»Es nützt nichts, er muß aus dem Hause. Hier wird er verzogen, von mir, von dir, von Lotte und von allen. Und am besten ist’s, er kommt zu Plamann, wo er an Bernd eine Stütze hat, daß ihm das Heimweh nicht zu schwer wird. Ich halte dafür, eine rationelle Erziehung nach festen pädagogischen Grundsätzen kann nicht zeitig genug anfangen.«
Herr von Bismarck wollte einige Einwendungen machen, aber er kam gegen die Grundsätze seiner geistvollen, von einem vortrefflichen Vater geschulten Frau nicht auf; seufzend gab er nach, und so ward bestimmt, daß Otto nächste Ostern nach Berlin kommen sollte.
Zweites Kapitel.
Berliner Lernjahre.
An einem Frühlingstage des Jahres 1821 hielt vor dem Hause Wilhelmstraße 139 in Berlin ein Wagen, mit zwei kräftigen Braunen davor und mit dem Bismarckschen Wappen auf dem Schlage. Der alte Kutscher stieg langsam ab und strängte das Handpferd aus, dann hob er aus dem Gefährte einen hübschen, schlanken, sechsjährigen Knaben und trug ihn beinahe zärtlich auf seinen Armen in das Haus.
Das war die Erziehungsanstalt des Professors Plamann, ein im Geiste des großen Pädagogen Pestalozzi gegründetes und geleitetes Institut, das sich trefflicher Lehrer erfreute, wie unter anderen des Begründers des deutschen Turnwesens, Ludwig Jahn.
Als der alte Kutscher mit seinem weiten Mantel in den Mittelflur des Hauses trat, tauchten sogleich überall jugendliche Gestalten auf, die ihn umringten und nach seiner lebendigen Last blickten. Otto von Bismarck, – denn er war es, der auf solche Weise seinen Einzug bei Plamann hielt, – sah mit eiserner Ruhe und fester Sicherheit auf die Gesichter unter ihm nieder, und konnte es wohl auch noch hören, wie es hinter ihm herklang:
»Wieder ein kleiner Junker! – Ein Muttersöhnchen! – Wollen ihn schon rankriegen!«
Dann nahm ihn der Direktor in Empfang, auch dessen Frau und Nichte, und begrüßten ihn mit freundlichem Ernst als neuen Hausgenossen; Bernd bewillkommnete gleichfalls den Bruder, ohne die übliche Tagesordnung zu unterbrechen. Um die nächste Mittagszeit hatte Otto schon seinen Platz an einem Tische im großen Saale, wo Lehrer und Schüler gemeinsam speisten, und mühte sich, sein Gericht, das freilich nicht wie daheim schmeckte, zu bewältigen, um nicht mit seinem Teller auf die Terrasse hinausgestellt zu werden, wo einige, denen das Mahl nicht behagte, sich langsam mit demselben abquälten.
Dem kleinen Neuling blieben manche Neckereien und Hänseleien nicht erspart, und auch sein Bruder konnte ihn nicht ganz davor schützen. Aber des Rates Bernhards, sich nichts gefallen zu lassen, hätte es bei Otto nicht bedurft. Der kleine Mann hatte Selbstgefühl genug, um sich nichts bieten zu lassen, was ihm unwürdig erschienen war, und wie er schon den herkömmlichen »Einweihungsgebräuchen« einen sehr energischen Widerstand entgegengesetzt hatte, so zeigte er auch, daß er das in der Anstalt beliebte Abhärtungssystem und die damit zusammenhängenden körperlichen Unannehmlichkeiten mit festem Gleichmut ertrug.
Gerade das aber reizte manchen seiner Genossen; man sah dies ruhige, feste Wesen für junkerlichen Übermut an, und man hatte sich vorgenommen, ihn bei Gelegenheit tüchtig zu »ducken«.