»Ich glaube nicht, daß, nachdem wir so weit gekommen, ein Abbruch der Verhandlungen möglich wäre. Wenn Sie derselben Ansicht sind, wollen wir heute abend das Feuer einstellen.«

In den Augen des Franzosen leuchtete ein Strahl dankbarer Freude auf, als er erwiderte:

»Da ich das Unglück habe, das besiegte Paris zu vertreten, wollte ich nicht um eine Gunst bitten, so sehr mir dies am Herzen lag. Ich nehme gern Ihr Anerbieten an; es ist der erste Trost, den ich in unserem Unglück empfinde. Es war mir ein unerträglicher Gedanke, daß unnützes Blut vergossen wird, während wir über die Bedingungen eines Waffenstillstandes verhandeln.«

»Nun wohl, so lassen wir beiderseits Befehl ergehen, daß das Feuer um Mitternacht schweigt.«

Die Nacht brach ein, da und dort war der Himmel gerötet von Feuersglut, die Kanonen donnerten zornig gegeneinander, um die zwölfte Stunde aber ward es mit einmal still. Ein letzter dröhnender Schuß von der Seinestadt herüber, und kein deutscher Schuß gab die Antwort mehr darauf … Tiefe, beinahe ergreifende Ruhe lag über dem nächtlichen Lande.

Die Waffen hörten nun überhaupt auf zu sprechen, und am 21. Februar trafen die neugewählten Häupter der jungen französischen Republik im deutschen Hauptquartier ein, nachdem sich vorher die Kapitulation von Paris vollzogen hatte; es waren Jules Favre und der greise, redegewandte und diplomatisch erfahrene Adolf Thiers.

So saßen sie abermals um den runden Tisch, der kleine Franzose mit dem glatten, geistvollen Gesicht und den klugen Augen, die hinter glänzenden Brillengläsern hervorschauten, der hagere, blasse Jules Favre und Bismarck in seiner einfachen Uniform mit dem Eisernen Kreuze auf der breiten Brust. Daß den Franzosen die Bedingungen, unter welchen ihrem Lande der Friede gewährt werden sollte, hart erschienen, ist begreiflich, aber der Kanzler wußte, was er notwendig begehren mußte: Die Herausgabe von Elsaß-Lothringen mit den Festungen Belfort und Metz und eine Kriegsentschädigung von 6 Milliarden Francs.

Wenn Thiers jemals den Ruf eines überaus beredten Mannes gerechtfertigt hat, so war es in jenen Stunden, da er alles aufbot, um wenigstens einigermaßen glimpflichere Bedingungen zu erhalten. Wenn auch Elsaß-Lothringen preisgegeben werden mußte, so suchte er doch Metz und Belfort für Frankreich zu retten und die Kontribution zu verringern. Im letzteren Punkte gab Bismarck nach und ging von sechs Milliarden Francs auf fünf herab, im übrigen aber blieb er fest. Bündig, klar und höflich setzte er dies in seinem gewandten Französisch den beiden Gegnern auseinander, und angesichts dieser unerschütterlichen Festigkeit geriet Thiers in heftigere Erregung, so daß er sich zu der Äußerung hinreißen ließ:

»Ah, c’est une spoliation véritable, c’est une indignité« (Ach, das ist ja ein wahrhafter Raub, eine Schlechtigkeit!).

Bismarck hielt den Vertretern des gedemütigten, schwer getroffenen Frankreich viel zugute, aber das ging über das Maß dessen hinaus, was er als Vertreter Deutschlands sich bieten lassen durfte. Er erhob sich von seinem Sitze, richtete sich hoch auf, sah den kleinen, erregten Franzosen durchdringend an und sagte dann kühl und gemessen in deutscher Sprache: