Vor dem Hotel »Zum Schwanen« staute sich die Masse; hier verkehrten die Staatsmänner, welche bei diesem Nachspiel agierten, und man wollte sie sehen, vor allen den einen, den Kanzler des neuen Deutschen Reichs. Interesse hatte man indes für alle. Jetzt kam die hagere Gestalt Jules Favres und schritt langsam durch die Menge, und nicht lange nach ihm erschien der Erwartete. Die Kraftgestalt Bismarcks trat aus dem Tore; das mächtige Haupt auf den breiten Schultern ragte über die herandringende Menge, und begeisterte Zurufe schollen ihm entgegen. Langsam schritt er durch die Straße, und der Jubel klang ihm nach, wohin er ging, bis er plötzlich in eine Gasse abbog und in einem kleinen, freundlichen Hause verschwand.
»Wer wohnt hier? Zu wem geht er?« fragte es in der Menge.
»Hier wohnt der Maler Becker! – Ah, das ist hübsch, daß er hierher geht!«
Ja, er war gekommen, in Erinnerung an die alten, freundlichen Beziehungen die ihm lieben Leute, seine »Sonnenscheinfamilie« zu begrüßen. Diesmal brachte er selbst den Sonnenschein mit in das anmutige Künstlerheim, und mancher Anklang längst verklungener Stunden tauchte wieder auf. Wie war doch alles anders geworden, seit er als Bundestagsgesandter hier in Frankfurt gelebt und sich mit seinen süddeutschen Kollegen und mit dem österreichischen Präsidenten herumgeärgert hatte.
Wenige Tage später erhielt er seine Erhebung in den Fürstenstand, die Ehrengabe seines dankbaren Kaisers und Königs, der ihm außerdem einen erblichen Grundbesitz im Herzogtum Lauenburg verlieh. Und am 20. März sprach in dem neueröffneten ersten deutschen Reichstage Kaiser Wilhelm die schönen Worte:
»Wir haben erreicht, was seit der Zeit unserer Väter für Deutschland erstrebt wurde: Die Einheit und deren organische Gestaltung, die Sicherung unserer Grenze, die Unabhängigkeit unserer nationalen Rechtsentwicklung. Möge die Wiederherstellung des deutschen Reiches für die deutsche Nation auch nach innen das Wahrzeichen neuer Größe sein; möge dem deutschen Reichskriege, den wir so ruhmreich geführt, ein nicht minder glorreicher Reichsfriede folgen, und möge die Aufgabe des deutschen Volkes fortan darin beschlossen sein, sich in dem Wettkampfe um die Güter des Friedens als Sieger zu bewähren. Das walte Gott!«
Wenn irgendeiner in tiefster Seele dies kaiserliche Wort nachempfand, so war es der Reichskanzler, der mit dem Bewußtsein, daß er mit seiner Kraft redlich das Seine zum bisherigen Gelingen des großen Werkes getan habe, das stille Gelöbnis verband, im Dienste seines Vaterlandes und seines Kaisers unermüdlich weiterzuarbeiten.
»Patriae inserviendo consumor! Im Dienste des Vaterlands will ich aufgehen!«
Am 16. Juni feierte Preußen und des neuen Reiches Hauptstadt die Heimkehr der Sieger. Wiederum kamen sie von dem Brandenburger Tor herangezogen, und zwischen zujubelnden Menschenmassen zogen sie einher, geschmückt mit Kränzen und grünen Reisern, und die breite Straße Unter den Linden war überflutet von wehenden Fahnen, geschmückt mit bunten Teppichen und Tüchern, mit Laubgewinden und Blüten. Wie schlugen die Herzen all der Tausende höher, als vor ihrem greisen Heldenkaiser die herrlichen drei, Bismarck, Moltke und Roon, einherritten, und nun der alte, weißhaarige Sieger kam und mit seinem milden, freundlichen, von tiefer Bewegung leuchtenden Antlitz auf sein Volk herniederschaute, das immer neu in endlose Jubelrufe ausbrach, die lawinengleich fortbrausten und immer noch anzuschwellen schienen. Hinter dem Kaiser ritten die beiden Feldmarschälle, Kronprinz Friedrich und Prinz Friedrich Karl, und mit ihnen ein glänzender Zug der deutschen Fürsten. Das war ein Festtag, wie er kaum jemals in Berlin erlebt worden war, und selbst die hereinbrechende Nacht machte der Begeisterung, dem festlichen Wogen kein Ende. In allen Straßen und Gassen leuchtete es auf mit dem Beginnen des Abends, aus allen Fenstern strahlte Lichtglanz, und auch das fernste, kleinste Haus, auch das schlichte Mansardenstübchen wollte heute nicht zurückbleiben.