»Weshalb?«

»Weil Sie Österreicher sind, und dazu noch ein begeisterter Österreicher, bei dem es schwer wiegt, wenn er das Jahr 1866 Bismarck vergibt und seine Größe so voll anerkennt.«

»Ja, der Schlag von damals hat uns weh getan, und ich habe wie Tausende meiner Landsleute ihm gegrollt, aber zuletzt muß ruhige Überlegung und vorurteilslose Betrachtung seiner Erfolge ihm die Herzen gewinnen, zumal aller, die deutsch reden und empfinden, ob sie im neuen Reiche oder in Österreich wohnen. Wie herrlich hat er es verstanden, mit den ehemaligen Gegnern an der Donau seinen Frieden zu machen; seinen Bemühungen war im Jahre 1872 die Zusammenkunft der drei Kaiser von Deutschland, Österreich und Rußland in Berlin zu danken, und was dieselbe für den europäischen Frieden bedeutet hat, wissen wir alle.«

»Gewiß, aber nicht minder bewundere ich als Engländer seine Tatkraft und Energie der Anmaßung Roms gegenüber. Das Konzil, das die Unfehlbarkeit des Papstes zum Dogma gemacht hat, hat viel Unheil gebracht und hätte dem protestantischen Kaisertum eine schwere Schädigung zufügen können, wenn Bismarck nicht wie der getreue Eckart zum Schutze der Rechte der Krone und des deutschen Volkes eingetreten wäre. Die Maigesetze (vom 15. Mai 1873) haben der römischen Anmaßung einen Damm gesetzt. Die katholischen Priester sollen bei ihrer ganzen Ausbildung und die geistlichen Oberhirten bei deren Anstellung eingedenk bleiben, daß sie nicht außerhalb der Nation stehen, sondern zu dieser sich zu zählen haben. Aber verzeihen Sie – Sie sind selbst Katholik –«

»Aber ein solcher, der das Wort: ›Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist,‹ verstanden zu haben meint, und dem die Äußerung Bismarcks in der Sitzung vom 14. Mai 1872: ›Seien Sie außer Sorge, nach Canossa gehn wir nicht!‹ die Seele erfreut und erwärmt hat – doch sehen Sie, hier kommt er!«

Die beiden Männer standen still und sahen in der Richtung nach der Saline hin, von woher ein offener Wagen heranrollte. Im Fond lehnte der Kanzler, mit dem gewohnten breitrandigen Schlapphute auf dem mächtigen Haupte, und dankte freundlich den Grüßen, welche von allen Seiten her ihm entgegengebracht wurden.

Die zwei Herren zogen ebenfalls ihre Hüte ab, als der Wagen vorüberfuhr, dann sahen sie ihm nach und kehrten zu ihrem Gespräche zurück. Plötzlich vernahmen sie einen Knall, kurz und scharf, und der Engländer rief:

»Das war ein Schuß!«

Gleich darauf eilten beide in der Richtung hin, woher der Schall gekommen war, dem Wagen Bismarcks nach. An einer der nächsten Straßenecken bereits drängte sich eine dichte Menge Volkes, geballte Fäuste hoben sich in die Lüfte, und nun wurde auch ein bleicher, aufgeregter junger Mensch dahergeschleppt, gegen welchen sich drohend der Unmut und Zorn der Menge wendete.

»Er hat auf Bismarck geschossen – der Hund!« So lief es unheimlich von Mund zu Mund – dazwischen klangen Fragen nach dem Kanzler.