaters hätte weiterdenken können.
Beide ließen die Augen sinken.
Die undefinierbare Empfindung des Verwandtseins glich am allerwenigsten der Liebe; wenigstens kannte das Bewußtsein Nikolai Apollonowitschs diese Liebe nicht. Dieses undefinierbare Verwandtsein empfand er als schmachvollen physiologischen Akt; in diesem Augenblick würde er das Hervortreten verwandtschaftlicher Gefühle als eine natürliche Absonderung seines Organismus betrachtet haben: Absonderungen dieser Art aber pflegt man weder zu lieben noch zu hassen: man ekelt sich einfach vor ihnen.