Und wer nach Berlin kam, verabsäumte auch nicht, nach der Wilhelmstraße zu wandern, um das schlichte Palais zu sehen, in welchem der Mann wohnte, der »Deutschland in den Sattel gehoben hatte«, und dem es zu danken war, daß es im Völkerrate eine hervorragende, ja, die erste Rolle spielte. Das konnte zumal einem Besucher klarwerden, der in den Junitagen des Jahres 1878 nach der Wilhelmstraße kam und sah, wie in den Mittagsstunden ein Wagen nach dem anderen heranrollte, und hörte, wer die Besucher des Reichskanzlerpalais waren. Die Staatsmänner sämtlicher europäischen Großmächte fanden sich hier zusammen zu wichtigen Beratungen, und wenn wir in den vornehmen, doch einfachen Sitzungssaal einen Blick werfen, sehen wir den österreichischen Kanzler Grafen Andrassy in seiner goldstrotzenden Husarenuniform neben dem russischen Kanzler Grafen Gortschakoff, der durch seine glänzenden Brillengläser mit seinen klaren, scharfen Augen Umschau hält; ihm zur Seite steht Graf Schuwaloff, der russische Botschafter, im Gespräche mit dem hageren englischen Ministerpräsidenten Beaconsfield, und dem italienischen Gesandten Grafen Corti; der Charakterkopf des Lords Odo Russel taucht neben den mit dem Fez bedeckten Häuptern von Mohammed Ali Pascha und Karatheodori Pascha auf; mit dem ungarischen Grafen Caroly konversieren lebhaft die Gesandten Frankreichs, Waddington und Desprez … und unter all diesen bedeutenden Persönlichkeiten steht Graf Bismarck, hervorragend durch seine äußere Erscheinung sowie durch seine Stellung, welche ihm in diesem Kreise angewiesen ist.

Das ist der europäische Friedenskongreß, welcher auf Bismarcks Anregung zusammengetreten ist, um nach Beendigung des im Jahr 1877 geführten Krieges zwischen Rußland und der Türkei weitere feindselige Verwicklungen fernzuhalten, und der deutsche Kanzler ist der Präsident des Kongresses und leitet die Verhandlungen mit seiner sicheren Ruhe und energischen Klarheit. Und Europa durfte ihm Dank dafür wissen. Er wollte dabei nicht mehr sein als »der ehrliche Makler«, und das Wort hat er redlich eingelöst.

Der Kongreß war aber zu einer Zeit zusammengetreten, da das Herz des Kanzlers noch blutete unter dem Nachklang ungeheurer Freveltaten, welche das ganze deutsche Volk tief erschüttert hatten.

Schon am 11. Mai nachmittags hatte ein verkommenes Individuum, der Klempnergeselle Hödel, ein Attentat verübt gegen den greisen Kaiser Wilhelm, aber Gott hatte schützend seine Hand gehalten über dem geweihten, vielgeliebten Haupte.

Da geschah das Unglaubliche, Ungeheure zum zweiten Male. Als Kaiser Wilhelm am 2. Juni die Straße Unter den Linden dahinfuhr, fielen aus dem zweiten Stockwerk des Hauses Nr. 18 rasch nacheinander zwei Schüsse. Zahlreiche starke Schrotkörner drangen in Kopf, Arm und Rücken des greisen Helden, der blutüberströmt, auf seinen Leibjäger gestützt, im offenen Wagen dahinfuhr, während die zornig erregten Zuschauer des entsetzlichen Vorgangs in das Haus eindrangen, von welchem aus der Attentäter gefeuert hatte. Die Tür seines Zimmers wurde aufgesprengt, einige Offiziere, Kriminalschutzleute und andere Personen drangen ein, noch zwei Schüsse krachten ihnen entgegen, am Ofen des Gemaches aber lehnte mit blutigem Antlitz ein Mensch, der nach seiner Freveltat bereits Hand an sich selbst gelegt hatte. Rasch war er überwältigt und in Haft gebracht, und es ergab sich, daß er der Landwirt Dr. phil. Nobiling war, und ebenso wie Hödel durch die fanatische Verhetzung der Sozialdemokratie zu dem furchtbaren Verbrechen veranlaßt worden war.

