An einem der ersten warmen Tage war es, als die Zöglinge zum Baden geführt wurden nach dem sogenannten »Schafgraben«, einem nicht gerade sehr breiten, aber ziemlich tiefen Wasser. Auch bei solchen Gelegenheiten wurden die Neulinge nicht besonders glimpflich behandelt. Wer irgend Furcht zeigte, wurde von dem Lehrer kopfüber in das Wasser geworfen, und nun von seinen Genossen mit Tauchen und Anspritzen weidlich bearbeitet. Auf diese Prozedur hatte man sich bei dem »hochnäsigen Junkerchen« schon lange gefreut.
Die Schar hielt am Schafgraben. Rasch waren die Burschen entkleidet und sahen nun nach Otto, auf dessen »Wasserscheu« sie sich bereits freuten. Der aber hatte seit seinem Bade im Karpfenteiche das Schwimmen ganz wacker betrieben. Er trat jetzt an den Rand des Grabens, mit einem entschlossenen Sprung war er im Wasser, welches über ihm zusammenschlug, und dann war er verschwunden. Die Wellen kräuselten sich leicht über der Flut, man spähte, ob nicht der Knabenkopf emportauchen würde, und es begann eine beinahe unheimliche Spannung und Erregung.
Da kam der Schwimmer, welcher so lange unter Wasser ausgehalten, am anderen Ufer in die Höhe und schüttelte sich lachend, den übrigen aber entschlüpfte ein Ah der Überraschung. Mit dem kleinen Junker von Bismarck war nichts anzufangen, – das war jetzt den Vernünftigeren klar, und besser schien es darum, mit ihm gut Freund zu sein.
Und immer mehr brachte er in diesem Kreise sich zur Geltung. Im Turnen und Fechten tat er es den anderen ebenso zuvor, wie in manchem Wissenszweige, der, wie Geschichte und Geographie, ihm besonders behagte, und in die stramme Hausordnung fügte er sich prächtig ein.
Nur manchmal, wenn ein besonders schöner Tag die Knaben hinausbrachte ins Freie, nach der Hasenheide, wenn er grüne Bäume, wogende Felder und fleißige Knechte darauf sah, wenn die Lerchen neben ihm aufstiegen gegen den blauen Himmel, da überkam ihn eine Sehnsucht nach dem stillen Kniephof oder dem freundlichen Schönhausen, und manchmal lief ihm wohl auch eine Träne über die Wangen, die er nicht mehr zurückdrängen konnte.
Aber er überwand diese Empfindungen, denn er wollte ein starker, fester, tapferer Mann werden, wie er solche in der Geschichte kennen lernte. Und die Geschichte war sein Steckenpferd. Die alte Griechensage vom Kampf um Troja hatte es ihm besonders angetan, und die leuchtenden Heldengestalten, die um das hochgetürmte Ilion stritten, lebten in seiner Phantasie.
Im Plamannschen Garten, weit hinten, stand eine stattliche alte Linde. Auf einem Aste derselben saß er eines schönen Nachmittags, andere Genossen waren gleichfalls heraufgeklettert und wiegten sich auf den Zweigen um ihn her, und wieder andere lagen im Grase. Heute war ein freier Tag, – da wollten die jungen Gemüter ein besonderes Vergnügen haben. Otto von Bismarck aber las begeistert und mit weit vernehmlicher Stimme von dem Kampfe um die Mauer, welche das Lager der Griechen schützen sollte, wo der helmbuschumflatterte Hektor gleich einem Löwen die Seinen anfeuerte und mit Polydamas und Äneas, mit Glaukos und Sarpedon dem furchtbaren Andrang der Argiver wehrte. Immer heißer wogte der männermordende Streit, bis der furchtbare Ajax eingriff.
Und Otto las mit heißen Wangen und glühenden Augen, während die anderen beinahe den Atem anhielten vor Erregung:
»Ajax aber brach einen scharfgezackten Marmorstein zuoberst aus der Brustwehr und zerknirschte damit dem Epikles, einem Freunde des Sarpedon, Helm und Haupt, daß er wie ein Taucher von dem Turme herabschoß. Sarpedon aber klomm aufwärts, durchstach den Alkmaon, den Sohn Thestors, mit der Lanze, faßte dann mit aller Gewalt die Brustwehr, daß sie von seinem Stoß zusammenstürzte; doch Ajax und Teuker begegneten dem Stürmenden. Ajax durchstach ihm den Schild; die Lanze durchdrang ihn schmetternd, und einen Augenblick zuckte Sarpedon von der Brustwehr hinweg. Doch ermannte er sich und feuerte seine Lykier an, die rascher emporstürmten; aber auch die Danaer verdoppelten ihren Widerstand. Über die Brustwehr hieben sie wild aufeinander los, und rechts und links von den Trümmern rieselte das Blut hinab.« Otto ließ das Buch fallen, seine Wangen glühten höher.
»Jungens – das müssen wir spielen!« rief er, und allgemeines Beifallsgeschrei folgte. Im Nu waren die Knaben unten von den Ästen, und die Parteien teilten sich und wählten ihre Führer. Der junge Bismarck war Ajax, der Telamonier.