»Na Jungens, ut juch wat in’n Leben nix Vernünftigs, – dei Kauken sünd all wedder afbackt!«

Im gewohnten Gleichmaß gingen die Tage, nur die Persönlichkeiten um Otto von Bismarck her wechselten. An Stelle Monsieur Gallots traten der Kammergerichtsreferendar Hagens und Philologe Winkelmann, Bruder Bernhard hatte das Gymnasium absolviert und die Uniform angezogen, Trine Neumann war in die Heimat zurückgekehrt, und Otto war an das Gymnasium zum Grauen Kloster und in Pension zu Professor Prevost gekommen, nachdem er Ostern (31. März) 1830 in der Dreifaltigkeitskirche von dem ausgezeichneten Theologen Schleiermacher konfirmiert worden war mit dem Weihespruche: »Was du tust, das tue Gott und nicht den Menschen!«

Unter seinen Lehrern hatte es Professor Bonnell ihm am meisten angetan, und Lehrer und Schüler schlossen sich gegenseitig ins Herz. So kam es, daß Otto in das Haus dieses Mannes übersiedelte und hier in einer freundlichen Giebelstube hauste. Da hinauf trug er die stattlichen Bände einer Weltgeschichte, die er aus der Bibliothek des Professors entlehnte, und abends saß er, zumal im Winter, allein bei der Frau Professor und plauderte ihr vor von den Herrlichkeiten auf Kniephof und von seiner lieben kleinen »Maldewine«.

Vor den Fenstern sang dann wieder der Frühlingswind und erweckte die Sehnsucht hinaus ins Freie und in die jugendgrünende Heimat. Die alte gelbe Postkutsche fuhr in der Straße vorüber, und der Postillon blies sein Lied, so daß der junge Gymnasiast in stiller Wehmut horchte und Semmlers Weltgeschichte eine Weile beiseite schob. Mit dem Herannahen des Sommers aber kam (1831) auch ein unbehaglicher Gast nach Deutschland – die Cholera. Die Eltern in Kniephof waren in Sorge, und eines Tages kam ein Brief von Herrn von Bismarck: Otto solle, sobald auch nur eine Erkrankung in Berlin vorkäme, sogleich nach Hause kommen. Da gab es außer ihm wohl keinen Menschen in der preußischen Hauptstadt, welcher die Cholera so herbeigesehnt hätte, aber sie schien ihm zum Trotz nicht kommen zu wollen.

In der Nähe von Berlin sollte sie bereits sein, und davon wollte er sich wenigstens überzeugen. In einem Reitstall mietete er sich ein Pferd, einen feurigen, dunkelbraunen Wallach, und auf »Nerestan« jagte er jetzt beinahe täglich auf der Straße nach Friedrichsfelde hinaus – »der Cholera entgegen«.

Da kam er eines Tages an der Neuen Wache vorüber. Eben zogen die Soldaten auf unter Trommelschlag und den üblichen Gebräuchen, an einer Ansammlung Neugieriger fehlte es dabei nicht. Und diese Bewegung und der Lärm machten, daß der Wallach plötzlich scheute, einen Seitensprung tat und infolge Ausgleitens niederschlug, wobei der junge Reiter zu argem Schaden kam. Er konnte sich nicht erheben, fremde Leute mußten behilflich sein, ihn in einen Wagen zu bringen, und mit zerquetschtem Fuße trug man ihn hinauf zu Frau Professor Bonnell, die nicht wenig erschrocken war.

Da lag er nun wochenlang, und die Sonne lachte durch die Fenster und lockte, und das Posthorn klang rufend durch die Gasse, ja, selbst die ersehnte Cholera war angekommen, aber er mußte – nicht allzu geduldig – warten, bis die Ärzte ihm gestatteten, Berlin zu verlassen. Da saß er nun endlich eines Morgens hoch oben auf dem Bock neben dem »Schwager«, und hinaus ging’s im langsamen Trott durch die heißen Straßen der Residenz, hinein in die lachende Gotteswelt. Es war kein behagliches Reisen und ging just auch nicht schnell – denn bis nach Stettin brauchte man länger als zwei Tage – aber es bot doch wechselnde Bilder, und der Postillon tat, wenn er in ein Städtchen oder in ein Dorf einfuhr, sein Bestes auf seinem Horne.

Am dritten Tage sah er den alten, lieben Kniephof wieder und umarmte die Eltern und küßte sein Schwesterchen, und dann brach die ganze Lust und Frische, die in den letzten Wochen zurückgedämmt war, wieder durch. Trotz des jüngsten Unfalls jagte er hoch zu Roß durch Wald und Flur, aber er ergötzte sich auch mit stillem Behagen an den lauschigen Plätzen seiner Kinderjahre unter den rauschenden Bäumen des Parkes.

Wie vielfach im Sommer, so nahm auch diesmal die Familie Bismarck einen kurzen Aufenthalt in Schönhausen, das der wackere Inspektor Bellin verwaltete. Es liegt in der Altmark, am rechten Elbufer, da, wo die Havel hereinkommt. Ringsum das märkische Flachland mit Feldern und Wiesen und mageren Kiefernwäldchen dazwischen hatte wenig landschaftliche Reize, aber im Dorfe selbst liegen zwei Herrengüter, und ihre Parke beleben mit dichtem Grün die Szenerie. Das Bismarcksche Herrenhaus ist einfach gebaut; über dem schlichten Portal ist das Kleeblattwappen der Familie, daneben ein anderes – eine Katze mit der Maus – und darunter stehen nebst der Jahreszahl 1707 die Namen: August von Bismarck und Dorothea Sophie Katten.

Hier war Otto geboren, und darum hatte Schönhausen seinen besonderen Reiz für ihn, wenngleich der Park hier kleiner war als in Kniephof. Fröhlich durchschweifte er ihn bei seiner Ankunft; er schreitet durch die Allee von alten, breitästigen Linden, dann hinein zwischen wuchernden Weißbuchenhecken nach dem kleinen Teiche, und nun auf der hölzernen Brücke über den Graben hinaus ins Freie. Da lugt ein steinernes Bild herüber, eine alte, mythologische, nackte Figur, die wenig respektvoll dem Junker ihre Kehrseite zuwendet. Er wirft einen Blick hinüber und schreitet weiter mit der Flinte auf dem Rücken, hinaus ins Feld. Aber es will sich keine Beute finden. Hoch über ihm zieht mit höhnischem Lachen ein Falke seine Kreise, einige Raben kreischen auf den Feldern, aber jagdbares Getier ist nicht zu sehen.