Im Garten war eine Terrasse, das war die Mauer, und um dieselbe begann nun der Kampf, hitzig, wie um das umstürmte Ilion selber, und die Griechen blieben Sieger.

Das Kriegsspiel ward nun zur wahren Leidenschaft, und Otto erfaßte die Sache mit solchem Ernst, daß er bis ins kleine hinein die Schlachtpläne entwarf und über die Wechselfälle des Kampfes besonders Buch führte. So ging’s bis in den Winter hinein, und dieser erhöhte noch den Reiz der Sache. Die Natur selbst lieferte verschwenderisch das Geschützmaterial, und um die Terrasse wurde, auch unter Beteiligung der Lehrer selbst, in den Freipausen im heftigen Schneeballgefecht gestritten.

Auch dabei war der junge Bismarck der berufene Anführer der einen Schar. So war’s auch an einem prächtigen frischen Wintertage. Die Terrasse hielten die Gegner besetzt und empfingen mit den reich aufgestapelten Geschossen die Anstürmenden. Aber Otto zeigte sich wie ein rechter Feldherr voll Umsicht und persönlicher Tapferkeit. Während er von der einen Seite durch ein heftiges Bombardement den Feind täuschte und seine volle Aufmerksamkeit anzog, brach er auf einer anderen mit einer Handvoll auserwählter Genossen zum Sturme vor und erreichte trotz der heißen Gegenwehr der Überraschten die Terrasse, wo er nun mit den Seinen festen Fuß faßte, wo es aber auch zu einem äußerst erbitterten Handgemenge kam. Für ein Spiel ging es schon beinahe zu weit. Die erhitzten und erregten Parteien schlugen unbarmherzig aufeinander los, und die jungen Helden hatten sich ineinander verbissen, als ob es wirklich für die Ehre des Vaterlandes geschähe.

Das Glockenzeichen rief zum Beginn des Unterrichts. Vergebens. Die Zurufe der Lehrer und ihr persönliches Eingreifen vermochten den Kampf nicht zu beenden, da riß Ajax-Bismarck den Schultornister von seiner Schulter, den er wie ein echter Soldat beim Sturme getragen hatte, und wo der Knäuel der Streiter am dichtesten war, schleuderte er das Geschoß mit solcher Wucht hinein, daß die Kämpfenden auseinanderfuhren und außerdem auch seinem gebieterischen Zuruf gehorchten. Nun konnte es wieder an den Unterricht gehen.

Als derselbe beendet war, wanderte Otto nach der Behrenstraße Nr. 53. Seine Eltern waren in Berlin eingetroffen, um in ihrer Stadtwohnung den Sommer zuzubringen und gesellschaftliche Beziehungen zu pflegen.

Der Vater freute sich an dem frischen kleinen Burschen, die Mutter fand ihren Liebling ein wenig wild, Otto selbst aber hatte nicht viel Behagen in der Behrenstraße. Da war alles so vornehm und steif und still, und auch der Papa seufzte manchmal ein wenig.

»Ja, mein Junge, – mir geht’s wie dir,« sagte er einmal, – »in Kniephof und auf Schönhausen ist’s hübscher; na warte nur bis zum Sommer! Wenn du in die Ferien kommst, dann sollst du ein kleines Pferd haben, und wir reiten zusammen, und auch eine Flinte, und dann soll’s lustig durch Feld und Wald gehen!« – –

So gingen die nächsten Jahre hin, und der Plamannsche Schüler nahm zu an körperlicher Kraft, an Wuchs und Gewandtheit, aber auch an geistigem Besitz, und nach der strengen Ordnung der Schulzeit schmeckte die herrliche Freiheit in den heimischen Gärten und Wäldern doppelt gut, und die alten Bäume im Kniephofer Park schienen dem frischen Junker nur um so hübschere Sachen zuzuraunen.

Als er im Sommer 1827 heimkehrte, hielt ihm zu seiner ganz besonderen Freude die Mutter ein neugeborenes Schwesterchen, das am 29. Juni angekommen war, entgegen, und die kleine Malwine wuchs ihm sehr schnell ans Herz, und wenn er später wieder heimkam, freute er sich auf sie am meisten.

Er besuchte seit demselben Jahre (1827) das Berliner Friedrich-Wilhelms-Gymnasium, gemeinsam mit seinem Bruder, und sie wohnten jetzt beide in der Behrenstraße. Ein Genfer, Monsieur Gallot, hatte sie anfangs zu beaufsichtigen, und er redete mit ihnen nur französisch. Daß aber auch das Deutsche nicht zu kurz kam, dafür sorgte die brave Köchin Trine Neumann aus Schönhausen. Sie liebte ihre beiden Junker und suchte ihnen diese Liebe auch zu beweisen, dadurch, daß sie ihnen möglichst oft ihre Lieblingsspeise, Eierkuchen, bereitete, wobei sie manchmal ihren kleinen Ärger hatte, wenn ihre Pflegebefohlenen zu spät heimkamen und »die Kauken afbackt« waren. Dann konnte sie wohl in ihrem Unmute sich zu den Worten hinreißen lassen: