»Er ist an der Hand verwundet, die er zum Gruße gehoben hat.«

Der Wagen, in welchem Bismarck gesessen, hatte angehalten, er selbst war ausgestiegen, und um ihn drängten sich nun alle. Freudig begeisterte Zurufe mischten sich mit lebhaften Kundgebungen der Teilnahme und des heiligen Zornes, und immer dichter scharte es sich um ihn her, als wollten alle eine Mauer bilden zum Schutze um den teuren Mann, und wenig fehlte, so wäre er im Triumphe heimgetragen worden.

Entsetzt und erschreckt vernahm die Gräfin sowie Komtesse Marie, was geschehen war, und wie einst in Berlin, so war er selbst auch hier am meisten gefaßt und ruhig. Er ließ sich den Attentäter vorführen. Dieser war ein Böttchergeselle aus Magdeburg, namens Kullmann, der durch die fanatischen Worte seines Pfarrers zu seinem Verbrechen getrieben worden war und unumwunden eingestand, daß er Bismarck habe töten wollen wegen der von demselben ausgegangenen Kirchengesetze.

Mit einer Mischung von Abscheu und Mitleid betrachtete der Kanzler den irregeleiteten Burschen, der auch aus deutschem Blute entsprossen war und in seiner Verblendung die Mörderfaust heben konnte gegen einen Mann, der in allem, was er tat, nur seines Volkes Ehre und seines Vaterlandes Größe im Auge hatte.

Die Aufregung, welche durch das freundliche Kissingen ging, war groß, gewaltiger noch jene, welche das ganze deutsche Land durchzitterte. An dem Abend des unseligen Tages aber fanden sich Tausende von Menschen ein vor dem freundlichen Hause des Dr. Diruff, um ihrem Herzen Luft zu machen und ihre Liebe und Begeisterung für Bismarck zum Ausdruck zu bringen. Stürmische Hochrufe brausten empor; man wollte den Mann sehen, welchen die Huld des Himmels so augenscheinlich behütet hatte, und endlich trat er heraus auf den Balkon, tiefbewegt über die Kundgebungen treuer Anhänglichkeit und liebender Teilnahme.

Er winkte mit der unverwundeten Hand – man verstand, daß er sprechen wolle, und tiefe, feierliche Stille lag ringsum. In diese hinein klang die ruhige sonore Stimme, weithin vernehmbar:

»Ich danke Ihnen herzlich für die wohltuende Teilnahme, die Sie mir bekunden, und die mich herzlich freut. Es geziemt mir nicht, weiteres über den heutigen Vorgang zu reden. Die Sache ist dem Urteil des Richters übergeben. Das aber darf ich wohl sagen, daß der Schlag, der gegen mich gerichtet war, nicht meiner Person galt, sondern der Sache, der ich mein Leben gewidmet habe: der Einheit, Unabhängigkeit und Freiheit Deutschlands. Und wenn ich auch für die große Sache hätte sterben müssen, was wäre es weiter gewesen, als was Tausende unserer Landsleute betroffen hat, die vor drei Jahren ihr Blut und Leben auf dem Schlachtfelde ließen! Das große Werk aber, das ich mit meinen schwachen Kräften habe beginnen helfen, wird nicht durch solche Mittel zugrunde gerichtet werden, wie das ist, wovor Gott mich gnädig bewahrt hat. Es wird vollendet werden durch die Kraft des geeinigten Volkes. In dieser Hoffnung bitte ich Sie, mit mir ein Hoch zu bringen dem geeinigten deutschen Volke und seinen verbündeten Fürsten!«

Begeistert und aus bewegten Herzen stimmte die Menge in den Ruf ein, der in allen Gauen Deutschlands frohen Widerhall fand.


Wer in den siebziger Jahren in die Hauptstadt des deutschen Reiches kam, konnte wohl erstaunt und erfreut sein über die Rührigkeit, die sich auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens zeigte, wie über die Verschönerungen auf den Plätzen und in den Straßen, durch Gebäude und Denkmäler. Am Sedanstage 1873 war das imposante Siegesdenkmal auf dem Königsplatze eingeweiht worden, im nächsten Jahre die herrliche Nationalgalerie; das Zeughaus hatte durch einen Umbau hervorragend an Schönheit und monumentaler Bedeutung gewonnen, Museen und Galerien wuchsen aus der Erde empor, und unter den Denkmälern war es besonders jenes der unvergeßlichen Königin Luise, welches Auge und Herz gefangen nahm.