Wie ein Lauffeuer war die entsetzliche Kunde durch Berlin geflogen, der Telegraph hatte sie fortgetragen durch die Welt und hatte sie schnell genug auch nach dem stillen Friedrichsruh gebracht, wo der Kanzler an der Gürtelrose erkrankt war. Da schreckte er empor, er vergaß seine Krankheit und eilte an das Schmerzenslager seines teuren, greisen Herrn. Noch sah er die Wunden auf dem geliebten Angesicht, und Schmerz, heiliger Zorn und glühende Hingebung erfaßten den gewaltigen Mann. Er fühlte, wie es ihm heiß in die Augen stieg, aber er gelobte sich auch in dieser Stunde auszuhalten bei seinem Kaiser, solange ihn dieser nicht entlassen würde.

Aber auch dem furchtbaren Feinde galt es zu Leibe zu gehen, der das Mark des deutschen Volkes zu vergiften sich bemühte, und der durch seine verhetzenden Grundsätze deutschgeborenen Männern die Mordwaffe gegen ihren Kaiser in die Hand gedrückt hatte – der Sozialdemokratie. Und unter dem Eindruck der fluchwürdigen Tat Nobilings stimmte der Reichstag dem von dem Kanzler ihm vorgelegten Ausnahmegesetz gegen die Sozialdemokratie zu.

Wie ein zorniger Löwe war er eingetreten für dies Gesetz, das dem Schutze des friedlichen Bürgers dienen sollte, und ergreifend klangen die Worte, welche er im Reichstage sprach, durch alles deutsche Land:

»Wenn die sozialistischen Agitatoren den Leuten, die zwar lesen, aber nicht das Gelesene beurteilen können, glänzende Versprechungen machen, dabei in Hohn und Spott, in Bild und Wort alles, was ihnen bisher heilig gewesen ist, als einen Zopf, als eine Lüge darstellen, alles das, was unsere Väter und uns mit dem Motto: »Mit Gott für König und Vaterland!« geführt und begeistert hat, als eine hohle Redensart, als einen Schwindel hinstellen, ihnen den Glauben an Gott, den Glauben an unser Königtum, die Anhänglichkeit an das Vaterland, den Glauben an die Familienverhältnisse, an den Besitz, an die Vererbung dessen, was sie für ihre Kinder erworben, ihnen alles das nehmen, so ist es doch nicht allzu schwer, einen Menschen von geringem Bildungsgrade dahin zu führen, daß er schließlich mit Faust spricht: »Fluch sei der Hoffnung, Fluch dem Glauben und Fluch vor allem der Geduld!« Ein so geistig verarmter und nackt ausgezogener Mensch, was bleibt dann dem übrig, als eine wilde Jagd nach sinnlichen Genüssen, die allein ihn noch mit diesem Leben versöhnen können! Wenn ich zu dem Unglauben gekommen wäre, der diesen Leuten beigebracht ist – ja, meine Herren, ich lebe in einer reichen Tätigkeit, in einer wohlhabenden Situation; aber das alles könnte mich doch nicht zu dem Wunsche veranlassen, einen Tag länger zu leben, wenn ich das, was der Dichter nennt: »an Gott und bessere Zukunft glauben«, nicht hätte. – Rauben Sie das dem Armen, dem Sie gar keine Entschädigung gewähren können, so bereiten Sie ihn eben zu dem Lebensüberdruß vor, der sich in ruchlosen Taten äußert, wie wir sie soeben erlebt haben.«

In jenen Tagen tiefgehender Erregung war ihm der Frieden seines Hauses und Heims doppelt wertvoll, und die Stunden im Kreise seiner Familie, im vertrauten Verkehr mit Freunden und selbst parlamentarischen Gegnern an seinem Herde boten manche Anregung und Erholung.