Eis. Kanzler V.
Wilhelm II. und Bismarck in Friedrichsruh.
Um das Palais des Kaisers wogte die Menge am dichtesten; Vaterlandslieder und stürmische Hochrufe schollen durch diese einzige Sommernacht, und wie ein Echo klang es verhallend herüber aus der Wilhelmstraße, wo Tausende und Abertausende um das Palais des Kanzlers sich zusammenfanden zu stürmischen Huldigungen. Beim strahlenden Lichterschein aber flatterte eine mächtige Fahne aus der Wohnung Bismarcks, und was auf ihr geschrieben stand, rief immer aufs neue das herrliche Dichterwort hinein in die Herzen der begeisterten Menge:
Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern,
In keiner Not uns trennen und Gefahr!
Elftes Kapitel.
Des neuen Reiches Kanzler.
Im freundlichen Badeorte Kissingen war die Saison in vollem Gange, und der Sommer des Jahres 1874 hatte auch die anmutige bayrische Stadt nach gewohnter Weise lieblich und festlich herausgeputzt, und zahlreiche Gäste aus allen Weltgegenden suchten hier Genesung und Erholung. Zu Anfang des Juli war auch der deutsche Reichskanzler hier eingetroffen und bildete beinahe den mächtigsten Anziehungspunkt des schönen Kurorts, dessen zweifellos berühmtester Besucher er war. Wo er ging und fuhr, blieb man stehen, drängte man sich näher heran, freute man sich seines Grußes und war man stolz, wenn man eines Wortes von ihm gewürdigt wurde.
An einer Straßenbiegung stand um die Mittagszeit des 13. Juli eine größere Anzahl von Damen und Herren. Man wußte, daß der Kanzler um diese Zeit hier vorüber nach seiner Wohnung im Hause des Dr. Diruff fahren werde. Zwei vornehm aussehende Herren gingen langsam auf und ab in lebhaftem Gespräche; der eine sagte:
»Deutschland darf mit Recht stolz sein auf ihn; er ist der größte Staatsmann, welchen es vielleicht jemals besessen hat.«
»Wissen Sie, daß eine solche Anerkennung gerade aus Ihrem Munde besonderen Wert hat?« sagte der andere.